Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Juli sein "Programm für Aufschwung und Beschäftigung" vorstellte, bekam er aus der Wirtschaft großen Zuspruch. Gelobt wurde, dass die Koalition Handlungsfähigkeit zeigte und Reformen in Angriff nimmt. Das Gesetzgebungsverfahren soll nach der Sommerpause anlaufen. Den größten Widerspruch unter den 34 Reformpunkten provozierte das Vorhaben, die elektronische Krankschreibung abzuschaffen und ab dem ersten Krankheitstag eine Attestpflicht einzuführen.
Heftiger Widerspruch
Schon am Tag der Ankündigung ging der Protest los. Natürlich waren es die Gewerkschaften, die sich deutlich gegen die Neuregelung positionierten und vor einer Hetze gegen Blaumacher warnten. Experten aus dem Gesundheitsmanagement bezweifelten, ob sich mit einer Attestpflicht die Krankheitstage überhaupt senken lassen – meine Kollegin Katharina Schmitt hat die Argumente in der Redaktion des Personalmagazins zusammengetragen.
Die Debatte dauert bis heute an. Julia Bangerth, CHRO der Datev und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP), griff das Thema letzte Woche auf Linkedin nochmals auf: "Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag scheint gerade eine einfache Antwort auf steigende Krankenstände zu sein…Ich frage mich, welches Problem wir damit lösen? Und welches Bild von Beschäftigten wir gleichzeitig stärken."
Ihre ablehnende Haltung deckt sich mit der vieler Digitalunternehmen – zu denen die Datev gehört. Der Branchenverband Bitkom äußerte sich in ähnliche Richtung: Die Lösung liege nicht in alten Nachweispflichten, sondern in zeitgemäßer Telemedizin und digitalisierten Abläufen bei der Krankmeldung. Bitkom setzt auf Eigenverantwortung und Vertrauen statt Kontrolle.
Die Initiative geht auf den BDA zurück
Doch der Branchenverband hat wenig Unterstützer. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) hat das Thema Missbrauch der AU seit Längerem forciert und dazu im März 2026 das Arbeitspapier "Hohe Lohnfortzahlungskosten senken, unnötige Bürokratie abbauen" vorgelegt. Der Vorschlag enthält Maßnahmen, die weit über den Regierungsvorschlag hinausreichen: die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, die Ausweitung von Kontrollen durch den Medizinischen Dienst, die Ergänzung der elektronischen Krankmeldung um einen Arztstempel und die Begrenzung der Lohnfortzahlung auf sechs Wochen pro Kalenderjahr statt pro Krankheitsfall. Auch die Einführung von Karenztagen wird erwähnt, die BDA-Präsident Rainer Dulger in Interviews offensiv forderte.
Karenztage waren Thema in den Koalitionsverhandlungen – eine Einigung scheiterte. Der Kompromiss: Attest ab dem ersten Krankheitstag als gesetzlicher Normalfall, mit der Möglichkeit für Betriebe und Sozialparteien, davon abzuweichen.
Blick hinter die Kulissen
Das Gesetzgebungsverfahren steht bevor. Wird es von Arbeitgeberseite eine Lobby geben, die Änderungen herbeiführen will – und kann? Ein Blick hinter die Kulissen hilft. Die BDA besteht nicht nur aus Hauptgeschäftsführung und Präsident. Das wichtigste Entscheidungsgremium ist der Vorstand, dem Vertreter der größten Branchenverbände sowie zahlreiche prominente CHROs angehören – darunter Birgit Bohle (Telekom), Ilka Horstmeier (BMW), Michael Niggemann (Lufthansa), Thomas Ogilvie (DHL), Katja Scharwinkel (BASF), Britta Seeger (Mercedes), Martin Seiler (Deutsche Bahn) und Judith Wiese (Siemens).
Zwei dieser BDA-Vorstände – Thomas Ogilvie und Martin Seiler – sind zugleich im Vorstand der DGFP, deren Vorstandsvorsitzende Bangerth sich klar positioniert hat. Eine offizielle Stellungnahme der DGFP liegt bislang nicht vor. Der Bundesverband der Personalmanager (BPM) sprach sich im Januar 2025 gegen Karenztage aus – zum jetzigen Reformvorhaben schweigt er ebenfalls noch.
Linkedin bewirkt wenig
Die lebhafte Debatte auf Linkedin über die Attestpflicht wird nicht ausreichen, um Änderungen herbeizuführen. Es bräuchte Lobbyarbeit – und CHROs müssten auch ihre CEOs überzeugen. Miele-CEO Reinhard Zinkann formulierte seine Hoffnung auf sinkende Krankenstände so: "Das wird sich vielleicht ändern mit der Krankschreibung ab dem ersten Tag. Allerdings wäre aus meiner Sicht eine Karenztaglösung besser gewesen, aber gut." Hauptsache ein Signal der Verschärfung. Mit dieser Sicht wird er unter den CEOs nicht allein stehen.
Genau hier liegt das Problem. Solange die CEOs das Reformpaket im Grundsatz begrüßen und die CHROs intern keine Gegenmacht bilden, wird die Attestpflicht kommen – so wie sie geplant ist. Die Frage ist nicht, ob HR eine andere Meinung hat. Die Frage ist, ob HR sie auch durchsetzt.
Über den Autor:
Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.