Die Halbzeitbilanz der Kongresssaison ist ernüchternd. Auf dem Embrace Festival, dem Treffpunkt der Recruiter, herrschte im Juni 2026 Katerstimmung. Im Vorjahr war die Lage schon schlimm – in diesem Jahr war es "much worse", wie Michael Eger, Partner bei Mercer und ein Urgestein der Talentszene, auf seinem Linkedin-Account vermeldete.
Vom Personalmanagementkongress, den der Bundesverband der Personalmanager (BPM) unter das Motto "Klarheit" gestellt hatte, ging kein Zeichen der Zuversicht oder des Anpackens aus. "Aus Klarheit erwächst noch keine Perspektive", titelten meine Kolleginnen Claudia Müller und Nicola de Paoli ihren Bericht über den Leitkongress der Branche.
Wo bleiben Zuversicht und Aufbruchstimmung?
Matthias Meifert, Geschäftsführer von HR Pepper, urteilte auf LinkedIn noch schärfer: "Klarheit – selten war ein Kongressmotto ambitionierter und gleichzeitig programmatischer in seiner Nicht-Erfüllung." Ihm fehlte eine ehrliche Auseinandersetzung damit, was HR strategisch leisten muss – und was die Branche bisher schuldig geblieben ist.
Auf der Kienbaum Convention erläuterte Walter Jochmann, Managing Partner des Hauses, in seiner "Rede zur Lage der HR-Nation", dass HR zu langsam auf die Restrukturierungsagenda reagiere und sich zu häufig treiben lasse. KI biete die Möglichkeit zur Disruption von HR-Prozessen – doch dafür fehle es an Mut.
Auf unserer Haufe HR-Online-Konferenz gab Britta Seeger, Personalvorständin bei Mercedes, Einblick in die Neuausrichtung der Personalpolitik. Sie sprach über Produktivitätssteigerung, Next Level Performance und Gewinnerkultur – was derzeit für mächtigen Gegenwind im Arbeitnehmerlager sorgt. Ein Gewinnerthema für HR dürfte das nicht werden; es ist ein Thema aus dem Reich der Notwendigkeiten.
HR wird von Selbstzweifeln verfolgt
Die Liste der Kongresse ist nicht vollständig – aber eines ist ihnen allen gemein: rückläufige Besucherzahlen, das Fehlen von Aufbruchstimmung und Zuversicht. Und es kommt noch schlimmer. Mir blutet das Herz. In HR melden sich wieder Stimmen, die Selbstzweifel erkennen lassen. Es wird erneut über den Driver Seat und die Rollenfrage debattiert. Zugegeben: Das war nie ganz verschwunden – aber es drängt wieder nach oben. Die Ursachen liegen auf der Hand: Es fehlt scheinbar ein Gewinnerthema, mit dem HR in die Offensive kommt und seine Leistungskraft im Management wie bei den Mitarbeitenden unter Beweis stellen kann.
Das war nicht immer so. In der Coronakrise hatte HR etwas anzubieten, auf das alle anderen angewiesen waren: Gesundheitsschutz, mobiles Arbeiten, hybride Strukturen. HR sicherte den Betrieb. Ähnliches galt für das Talentthema: Solange Fachkräfte als Schlüssel für Innovation und Wachstum galten, verschaffte das der Funktion strategischen Rückenwind. HR konnte Wertbeiträge liefern, die das Gesamtunternehmen voranbrachten.
Das Gewinnerthema heißt "KI"
In manchen Branchen ist das noch so, in anderen vorbei: Restrukturierung, Kostendruck und Jobabbau dominieren die Agenda in der Industrie. HR ist gefordert, kluge Konzepte umzusetzen, die Zukunft ermöglichen – für den Betrieb und die Beschäftigten. HR darf das Feld nicht den Kostenrechnern überlassen und sich zum Abwickler degradieren lassen. Doch ein Gewinnerthema ist das nicht.
Das Gewinnerthema liegt auf der Hand – das wurde erst in den letzten Monaten deutlich, gerade bei den Unternehmen, die sich als Markt- und Innovationsführer verstehen. "Künstliche Intelligenz ist in erster Linie kein Technologie-, sondern ein HR-Thema", formulierte Daniel Müller, People Director bei SAP, auf der Kienbaum Convention. Diese Worte haben umso mehr Gewicht, da SAP sich als Vorreiter für betriebswirtschaftliche KI-Technologien versteht.
Das Thema ist nicht neu, es kommt derzeit auf allen Konferenzen vor und viele HR-Bereiche haben erste Erfahrungen damit gesammelt. Genau darin liegt aber auch das Problem: Wir befinden uns in einer ersten Ermüdungsphase. Matthias Meifert brachte es auf den Punkt: "KI dominierte auch diesmal die Agenda – zuverlässig, vorhersehbar, substanzarm. Bekannte Gesichter, bekannte Folien, bekannte Botschaften. Man fragt sich: Wenn KI tatsächlich alles verändert, wie immer wieder beschworen – warum klingt es dann bei jedem Kongress exakt gleich?"
HR muss das Gestaltungsfeld KI nutzen
Die Ermüdung hat ihre Gründe: KI hat keinen Neuigkeitswert mehr und die erwarteten Produktivitätsfortschritte stellen sich nicht ein. Erste Enttäuschung macht sich breit. Die Ökonomen haben dafür bereits Erklärungsmodelle: "Solow-Paradoxon" oder "Produktivitäts-J-Kurve" lauten sie – und beide besagen dasselbe: Bei der Einführung neuer Basistechnologien stellen sich Produktivitätsfortschritte erst verzögert ein, wie der Blick auf die Wirtschaftsgeschichte zeigt. Der größte Fehler wäre es, jetzt die Investitionen zurückzufahren.
Regulatorische Themen werden HR in den nächsten Monaten intensiv beschäftigen: Krankschreibung, Arbeitszeitgestaltung, Kündigungsschutz, Rente, Entgelttransparenz. Im Herbst werden neue Gesetze auf den Weg gebracht – das muss bearbeitet werden und ist relevant. Aber in die Offensive kommt HR damit nicht. Es sind Pflichtaufgaben, keine Gestaltungsfelder.
Künstliche Intelligenz dagegen bleibt ein Gestaltungsfeld. Mit Qualifizierungskonzepten, Prozessgestaltung und Organisationsentwicklung hat HR ein Thema in der Hand, das für das gesamte Management und alle Mitarbeitenden von Belang ist. Es geht um Zukunftsgestaltung – für die Organisation und für jeden Einzelnen. Es hat das Potenzial, das ein Gewinnerthema auszeichnet. Das Thema ist in aller Munde – aber es braucht noch mehr Gewicht: in der Erzählung, der Ermutigung und der Umsetzung.
Über den Autor: Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.