Sustainable Economy Summit 2026

Nachhaltige Wirtschaft: „Alles und nichts hat sich verändert“


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Katharina Reuter: „Alles und nichts hat sich verändert“

Nachhaltigkeit gegen den Wind – wie hält man Kurs? Prof. Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft (BNW), über 34 Jahre Überzeugungsarbeit, das Geheimrezept aus Improvisation und Konsequenz und warum echte Preise der beste Klimaschutz wären.

Beim Sustainable Economy Summit in Berlin bringt der BNW die Stimme der nachhaltigen Wirtschaft ins politische Zentrum. Seit 1992 kämpft der Verband dafür, dass Ökologie, Soziales und Ökonomie keine Gegensätze sind, sondern eine Einheit. Im Interview spricht Geschäftsführerin Prof. Dr. Katharina Reuter darüber, wie man hartnäckige Skeptiker überzeugt, warum Ängste ernst genommen werden müssen und wo die Grenze zwischen strategischer Allianz und Glaubwürdigkeitsverlust liegt. Ihr Fazit: Die Bremsschuhe knacken wir nur gemeinsam – und mit wahren Preisen, die den Markt automatisch in Richtung Klimaschutz lenken.

Katharina Reuter (1)

Frau Reuter, der BNW setzt sich seit 1992 für eine nachhaltige Wirtschaft. Was hat sich in dieser Zeit fundamental verändert, wenn es darum geht, Widerstände zu überwinden?

Alles und nichts. Unsere Überzeugung, dass Ökologie, Soziales und Ökonomie zusammengehören ist auch 34 Jahre später noch aktuell. Auch Widerstände gab es immer. Verändert hat sich das Umfeld. Nach dem Nachhaltigkeitshype der 2010er bewegen wir uns heute in einem Umfeld, in dem rationale, wirtschaftliche Fakten scheinbar nicht mehr zählen. Ich denke nur an die skurrile Debatte rund um Technologieoffenheit oder das Heizungsgesetz.

Gibt es einen Moment, der Sie besonders stolz macht, wo der BNW hartnäckige Skepsis in echte Zustimmung verwandelt hat?

Besonders stolz sind wir auf unsere Mitwirkung am Erneuerbare-Energien-Gesetz. Deutschland hat sich damals etwas getraut, ist in Vorleistung gegangen und Weltmarktführer geworden. Leider ist es nicht gelungen, diesen Vorsprung zu halten. Aber es war ein Meilenstein für den Einstieg in die Erneuerbaren, der bis heute trägt.

Klare Kante zeigen bei Missachtung des Grundgesetzes

Was hat bei Ihnen den entscheidenden Unterschied gemacht: Strategie, Hartnäckigkeit oder der richtige Zeitpunkt?

Unser Geheimrezept besteht aus Improvisation, Konsequenz und einem klaren Ziel. Als eingetragener Verein ist unser übergeordneter Satzungszweck der Umwelt- und Klimaschutz. Das ist unsere Leitlinie, auf die all unsere Tätigkeiten einzahlen müssen. Neben harten Fakten hilft uns auch die Stimme unserer 700 Mitglieder, glaubwürdig für eine bessere Wirtschaft einzutreten. Wir reden mit allen demokratischen Parteien, aber zeigen klare Kante, wenn jemand das Grundgesetz missachtet. 

Welche Rolle spielt das Framing? Wann ist es sinnvoll, wirtschaftliche Argumente in den Vordergrund zu stellen und wann eher nachhaltige Werte?

Als Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft sind wir die gelebte Praxis, dass sich Nachhaltigkeit wirtschaftlich rechnet. Wer mit uns spricht, wird also nie einseitig nur über Wirtschaftlichkeit oder Nachhaltigkeit reden, sondern immer über das „Und“. 

Grundsätzlich gilt: Wir überzeugen mit wirtschaftlichen Argumenten im Hier und Jetzt und appellieren an die Politik, wenn es um die Wirtschaft von Morgen geht. Die eskalierende Klimakrise macht Bürger:innen und Politik immer stärker bewusst, was auf dem Spiel steht. Damit wir als Gesellschaft von der Wahrnehmung ins Handeln kommen, braucht es Lösungen – die liefern unsere Mitglieder.

Vor dem ersten Aufruf: Warum der BNW heute keine Appelle mehr ohne namhafte Unterstützer startet

Gibt es eine Lektion aus einem Misserfolg, die Sie heute als genauso wertvoll einschätzen wie jeden Erfolg?

Wir initiieren regelmäßig Wirtschaftsappelle – für den Klimaschutz, für die demokratische Grundordnung und für faire Wettbewerbsbedingungen. Dabei erfahren wir viel Zustimmung, selbst von Verbänden, Unternehmen und Kammern, die uns in anderen Fragen selten unterstützen. Überraschend war für uns, wie stark sich diese Akteure an großen Partnern orientieren, bevor sie selbst öffentlich Stellung beziehen. Deshalb starten wir heute keine Aufrufe mehr ohne mindestens zwei bis drei namhafte Unterstützer, deren Engagement anderen als Signal dient.

Welche Verharrungskräfte sind aus Ihrer Sicht die zähesten: Sind es Lobby-Interessen, politische Trägheit oder kulturelle Muster in Unternehmen?

Verharrungskräfte finden sich besonders im Zusammenspiel aus traditionellen Lobbyverbänden und Politik. Die Gesellschaft und die Wirtschaft sind oft weiter als wir denken. Letztes Jahr hat der Guardian in einer Meta-Studie gezeigt, dass 80-89 Prozent der weltweiten Bevölkerung von ihren Politiker:innen fordern, mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen. Der Politik sind diese Werte selten bewusst. Hinzu kommen die Kammern, die im Diskurs extrem mächtig sind – aber häufig bremsen. Erst kürzlich hat die DIHK ein Positionspapier zum Klimaschutz veröffentlicht, das intern von vielen IHK-Mitgliedern stark kritisiert wurde. Dennoch werden die Einschätzungen darin als Position „der“ Wirtschaft dargestellt. 

Haben Sie erlebt, dass gut gemeinte Kommunikation Abwehr erzeugt hat? Und wenn ja, wie haben Sie umgesteuert?

So breit die Zustimmung zum Klimaschutz sein mag – die letzten Jahren haben auch gezeigt, wie wirksam Ängste in Politik und Gesellschaft sind. Diese Ängste müssen wir anerkennen und überwinden. Unsere Mitglieder zeigen, wie die Wirtschaft von morgen aussieht. Diese Beispiele bringen wir nach vorne und sprechen statt von Transformation und Umbrüchen verstärkt von Innovation und Modernisierung. Der Umweltschutz braucht breite Allianzen, um die Zukunft im Hier und Jetzt greifbar zu machen und damit Ängste zu überwinden. 

Aus der Bubble rausgehen

Koalitionen mit ungewöhnlichen Partnern – etwa mit Unternehmen, die man früher kritisiert hat – können Türen öffnen. Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen strategischer Allianz und Glaubwürdigkeitsverlust?

Unsere Grenze ist unsere Satzung. Wir verstehen uns als verbindendes Element zwischen Nationen, Kulturen, Religionen und sozialen Schichten und integrieren Menschen unabhängig von Geschlecht, Abstammung, Hautfarbe, Glaube, sozialer Stellung und sexueller Identität. Wenn Partner das missachten, gezielt spalten oder Fehlinformationen streuen, kann es keine Zusammenarbeit geben. 

Ansonsten sprechen wir gezielt auch mit Akteur:innen, bei denen Nachhaltigkeit nicht auf Platz Eins der Prio-Liste steht. Nur wenn wir aus der Bubble rausgehen, kann es gelingen, Nachhaltigkeit in der gesamten Gesellschaft zu stärken. 

Wenn sich dieselbe Runde des Sustainable Economy Summit in fünf Jahren wieder trifft: Was müsste bis dahin passiert sein, damit die Teilnehmenden sagen können: „Wir haben die Bremsschuhe wirklich geknackt“?
 
Wirklich etwas erreicht haben wir schon jetzt. Der Sustainable Economy Summit trägt die Stimme der nachhaltigen Wirtschaft mitten und unüberhörbar in das politische Berlin. Die Bremsschuhe haben wir geknackt – um bei Ihrer Metapher zu bleiben –, wenn in fünf Jahren nicht mehr nur der Sustainable Economy Summit den Rückenwind bringt, sondern die gesamte Wirtschafts-Kongresslandschaft das Thema Nachhaltigkeit auf der Agenda hat.

Und mit Blick auf die politische Rahmung: Wir brauchen wahre Preise, damit der Markt auch Umwelt- und Klimaschutz automatisch regelt. 

Sustainable Economy Summit – Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft
Der Sustainable Economy Summit findet am 21. und 22. April 2026 in der AXICA in Berlin statt. Die gemeinnützige Konferenz bringt Entscheidungsträger:innen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen und zeigt, wie Unternehmen im Einklang mit planetaren Grenzen wirtschaften können.

Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft von Bundesumweltminister Carsten Schneider. Prof. Dr. Katharina Reuter moderiert die Session „Zwischen Fakten & Gefühlen: Das neue Narrativ der Energiewende" am 21. April. Haufe Sustainability ist Medienpartner der Veranstaltung.

www.sustainable-economy-summit.org

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