Du willst, dass sich was ändert? Dann musst du halt was tun! Kennst du diesen Spruch? Hast du ihn vielleicht selbst schonmal gedacht oder gar jemandem empfohlen?
Ganz ehrlich? Ich liebe dieses Mindset! Da draußen ist was, was mir nicht gefällt? Dann mach ich was, dann pack ich an und zack ist es besser! Ist ja auch irgendwie logisch. Die Nachhaltigkeitswelt ist voll von Menschen, die so ticken - leidenschaftliche Macher:innen und Weltverbesser:innen.
Doch leider gibt es Nebenwirkungen: Wer glaubt, mehr zu bewirken, je mehr er oder sie macht, gerät irgendwann an mentale und körperliche Grenzen. Denn noch mehr machen geht immer. Irgendwas ist immer zu tun. Irgendwas kann immer optimiert werden. In der Care Arbeit wird sich noch mehr gekümmert. In der Nachhaltigkeitswelt noch länger gearbeitet. Viele Impact-Gründer:innen sind ausgebrannt. Und irgendwann geht gar nichts mehr. Das Versprechen von viel hilft viel, erfüllt sich leider nicht allumfassend, so logisch es auch erscheinen mag.
Der Additions Bias: Warum wir immer mehr hinzufügen wollen
Woran liegt das? Was treibt uns da an? Und vor allem: Gibt es einen anderen Weg?
In einer Studie der University of Virginia, die 2021 in „nature“ erschien, wurde untersucht, welche Strategien Menschen normalerweise anwenden, um - beispielhaft - Texte, Situationen oder auch die Einrichtung eines Zimmers zu verbessern. Du kannst selbst den Test machen: Frage eine:n Kolleg:in danach, wie sie:er eurer Büro verschönern würde. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass er:sie noch ein Bild aufhängen oder ein paar Pflanzen vor dem Fenster platzieren würde, also entscheiden würde, etwas hinzuzufügen. Menschen übersehen in den meisten Fällen Lösungen, die nicht über Addition sondern über Subtraktion funktionieren - selbst wenn diese eigentlich vorteilhafter wären.
Der sogenannte Additions Bias sorgt dafür, dass wir eher überlegen, was wir mehr machen können (anpacken!), als dass wir darüber nachdenken, an welchen Stellen es sinnvoller wäre, etwas weg zu lassen oder etwas aufzuhören. Und so rollen wir fleißig weiter den ökologisch abbaubaren, klimaneutral produzierten Stein einen hohen Berg hinauf, während unten im Tal das nächste Erdölfeld eröffnet wird.
Die gute Nachricht aus der Studie: Wurden die Probanden darauf hingewiesen, dass Weglassen eine Möglichkeit ist, haben sie diese ebenfalls in Betracht gezogen. Wir sind also absolut nicht dazu verdammt, immer mehr und mehr und mehr zu machen. Wir können uns ganz bewusst entscheiden, Handlungen, Denkmuster oder - im Unternehmenskontext - Projekte und Geschäftszweige wegzulassen, die uns nicht (mehr) weiterbringen - oder um im Bild zu bleiben: Den Stein loszulassen, sodass er über das Erdölfeld drüber rollt. Auf diese Weise sparen wir Energie und Ressourcen und vergrößern unseren tatsächlichen Impact!
Weniger ist mehr: Wie wir den Additions Bias überwinden können
Aufhören ist also sowohl im Privaten, als auch wirtschaftlich eine ziemlich sinnvolle Fähigkeit. Und sie lässt sich trainieren - indem wir uns unseren Additions Bias bewusst machen und ganz gezielt nach subtraktiven Lösungen Ausschau halten.
Weil das so eine wichtige Kompetenz fürs ganze Leben ist, übe ich das jetzt auch schonmal mit meinem Sohn: Ich zähle die Zutaten für unsere Lieblingsessen auf - und er streicht weg, was er für überflüssig hält. Wird meistens ziemlich lecker!