Das Statement kam schnell. Kaum zwei Stunden nach der ersten Hochrechnung kommentierte die GLS Bank das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt: „Der Wahlsieg einer rechtsextremistischen Partei bringt fundamentale Errungenschaften unserer Gesellschaft und potentiell die Demokratie selbst in Gefahr“, ließ sich Vorständin Aysel Osmanoglu zitieren. „Eine AfD-geführte Landesregierung würde viele derer unter Druck setzen, die wir als Bank der Zivilgesellschaft zu unseren Kund:innen zählen.“
Das war deutlich. Und entsprach einer Haltung, die sich viele Menschen von nachhaltig orientierten Unternehmen wünschen: Bei gesellschaftlich wichtigen Themen nicht untätig bleiben, nicht schweigen, sondern Verantwortung übernehmen – über das Ökonomische hinaus.
Corporate Political Responsibility als Pflichtaufgabe
„Werdet politisch!“ lautete die Überschrift eines 2022 veröffentlichten Debattenbeitrags der Bertelsmann-Stiftung, der in Wirtschaftskreisen eine breite Diskussion über Corporate Political Responsibility (CPR) auslöste. Die Autoren erklärten gesellschaftspolitische Haltung und die Ableitung gezielter Handlungen zur Pflichtaufgabe für Unternehmen: „Es handelt sich um Investitionen in die politischen Vorbedingungen ihres ökonomischen Erfolgs. Denn Prosperität hängt maßgeblich von Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Vielfalt und anderen Gütern ab, die in Demokratien besonderen Schutz finden.“
Einige prominente Unternehmenslenker wie Drogerie-Erbe Raoul Roßmann („Ich möchte Björn Höcke nicht bei uns in der Firma begrüßen“ ) oder Siemens-Energy-Aufsichtsrat Joe Kaeser („AfD die völlig falsche Partei“ ) haben sich diese Sichtweise zu eigen gemacht. Nicht zuletzt in der grünen Business-Community kam die Botschaft an, wie der Sustainable Economy Summit im April in Berlin zeigte, einem branchenübergreifenden Kongress mit fast 500 Teilnehmern. Demokratie und Rechtsstaat seien ebenso Standortfaktoren wie stabile ökologische Bedingungen, hieß es da. Neben einer Positionierung über den CEO wurden Maßnahmen wie öffentliche Wahlaufrufe, Counter Speech auf Social Media, interne Kommunikation und Weiterbildung diskutiert.
Lehre aus der NS-Zeit: Unternehmen sollten sich neutral verhalten
Der Trend bedeutet eine Abkehr von einem jahrzehntelangen Konsens in der Unternehmenskommunikation: Einzelne Firmen sollten sich gerade nicht zu allgemeinpolitischen Themen äußern. Unternehmungen wurden als neutrale und rationale Organisationen definiert, mit klarem Fokus auf wirtschaftlichen Erfolg. Lobbyarbeit bei betriebswirtschaftlich relevanten Spezialfragen galt als zulässig, eine Einmischung in die Parteipolitik nicht. Die Haltung war auch eine Lehre aus dem Nationalsozialismus, in dem Unternehmensführer wie Ferdinand Porsche den Kotau vor Adolf Hitler machten.
Wird heute umgekehrt ein Schuh draus – sind Unternehmen moralisch verpflichtet, die in Teilen rechtsextremen AfD zu verurteilen, um die Demokratie zu retten?
Warnung vor dem „Othering“ der Wähler
Wenn es nur so einfach wäre. Der Soziologe Hartmut Rosa warnt in einem bemerkenswerten SZ-Interview vor dem sogenannten Othering, das Wähler der AfD aus dem demokratischen Diskurs ausschließt. Immerhin sei die Partei „zugelassen zu demokratischen Wahlen und demokratisch gewählt“. Die Wahrnehmung im Osten Deutschlands sei zunehmend: „Wenn du anderer Meinung bist, oder auch nur Angst hast, wirst du als Undemokrat, gar als Nazi dargestellt (...) Da sagen die Leute irgendwann: Dann bin ich halt ein Nazi.“
Ob Statements wie das von der GLS-Bank eine über die eigene Kundschaft hinausgehende Wirkung haben, darf mithin getrost bezweifelt werden.
Folgen des Rechtsrucks möglichst konkret beschreiben
Und jetzt? Ein Vorschlag: Wenn CPR, dann sehr konkret, sachorientiert und faktentreu. Gern auch von Unternehmen, die von der Umsetzung eines (rechts)radikalen Wahlprogramms direkt betroffen wären. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel will die AfD die grüne Wasserstoffstrategie des Landes stoppen und Solarparks boykottieren. Was würde das für den Chemiepark Leuna bedeuten, einem Herzstück der industriellen Infrastruktur, in dem Linde schon heute im großen Stil grünen Wasserstoff produziert ? Wie würde sich ein Aus für Photovoltaik-Freiflächenanlagen auf Landwirte und ortsansässige Spezialisten auswirken, wie ASG Energie im anhaltinischen Köthen?
Zielgruppenanalyse und Markenidentität nicht vergessen
Bei allem guten Willen muss eins klar sein: Wer Flagge zeigt, darf dadurch nicht die Existenz des Unternehmens gefährden. Politische Positionierung ist immer auch Marketing, setzt eine professionelle Analyse der Zielgruppe und deren Wahrnehmung voraus. Der Auftritt muss zur Markenidentität passen. Es wirkt opportunistisch, wenn ein Unternehmen wie Fritz-Kola von provokativen Polit-Kampagnen umschwenkt auf heitere Belanglosigkeiten, weil der bisherige Kurs einen Teil der Kunden verprellt. Dann vielleicht doch besser als Unternehmen die Klappe halten – und sich privat um so mehr engagieren.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!