Straubs Seitenblick

Oberflächliche Schönheit – wie wir KI-Blender entlarven

Das Phänomen der Blender, die in der Firma Karriere machen, kennen alle. Nun klopft eine neue Meisterin der Blendung an die Bürotür: die Künstliche Intelligenz. Kolumnist Reiner Straub erklärt, wie wir mit der neuen Kollegin umgehen – und uns vor ihr schützen können.

Junger Mensch mit Maske

Es gibt eine Kategorie von Mitarbeitenden, die in Firmen allzu häufig Karriere machen: Ihre Präsentationen sind makellos, gespickt mit den neuesten Buzzwords und Bildeffekten, ihre Strategiepapiere so glatt poliert, dass jede Kritik daran abperlt. Allzu häufig vergessen Kolleginnen und Kollegen, tiefer zu bohren – und zu erkennen: Hinter der glänzenden Fassade fehlt es an Substanz.

Das Phänomen des Blenders ist so alt wie die Organisation selbst. Mit dem flächendeckenden Einzug generativer Künstlicher Intelligenz bekommt die Blender-Kultur einen neuen Schub. Während man früher für rhetorische Täuschung noch erheblichen Aufwand betreiben musste, genügt heute ein durchschnittlicher Prompt, um eine Projektpräsentation zu optimieren oder einen Lebenslauf zu glätten.

Was eine Studie über KI-Texte verrät

Wie können Unternehmen auf dieses Phänomen reagieren? Letzte Woche wurde ein Experiment bekannt, das beim Thema weiterhelfen kann. Es stammt aus dem Bereich der Literatur und wurde von den US-Psychologinnen Deena Weisberg und Sydney Sears an der Villanova University durchgeführt.

2.500 Erwachsene sollten Kurzgeschichten bewerten, zur Hälfte von Autoren verfasst und zur anderen Hälfte von Chat GPT. Die Studienleiterinnen hatten die Angaben zur Urheberschaft in der Hälfte aller Fälle vertauscht. Das Ergebnis: Nicht einmal jede zweite Testperson konnte richtig zuordnen, wer die Kurzgeschichte geschrieben hat – und erstaunlicherweise spielte es keine Rolle, ob sich die Lesenden in Literatur auskannten oder nicht.

Die Studie, publiziert im Journal Judgment and Decision Making, lieferte noch einen weiteren Befund: KI-generierte Geschichten wurden von fast allen Testpersonen besser bewertet. Als Grund nennen die Studienautorinnen, dass KI-Texte meist eindeutiger und weniger komplex sind als menschliche Literatur – was viele Lesende bevorzugen. Bemerkenswert allerdings: Sobald die Urheberschaft transparent gemacht wurde, schnitten menschliche Texte besser ab.

Sprachmaschinen können eingängig und brillant formulieren, prägnante Grafiken und Visuals erstellen. Das wird niemand wirklich überraschen, der sich länger mit generativer KI beschäftigt hat. Sie verfassen den perfekten Lebenslauf, die eingängige Projektpräsentation oder das innovative Strategiepapier – ohne mit dem Sachverhalt vertraut zu sein. Sie schaffen eine "oberflächliche Schönheit" (superficial beauty), die unsere Erwartungen kennt und bedient. Das ist das Gefährliche.

KI-Blender: Eine dreifache Täuschung

Wenn Mitarbeitende KI-Tools nutzen, um fachliche Mängel zu kaschieren und das Ergebnis als eigene Denkleistung auszugeben, erleben wir eine dreifache Täuschung. Zuerst täuscht sich der Anwender selbst: Er oder sie verwechselt die Eloquenz der Maschine mit eigener Kompetenz und verlernt die mühevolle Arbeit des strukturierten Denkens. Zweitens täuscht er oder sie die Empfänger, indem eine inhaltliche Tiefe vorgegaukelt wird, die Nachfragen nicht standhält. Und drittens verzerrt der intransparente KI-Einsatz den fairen Wettbewerb im Unternehmen: Sachkenntnis tritt zurück, Tooleinsatz wird entscheidend.

Wie sollen wir mit dieser Entwicklung umgehen? Zunächst sollten wir von Mitarbeitenden Transparenz einfordern: Was sind eigene Gedanken, wozu wurde KI eingesetzt? Bei der Offenlegung entscheidet sich, wer blenden will – und wer nicht. HR-Profis können sich auf Werkzeuge besinnen, die sie seit jeher in der Personalauswahl nutzen: ein gesundes Maß an Skepsis, tiefbohrende Nachfragen bei allzu glatten Fassaden und Arbeitsproben in Echtzeit.

KI-Qualifizierung schützt vor Blendern

Die eingangs zitierte US-Studie liefert auch eine mutmachende Erkenntnis: Testpersonen, die viel Erfahrung mit KI-Chatbots gesammelt hatten, waren tendenziell besser darin, die Urheberschaft von Texten richtig zuzuordnen. Sie erkannten Strukturen und Floskeln, die KI häufig verwendet. Studienautorin Deena Weisberg bringt es auf den Punkt: "Die KI-Kompetenz zu verbessern, könnte Menschen dabei helfen, sich in der neuen, von KI geprägten Welt zurechtzufinden."

Wer sich auskennt, erkennt die Muster. Das gilt für Literatur – und es gilt für den Büroalltag. Die beste Antwort auf den KI-Blender ist nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Kompetenz.

 

Über den Autor:  Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.
 

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