Straubs Seitenblick

Ein Experiment zeigt, wie sich Krankheitstage senken lassen


Straubs Seitenblick: Experiment zur Senkung der Krankheitstage

Was bewegt die HR-Community? Reiner Straub, Herausgeber des Personalmagazins, widmet sich in einer neuen Serie aktuellen Personalthemen. In dieser Folge beschäftigt er sich mit der Forschung von Professor Timo Vogelsang, der mit seinem Feldexperiment zu Krankheitstagen neue Einsichten ermöglicht. 

Sind Krankheitstage ein Thema für konservative Scharfmacher? Zunächst einmal stimmt, dass konservative Politiker wie Friedrich Merz das Thema immer wieder auf die Agenda setzen. Auch Arbeitgeberverbände oder Unternehmensführer wie Allianz-Chef Oliver Bäte und Mercedes-Chef Ola Källenius haben sich vor einem Jahr klar positioniert. Letzterer verwies in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung darauf, dass der Krankenstand in deutschen Werken fast doppelt so hoch sei wie im Ausland. Er sitze jedes Jahr mit dem verantwortlichen Werksarzt zusammen und frage ihn, was zur Verbesserung getan werden könne. Dessen Antwort zitiert er ernüchtert: "Nichts über das hinaus, was wir schon machen." Deshalb wandte sich Källenius direkt an die Politik: Krankschreibungen dürften nicht mehr zu einfach sein, die Lohnfortzahlung solle eingeschränkt werden.

Über diese Forderung gab es einen Aufschrei der Sozialpartner. Gewerkschaften und Betriebsräte äußerten sich prominent in der Tagesschau, HR-Fachleute ließen ihrem Ärger in den sozialen Medien freien Lauf. Die starke Erhöhung der Krankheitstage über die letzten zehn Jahre sei auf statistische Effekte zurückzuführen, internationale Vergleiche wurden relativiert und vorgeschlagene Maßnahmen wie die Einführung von Karenztagen strikt abgelehnt. (Mehr dazu lesen Sie in unserem Faktencheck: Fünf Thesen zu Fehlzeiten – und was dran ist)

Die Debatte neu aufgemischt

Es ist das Verdienst von Timo Vogelsang, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, die Debatte neu zu beleben. Vogelsang forscht seit einigen Jahren zum Thema; zuletzt begleitete er das Experiment zu Anwesenheitsprämien bei Tesla. Nun hat er ein Feldexperiment bei einer Einzelhandelskette durchgeführt, das in seinem Aufbau schlicht ist, aber Ergebnisse ans Licht brachte, die man als "spektakulär" bezeichnen kann. So manche Grundüberzeugung von HR-Fachleuten könnte dadurch ins Wanken geraten.

In der FAZ vom 2. Februar 2026 berichtete Vogelsang zuerst über seine Studie und beschrieb das Studiendesign wie folgt: "Die Studie umfasste insgesamt 817 Beschäftigte in mehreren Filialen. Aus dieser Gruppe wurden die 25 Prozent mit den höchsten Fehlzeiten ausgewählt. Von diesen 194 Personen erhielt die Hälfte, per Zufall ausgewählt, ein Schreiben nach Hause. Darin standen die eigene Zahl der Fehlzeiten sowie als Vergleich der Medianwert der Belegschaft [...] Kommuniziert wurde also, was im Betrieb tatsächlich üblich ist, nicht, was als Norm wünschenswert wäre. Es ging ausdrücklich um keine Abmahnung, kein Ranking und keine Bloßstellung, sondern nur um die Information, wie sich ein Mitarbeiter im Vergleich zur typischen Kollegin oder zum typischen Kollegen verhält."

Sanfter Druck mit starker Wirkung

Das Resultat: Bei der Gruppe, die das Schreiben zu den durchschnittlichen Fehlzeiten erhielt, gingen die Ausfälle deutlich zurück. Hochgerechnet auf ein Jahr sank die Wahrscheinlichkeit für eine eintägige Fehlzeit um rund 44 Prozentpunkte gegenüber der Kontrollgruppe. Bemerkenswert ist, dass dieser Rückgang ausschließlich bei eintägigen Fehlzeiten zu beobachten war; mehrtägige veränderten sich nicht. Vogelsangs Erklärung: Hinter mehrtägigen Fehlzeiten stehen vermutlich tatsächliche Erkrankungen.

Das Feldexperiment zeigt zweierlei:

  1. Realität anerkennen: Das Phänomen "Blaumacher" ist keine Erfindung konservativer Scharfmacher, sondern eine Realität, der man sich stellen sollte. Man muss dafür nicht die – gerade in HR-Kreisen gelebte – humanistische Grundüberzeugung aufgeben, dass der Mensch leistungswillig und gut ist. Aber man darf die Augen nicht vor dem Missbrauch von Krankmeldungen verschließen. Der Mensch ist, ökonomisch gesprochen, auch ein Nutzenmaximierer.
  2. Wirksame Interventionen: Krankheitstage lassen sich offenbar durch gezielte Impulse reduzieren. Vogelsang spricht von "kleinen, aber fairen Hebeln", mit denen Verhalten beeinflusst werden kann. Er verweist darauf, dass mit ähnlichen Nudges auch der Energieverbrauch oder die Steuerehrlichkeit gesteuert werden. Der Mensch wird hier als Altruist angesprochen, für dessen Verhalten auch soziale Normen eine Rolle spielen.

Kritiker mögen in solchen Briefen, die für Mitarbeitende überraschend kommen dürften, einen Aufbau von Druck sehen – auch wenn keine Sanktionen angedroht werden. Gleichwohl sind diese Informationen ein vergleichsweise sanftes Mittel mit erstaunlichen Effekten. Offen bleibt bislang, wer sich davon beeinflussen lässt: Sind es eher die Verunsicherten, die sich krank zur Arbeit schleppen, oder die tatsächlichen Blaumacher?

Ermutigung für die Praxis

Für HR-Fachleute ist das Experiment eine Bestätigung, dass Krankheitstage eng mit der Unternehmenskultur zusammenhängen. Wenn es üblich ist, dass Vorgesetzte oder Kollegen öfter einen Tag fehlen und dies unkommentiert bleibt, wird von dieser Möglichkeit häufiger Gebrauch gemacht als in Abteilungen, in denen eine andere Norm herrscht.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Der hohe Krankenstand wird nicht durch "Eintagsfliegen" verursacht. Diese machen zwar bis zu 20 Prozent der Krankheitsfälle aus, verursachen aber nur rund drei Prozent der Krankheitstage. Die größte Belastung stellen Langzeiterkrankungen von über sechs Wochen dar, die für 40 Prozent der Ausfalltage verantwortlich sind. Hier sind primär medizinische Gründe ausschlaggebend, wobei Arbeitsbedingungen und Führungsverhalten eine wesentliche Rolle spielen können.

Das Feldexperiment von Vogelsang ist für HR-Fachleute eine Ermutigung in zweifacher Hinsicht: Es zeigt neue, evidenzbasierte Wege auf, um Fehlzeiten zu reduzieren – und es beweist, wie lohnenswert die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft für die Praxis sein kann.


Über den Autor:  Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.

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