Straubs Seitenblick

Warum Heidegger im Silicon Valley verehrt wird – und wie er uns bei KI helfen kann


Heidegger

Vor 50 Jahren starb Martin Heidegger in Freiburg, heute wird er auch im Silicon Valley verehrt. Seine Gedanken zur Technik sind aktueller denn je, auch wenn seine Verstrickung in den Nationalsozialismus einen Schatten auf sein Werk wirft. Ein Seitenblick außer der Reihe.

Freiburg und das Silicon Valley sind 9.380 Kilometer voneinander entfernt, doch es gibt enge Verbindungen. Jüngstes Beispiel dafür: Das Freiburger Startup Black Forest liefert dem Meta-Konzern das Bildgenerierungsmodell Flux, das derzeit das Maß der Dinge ist. Als die Gründer nach Risikokapitalgebern suchten, fanden sich diese nicht in Deutschland, sondern in Kalifornien. Seither gibt es nicht nur einen intensiven digitalen Austausch zwischen den beiden Regionen, die Investoren waren jüngst auch im Schwarzwald zu Besuch.

Doch die geistige Verbindung zwischen Freiburg, meiner Wahlheimat, und Kalifornien besteht nicht nur bei Künstlicher Intelligenz, sie ist viel älter. Der Freiburger Philosoph Martin Heidegger, der am 26. Mai 1976 in Freiburg verstorben ist, wird an der amerikanischen Westküste seit vielen Jahren verehrt. An der Stanford University, an der viele Tech-Unternehmer und Risikokapitalgeber ausgebildet werden, lehrte über viele Jahre Professor Thomas Sheehan, der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Heidegger-Interpreten gilt und inzwischen emeritiert ist. Er hat sogar eine eigene, neue Lesart des deutschen Philosophen entwickelt.

Inspirationsquelle für KI-Entwickler

Im Rahmen des Studiums der Computerwissenschaften ist es an der Universität Stanford üblich, dass Studierende in der ersten Studienphase auch Philosophieseminare belegen. Sam Ginn, heute Investor und Startup-Unternehmer, berichtet im Philosophiemagazin (Ausgabe Januar 2022), wie ihm die Auseinandersetzung mit Heidegger half, bei der Entwicklung von KI-Sprachmodellen neue Wege zu gehen. Heidegger habe ihn gelehrt, die Art, wie Sprache in der KI gedacht wird, grundlegend zu transformieren. Beim Natural Language Processing werde jedes Wort in einen Zahlenvektor umgewandelt, und die KI suche durch mathematische Operationen nach Bedeutung. Für Heidegger hätten Wörter und Dinge eine potenzielle Vielfalt von Bedeutungen, was ihn dazu angeregt hätte, andere Algorithmen zu entwickeln, bei denen die Zahlenvektoren zur Repräsentation von Wörtern nicht statisch sind, sondern sich wandeln. Dieser Ansatz setzte sich laut Ginn seit 2017 durch und trug mit zum Erfolg der neuen Sprachmodelle bei.

Ginn spricht über eigene Erfahrungen, seine Aussagen können nicht generalisiert werden, zeigen aber doch die Wirkungsmacht von Heideggers Gedanken. Doch es gibt in Kalifornien auch noch eine andere, etwas dunklere Rezeptionsgeschichte von Heidegger, die mit einem Namen verbunden ist, der die Welt polarisiert: Peter Thiel. Seine philosophische Prägung verlief primär über Stanford-Professor René Girard sowie seine intensive Beschäftigung mit dem deutsch-amerikanischen Klassiker Leo Strauss, der ein Rezipient von Heidegger war. Thiels Weltbild vermischt christliche Eschatologie, mimetische Theorie und technologischen Determinismus. Er lehnt den abstrakten Universalismus ab, der alle Menschen als grundlegend gleich behandelt und hebt "heroische" oder "höhere" Werte hervor. Diese Kritik an der Moderne hat eine deutliche Parallele zu Heidegger.

Seine Verstrickung in den Nationalsozialismus

Bevor wir uns dem Technikverständnis von Heidegger nähern, das uns beim Umgang mit KI helfen kann, darf der Hinweis auf die Verstrickungen von Heidegger in den Nationalsozialismus nicht fehlen. Für zwölf Monate übernahm er an der Universität Freiburg das Rektorat und stellte sich in den Dienst der Nationalsozialisten, obwohl er viele jüdische Freunde hatte, die darunter zu leiden hatten. Bis zu seinem Tode schwieg er zu diesen dunklen Aktivitäten, was große Kontroversen auslöste. Die einen sehen darin eine Verstrickung seines Denkens in die Gedankenwelt der Nazis, die anderen einen politischen Fehltritt, der auch einem großen Denker unterlaufen kann. Seinen Ruhm als weltweit rezipierten Philosophen hat das beschädigt, aber nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Seine Sicht auf die Technik

Der Freiburger Philosoph hat in seinem berühmten Aufsatz "Die Frage nach der Technik" (1953) ein Gedankenmodell entwickelt, das – wie seine gesamte Sprache – sehr eigentümlich ist. Er bezeichnete Technik als "Das Gestell". Das ist erklärungsbedürftig. Heidegger sah schon damals, wie moderne Technologie die Welt grundlegend verändert. Technik war für ihn kein schlichtes Werkzeug mehr, das Menschen nutzen und beiseitelegen können. Technik ist für ihn die bestimmende Art, wie wir auf die Wirklichkeit blicken. Mit dem Begriff "Gestell" macht er deutlich, wie verstellt und eingeschränkt unser Zugang zur Wirklichkeit dadurch wird. Er macht das an einem Beispiel deutlich: Früher betrachtete man den Rhein als Landschaft, als Ort mythischer Überlieferung oder als Fluss mit eigenem Wesen. Im technischen Zeitalter wird er hingegen als Wasserkraft betrachtet, die über Kraftwerke Energie liefert. Aus dem Fluss wird Wasserkraft, aus dem Wald ein Forst und aus Menschen Ressourcen – die Welt wird durch Technik zu einem Reservoir von verfügbaren Energien und Materialien gemacht – und wir verlieren damit die ursprüngliche Erfahrung mit der Wirklichkeit.

Heideggers aktuelle Relevanz

Matthew Sanderson, ein amerikanischer Philosoph, publizierte 2025 auf der Bildungsplattform "1000-Word Philosophy" seinen Aufsatz "Martin Heidegger on Technology", um die Gedanken Heideggers praktisch zugänglich zu machen: "Um den Gefahren moderner Technologie entgegenzuwirken, will Heidegger uns nicht dazu bringen, sie zu zerstören und in ein einfacheres Zeitalter zurückzukehren. Stattdessen glaubt er, wir müssen lernen, frei in unserem Umgang mit Technologie zu werden", schreibt er. Eine freie Beziehung zur Technologie zu entwickeln bedeute, diese genauso frei weglegen wie gebrauchen zu können. "Freiheit liegt für Heidegger also nicht in der Ablehnung der Technologie, sondern in der Fähigkeit, sie beiseitezulegen", so Sanderson. Damit sind wir mitten in der aktuellen Debatte über ein Smartphone-Verbot für Kinder und Jugendliche – und mitten in den Gerichtsprozessen gegen Tech-Anbieter in den USA, denen vorgeworfen wird, Algorithmen zu nutzen, die Kinder süchtig machen. Das zeigt, wie relevant die Gedanken von Heidegger auch an seinem 50. Todestag sind. Wir müssen vielfach wieder lernen, die Menschen und Dinge im ursprünglichen Sinne wahrzunehmen, nicht allein vermittelt über Technologie. 



Über den Autor:  Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.

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