Lemonaid: „Wir wollen in der Welt der Wirtschaft ein Exempel statuieren“
Lemonaid will weiter wachsen. Und dafür braucht das Unternehmen Geld. Der Getränke-Hersteller positioniert sich seit seiner Gründung 2009 als Social Business, die Produkte der beiden Marken Lemonaid und ChariTea sind seit jeher bio und aus fair gehandelten Zutaten. Von jeder verkauften Flasche gehen fünf Cent an den gemeinnützigen Verein Lemonaid & ChariTea e.V., der wiederum soziale Projekte unterstützt; auf diese Weise flossen bislang laut Eigenangaben rund 13 Millionen Euro in mehr als 90 Projekte. Lemonaid und ChariTea gibt es mittlerweile in über 30 Ländern, der Umsatz ist laut Eigenwerbung seit 2009 im Schnitt alljährlich um 39 Prozent gewachsen, inzwischen verkauft das Unternehmen rund 36 Millionen Flaschen pro Jahr.
Keine „Renditeperle“
Zum Storytelling von Lemonaid gehört der Gründungsort Hamburg St. Pauli ebenso wie der Gründer und Chef Paul Bethke, der mit seiner Familie auf Sri Lanka lebt und ausdrücklich nicht bloß Limonade oder Tee verkaufen, sondern einen sozialen Wandel mitgestalten will. „Wir wollen trinkend die Welt verändern. Ein wenig jedenfalls“, heißt es auf der Website.
Jetzt, wie gesagt, braucht das Unternehmen Geld, weil es weiter wachsen will. Und wird ausgerechnet zu einer Aktiengesellschaft, die mit Social Business in etwa so viel zu tun hat, wie der Teufel mit dem Weihwasser.
Es wäre Gift für die Glaubwürdigkeit des Unternehmens, würde sich Lemonaid von einer GmbH in eine „normale“ AG verwandeln, in der irgendwann der Renditedruck den sozialen Anspruch überlagert oder die am Ende gar von einem Lebensmittelkonzern à la Nestlé oder Unilever übernommen wird. Also spricht das Unternehmen von „Aktionsgesellschaft“ statt Aktiengesellschaft, von Fairholdern statt Shareholdern und hat sich ein paar Dinge ausgedacht, um die Vorteile des Kapitalmarkts zu nutzen, ohne sich dem Primat der Gewinnmaximierung zu unterwerfen. Es soll bei dieser AG ausdrücklich nicht um den schnöden Profit gehen, sondern darum, dass mit dem Wachstum von Lemonaid zugleich die soziale Wirkung wächst. Die Wirtschaftswoche urteilt deshalb trocken: „Lemonaid dürfte eher Fan-Investment als Renditeperle sein.“
Inspiration für die Weltwirtschaft
Wir erreichen Paul Bethke via Mail. Warum er die Rechtsform der AG gewählt hat? Seine Antwort: „Wir wollen in der Welt der Wirtschaft ein Exempel statuieren – und nicht in der Welt der Genossenschaften oder gGmbHs. Hier gibt es ausreichend schöne Initiativen. Hier braucht es unsere Überzeugungsarbeit viel weniger. Wenn wir mit dem eigenen Handeln die größeren Maschinerien der Weltwirtschaft auch nur ein wenig inspirieren und zum Nachmachen motivieren können, hätten wir viel erreicht. Daher bewusst die Wahl der AG als bewusst provokantes Spielfeld des Sozialen. Gerade weil hier bisher wenig mit Social Impact-DNA vertreten ist.“
Unerwünschte Personen bleiben außen vor
Seit dem 6. Juli 2026 können Aktien der Lemonaid Beverages AG gezeichnet werden. Insgesamt werden rund eine Million Namensaktien mit vollem Stimmrecht angeboten, der Stückpreis liegt bei 39,90 Euro, die Mindestabnahme bei sieben Stück. Zu haben sind sie nicht wie üblich über Broker, sondern über die auf nachhaltige Investments spezialisierten Plattformen GLS Crowd und Wiwin.
Lemonaid muss dem Erwerb der Aktien zustimmen, weiß also sehr genau, wer einsteigen will. Dieses Procedere ist mit Bedacht gewählt: Gewünscht sind hier ausdrücklich Menschen, die die soziale Idee des Unternehmens unterstützen. Damit sich keine großen Firmen einkaufen, wird jede Investition über 25.000 Euro individuell geprüft. Zusätzlich, so Bethke, gebe es eine „lange Liste an Black listed Investor:innen. Das sind meist Manager von Konzernen oder auch politisch exponierte Personen, die wir nicht dabeihaben möchten. Diese Listen werden in Echtzeit mit denen abgeglichen, die zeichnen wollen. So können wir gut filtern. Über verschiedenste parallel laufende Prozesse. Wir sind die ersten, die den Prozess des Aktienverkaufs so gehen.“ Wichtig zu wissen: Auch wenn alle angebotenen Aktien verkauft werden sollten, bleibt die Mehrheit der Aktien weiterhin in Gründerhand, also bei Paul Bethke.
Bis Ende August habe die AG rund 2.000 neue Eigentümerinnen und Eigentümer gewonnen, es seien bereits einige Millionen Euro zusammengekommen, schreibt Bethke. Er hofft, dass es insgesamt mindestens zehn Millionen Euro werden. Formal fließt der Erlös zunächst an Bethkes Beteiligungsgesellschaft, die die Aktien verkauft; von dort soll das Geld unter anderem Lemonaids weitere Entwicklung finanzieren. Was mit dem Geld konkret passieren soll? „Am Ende geht es darum, unser Projekt finanziell stabiler zu machen, um dann wiederum mutigere Schritte für eine noch erfolgreichere Zukunft gehen zu können“, antwortet Bethke.
Ob sich Social Business und Aktiengesellschaft tatsächlich so gut vertragen, wie Lemonaid sich das vorstellt, wird sich zeigen. Vorerst gilt jedenfalls auch für die AG das gute alte Lemonaid-Motto: Trinken hilft!
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