„Man kann Nachhaltigkeit nicht weiterentwickeln, ohne verschiedene Menschen ins Boot zu holen“
Vivien Fielk stemmt Themen wie CSRD, LkSG und ESRS bei Insta ganz allein als Ein-Personen-Abteilung. Im Interview erzählt sie, warum sie sich ihre Position als junge Frau erst erarbeiten musste und warum sie beim Gendern kein Gegenargument gelten lässt: „Ehrlicherweise kann ich nicht nachvollziehen, welche vernünftigen und rationalen Gründe gegen das Gendern sprechen.“ Zum Wegfall des Begriffs „klimaneutral“ hat sie eine klare Haltung: „Wir nennen das Kind einfach beim Namen.“
Seit vielen Jahren kein Tag wie der andere
Frau Fielk, Sie haben mit 18 als Azubi bei der Insta GmbH gestartet, heute verantworten Sie Nachhaltigkeit, Compliance und Diversity. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet Sie diese Rolle übernommen haben – gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Das ist jetzt mein Thema?
Nach Abschluss meiner Ausbildung zur Industriekauffrau in 2021, habe ich erstmal als Assistentin der Geschäftsführung auf kaufmännischer Seite begonnen. Startschuss für meine Arbeit im Bereich Nachhaltigkeit war der Auftrag von meinem damaligen Chef Alexander Burgbacher, eine Ist-Analyse über unseren aktuellen Stand bei Insta zum Thema Nachhaltigkeit zu erarbeiten.
Aus einer einzelnen Aufgabe wurden immer mehr Aufgaben in dem Bereich, die mir anvertraut wurden. Seit 2025 besetze ich die Stabstelle Sustainability & Material Compliance.
Ich glaube, der Moment, in dem mir persönlich klar klar wurde, dass Nachhaltigkeit mein Thema ist, war meine Ergebnispräsentation gegenüber meinen Kolleg:innen auf einer Betriebsversammlung im Jahr 2023.
Es war ein sehr cooles Gefühl, vorstellen zu können, was ich alles erarbeitet habe und wie weit wir als Unternehmen schon sind.
Die Position, die Sie heute ausfüllen, gab es bei Ihrem Einstieg noch gar nicht. Wie sah Ihr erster Arbeitstag in Sachen Nachhaltigkeit aus und wie unterscheidet er sich vom heutigen?
Es gab nicht den einen Tag X, an dem ich meinen Job im Bereich Nachhaltigkeit angetreten habe. Vielmehr hat sich meine Position im Unternehmen seit 2022 sukzessiv dahin entwickelt, bis ich dann Vollzeit und mit der Unterstützung von unserem Geschäftsführer Alfred Vrieling die Stelle besetzen und entwickeln konnte. Also am Ende habe ich die Rolle entwickelt, indem ich mich weiterentwickelt habe.
Sie studieren das Thema parallel berufsbegleitend. Was lernen Sie im Studium, das Ihnen im Arbeitsalltag konkret weiterhilft – und was bringt Ihnen die Praxis, das kein Lehrbuch vermittelt?
Im Studium habe ich bisher viele Einblicke erhalten können, die mein persönliches Verständnis von Nachhaltigkeit erweitern konnten. Beispielsweise durch naturwissenschaftliche Grundlagen, die mir in der Zeit auf dem Gymnasium nicht vermittelt wurden. Die Praxis lehrt mich vor allem, dass kein Unternehmen 100 Prozent nach Uniskript funktioniert und besonders Gesetze oder Verordnungen in der praktischen Umsetzung schwerer sind, als man denken würde.
Die Kombi aus berufsbegleitendem Studium und Arbeitspraxis ermöglicht mir eine größere Betrachtungsdimension, was besonders im Bereich Nachhaltigkeit durch die vielen Facetten bereichernd ist. Auch wenn berufsbegleitend studieren an manchen Tagen eine Herausforderung ist, würde ich den Weg jedes Mal wieder so gehen.
Verschiedene Menschen und ihre Expertisen müssen mit ins Boot
CSRD, ESRS, EUDR, Lieferkettensorgfaltspflicht – bei Konzernen kümmern sich oft ganze Teams um einzelne Regularien. Sie machen das allein. Wie sieht ein typischer Dienstag bei Ihnen aus?
Ich glaube, dass es gar keinen typischen Dienstag für mich gibt. Ich stemple mich morgens ein und habe jeden Tag andere To Do’s zu erledigen. Von Material Compliance Themen bis Diversity Newsletter. Nachhaltigkeit hat oft keine tägliche Routine.
Das Schöne bei Insta ist, dass ich nicht als Single Player agieren muss.
Meine Kolleg:innen unterstützen mich durch ihr Know-How, weil Nachhaltigkeit nur davon leben kann.
Beispielsweise arbeite ich im Bereich Material Compliance mit meinen Kolleg:innen aus der technischen Dokumentation und dem Einkauf zusammen. Ohne deren Fachwissen, Kontakte zu Lieferanten und Blickwinkel wäre es nicht möglich, die Dinge umzusetzen. Man kann Nachhaltigkeit nicht weiterentwickeln, ohne verschiedene Menschen und ihre Expertise ins Boot zu holen.
Ich habe das große Glück, dass ich bei Insta eine sehr gute Unternehmenskultur als Grundlage habe.
Diversity ist kein Sonderthema, sondern gehört einfach dazu
Mussten Sie sich Ihre Position intern gegenüber älteren Kolleg:innen oder der Geschäftsführung erst erarbeiten?
Gegenüber der Geschäftsführung nicht, weil ich von vornherein unterstützt und gefördert wurde. Ohne Alfred Vrieling als Chef wäre ich sicher nicht so weit gekommen im Unternehmen. Natürlich ist es als junge Frau, die sowohl aus der Azubi-Rolle als auch der Rolle als Assistenz heraus Themen übernimmt, stellenweise schwieriger.
Meine Kolleg:innen unterstützen mich durch ihr Know-How, weil Nachhaltigkeit nur davon leben kann.
Auch das Label „Azubi“ loszuwerden, war gegenüber jeder Person nicht immer einfach.
Trotzdem würde ich behaupten, dass ich durch die Förderung der Geschäftsführung doch eine gute Basis hatte, mich weiterzuentwickeln. Mir ist bewusst, wie viel Glück darin liegt, von Anfang an auf ein Umfeld getroffen zu sein, das mir vertraut und mich gefördert hat. Das ist nicht selbstverständlich, und ich weiß das zu schätzen. Diese Basis hat nicht jede junge Frau zur Verfügung.
Als ich die Ausbildung angefangen habe, gab es eher im privaten Umfeld Stimmen, die der Meinung waren, ich würde mein Abitur verschwenden. Auch habe ich mit Mitte 20 die Frage nach der Familiengründung öfter beantworten müssen, als wahrscheinlich jeder Mann in meinem Umfeld.
Mein Tipp an andere junge Frauen: Da rein, da raus. Macht euer eigenes Ding.
Gibt es Situationen, in denen Ihr Alter zum Vorteil wird, weil Sie unbelasteter oder direkter an Themen herangehen können als erfahrenere Kolleg:innen?
Ja, das denke ich schon. Besonders im Bereich Diversity und dem Verständnis davon ist man als Gen Z deutlicher besser aufgestellt als ältere Kolleg:innen. Ich glaube, das liegt vor allem daran, wie sehr uns Social Media geprägt hat. Themen wie Diversity, unterschiedliche Lebensrealitäten oder eben auch Gendern sind für uns schon lange präsent, ganz anders als für Generationen, die erst im Berufsleben damit in Berührung gekommen sind. Deshalb gehen wir oft unbefangener an solche Themen heran, weil sie für uns nie ein Sonderthema waren, sondern einfach dazugehören.
Sprache befindet sich im ständigen Wandel
Woran hakt es beim Gendern in der Praxis meistens: an der Sprache selbst, an der Unternehmenskultur oder eher an der Generation, die entscheidet?
Unterschiedlich. Das Thema Gendern ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, was zum einen durch mangelndes Verständnis, aber auch zum anderen durch Ignoranz gezielt angegriffen wird. Ehrlicherweise kann ich nicht nachvollziehen, welche vernünftigen und rationalen Gründe gegen das Gendern sprechen. Bisher konnte mich kein Gegenargument überzeugen.
Sprache befindet sich ständig im Wandel: Das sehen wir doch am Beispiel der jährlichen Wahl des Jugendwortes sehr klar. Warum dann der Wandel zum Gendern ein Problem ist, erschließt sich mir nicht.
Ich denke, dass wenn wir gesamtgesellschaftlich uns auf eine Art des Genderns einigen würden und es einfach umsetzen, dass spätestens in zwei Jahren keine Diskussionen mehr auftauchen würden. Dann haben sich alle dran gewöhnt und finden neue Kontroversen „die es früher doch nicht gab“.
Haben Sie einen kleinen Etappensieg beim Thema Gendern erzielt, auf den Sie stolz sind?
Ja, unser Nachhaltigkeitsbericht wird mit : gegendert, um auch die Barrierefreiheit zu gewährleisten. Für mich persönlich war das ein Erfolg, auch wenn ich intern keine großen Diskussionen führen musste.
Kompensation soll selbstverständlich sein
„Klimaneutral“ ist kein erlaubter Begriff mehr. Welche Formulierung nutzen Sie stattdessen und wie schwer war es, eine Alternative zu finden?
Wir benutzen keine besondere Formulierung. Wir stoßen als produzierendes Unternehmen CO2 aus und kompensieren diesen Ausstoß durch die Unterstützung von entsprechenden Projekten.
Wir nennen das Kind einfach beim Namen, denn Kompensation sollte ein selbstverständlicher Akt sein, keine große PR-Aktion.
Ein Handbuch für den einen Job gibt es nicht
Was würden Sie jungen Berufseinsteiger:innen raten, die – wie Sie damals – plötzlich in eine Nachhaltigkeitsrolle hineinwachsen, für die es noch kein Handbuch gibt?
Einfach machen und keine Angst haben. Die älteren Kolleg:innen wissen es doch auch nicht besser. Nachhaltigkeit ist dynamisch und lebt davon, up-to-date zu sein. Und nur weil man jung ist, heißt es nicht, dass die eigene Perspektive falsch ist.
Und ganz ehrlich? Es gibt mittlerweile für keinen Job das richtige Handbuch. Unternehmen sind unterschiedlich, zu sehr im Wandel. Selbst wenn man Fehler macht, aufstehen und weiter geht’s. Nachhaltigkeit ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit und wird in Zukunft Fachkräfte brauchen, die mit ihrer eigenen Überzeugung dahinterstehen.
Sie sagen, den Rest erledige die nächste Generation oder niemand. Was macht Sie trotz allem zuversichtlich, dass es die nächste Generation sein wird?
Weil wir es schlichtweg müssen. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft aufwachen werden, weil wir keine andere Wahl haben. Wir haben nur eine Erde. Wenn wir nicht aufpassen, wird sie uns irgendwann loswerden, nicht umgekehrt. Wir sehen planetare Grenzen, die überschritten werden, eine Politik, für die Nachhaltigkeit kein Prioritätsthema ist und SDGs, deren Zielvereinbarung wir nicht halten können. Unser Klima verändert sich, das spüren wir jeden Sommer deutlicher. Und trotzdem scheinen die älteren Generationen sich nicht genug dafür zu interessieren.
Was ich bis heute nicht verstehe: Für so viele Menschen haben Geld und Macht einen höheren Stellenwert als der Schutz unseres Planeten. Dabei nützt uns kein Geld der Welt noch etwas, sobald die Erde beginnt, sich gegen uns zu wehren.
Wir hatten mit Fridays for Future junge Menschen auf der Straße, denen das erste Mal zugehört wurde. Das hat mir Hoffnung gegeben. Realistisch gesehen lebt meine Generation noch mindestens 50 Jahre. Bei der Geschwindigkeit, in der unser Planet und unser Klima sich verändert, bleibt uns nichts anderes übrig.
Meine Generation hat also keine andere Wahl, als sich darum zu kümmern. Für uns selbst.
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