Welche Studiengänge Gesundheit zum Thema machen
Die krankheitsbedingten Fehltage in Deutschland sind anhaltend auf hohem Niveau. Laut einer Analyse der DAK fehlten Beschäftigte 2025 durchschnittlich 19,5 Tage aus gesundheitlichen Gründen. Besonders auffällig sind Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen: Hier ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von 6,9 Prozent zu verzeichnen. Damit liegen die Werte weiterhin so hoch, dass viele Unternehmen sowohl um das Wohlergehen ihrer Mitarbeitenden als auch um ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit besorgt sind.
Für Führungskräfte sowie Personen, die in HR und Personalentwicklung arbeiten, bedeutet das einen Rollenwandel: Es wird immer mehr zu ihrer Aufgabe, Organisationen so zu gestalten, dass Menschen langfristig gesund, motiviert und leistungsfähig bleiben. Das nötige Handwerkszeug, insbesondere zu den psychologischen Aspekten, vermitteln berufsbegleitende Masterstudiengänge.
Gesundheit als Führungs- und Organisationsaufgabe
"Verhalten entsteht immer im Zusammenspiel von Person und Situation", erklärt Anja Liebrich, Professorin für Wirtschaftspsychologie und wissenschaftliche Studienleitung am Standort Nürnberg der FOM Hochschule. "Der größte Hebel für Unternehmen liegt nicht beim Individuum, sondern in der Gestaltung der Verhältnisse, in denen sie arbeiten. Ich kann ja schlecht zu meinen Mitarbeitenden gehen und sagen: Du hast jetzt gesund zu leben", sagt Liebrich." Damit verweist sie auf einen zentralen Grundsatz der Arbeits- und Organisationspsychologie: Individuelle Maßnahmen reichen nicht aus, wenn die Arbeitsbedingungen selbst problematisch sind. Wenn beispielsweise die Arbeitsaufgaben der Mitarbeitenden in der vorgegebenen Zeit nicht zu bewältigen sind, dann geraten sie unter Stress, was sich auf ihre mentale Gesundheit, aber auch auf ihre Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und die Qualität ihrer Arbeitsergebnisse auswirkt. "Es geht darum, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Gesundheit fördert und Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht", so Liebrich.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf psychische Belastung im Arbeitskontext. Auch wenn die Ursache psychischer Erkrankungen laut Liebrich auf viele verschiedene Faktoren zurückzuführen sind, kann das soziale Umfeld eine wichtige Rolle spielen, so auch das Arbeitsumfeld. Unternehmen greifen zu kurz, wenn sie diese ausschließlich als individuelles Problem einzelner Mitarbeitender verstehen. Stattdessen liege die Verantwortung auch bei den Unternehmen, die Arbeitsbedingungen entsprechend zu gestalten, sodass sich diese positiv auf die mentale Gesundheit auswirken. Liebrich plädiert dafür, Gesundheit stärker als Führungs- und Organisationsaufgabe zu denken: Statt ausschließlich individuelle Kompetenzen zu fördern, rückt die Organisation und eine gesundheitsgerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen selbst in den Mittelpunkt.
Reale Praxissituationen ins Studium integrieren
Wie sich eine gesunde Organisation entwickeln lässt, zeigt der Masterstudiengang "Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie" an der FOM Hochschule. Das berufsbegleitende Programm richtet sich an Fachkräfte mit psychologischem oder wirtschaftspsychologischem Hintergrund, die bereits im Berufsleben stehen. Häufig arbeiten sie in Bereichen wie HR, Organisationsentwicklung oder Beratung. "Das macht es natürlich für uns Dozierende auch sehr spannend, weil die Teilnehmenden als gestandene Persönlichkeiten mit Berufserfahrung einen ganz anderen Blick auf die Theorie und Praxis haben", berichtet Anja Liebrich. Dadurch entstehe eine praxisnahe, oft auch kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten.
Arbeits- und organisationspsychologische Themen, die Dreh- und Angelpunkte des Studiengangs sind, kommen gleich im ersten Semester vor. Ziel ist es vor allem, Grundlagen zu vermitteln, die direkt auf reale Praxissituationen bezogen sind. So lernen die Teilnehmenden etwa, Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastung durchzuführen, Arbeitsprozesse zu analysieren oder organisationspsychologische Interventionen zu entwickeln. Diese setzen sie anschließend in realen Projekten um. "Uns ist wichtig, dass die Studierenden nicht nur Konzepte verstehen, sondern sie auch in echten organisationalen Kontexten anwenden", so Liebrich. Viele Projekte entstehen direkt im eigenen Unternehmen der Studierenden. Gleichzeitig bleibt der wissenschaftliche Anspruch hoch. Forschungsmethoden, evidenzbasierte Ansätze und die kritische Reflexion von Maßnahmen sind fester Bestandteil des Curriculums: "Die Studierenden lernen, Entscheidungen nicht nur aus Erfahrung, sondern auch auf Basis valider Daten zu treffen."
Lerninhalte für gesundheitsfördernde Organisationen
Auch Personalführung und Talentförderung gehören zu den Studieninhalten. Anja Liebrich weiß, wie wichtig der Aspekt Führung für gesundheitsfördernde Organisationen ist: "Wenn Führungskräfte Mitarbeitende wirklich positiv unterstützen, zeigen sich Zusammenhänge mit geringerer Stressbelastung, weniger Erschöpfung und letztendlich auch weniger Burnout und Depression." Die Forschung zum Arbeitsbewältigungskonzept zeige zudem deutlich, dass es vor allem zuträglich für die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit von Mitarbeitenden ist, wenn die Stelle und die damit verbundenen Arbeitsanforderungen zur Person passen und umgekehrt. Deshalb gehört auch das Thema Personalauswahl zum Studiengang. All das fällt unter das Feld der Personalpsychologie, die ohnehin einen Teil der Arbeits- und Organisationspsychologie bildet, und laut Liebrich Zentrum des Studiengangs ist: "Wir haben den Begriff aber bewusst nochmal in die Namensgebung des Studiengangs reingenommen, um zu verdeutlichen, wie wichtig die Ressource Personal in diesem Kontext ist."
Um die Vereinbarkeit mit einem Vollzeitjob zu erleichtern, bietet die FOM Hochschule den Master of Science in zwei Varianten an: Zum einen ist eine Kombination aus Lehrveranstaltungen vor Ort am Hochschulzentrum und digitalen Live-Vorlesungen möglich, zum anderen gibt es auch die Option zum reinen digitalen Live-Studium, das ausschließlich online stattfindet. Auch hier sind die Teilnehmenden und Dozierenden gleichzeitig im virtuellen Vorlesungsraum, was Interaktion, Austausch und Gruppenarbeiten ermöglicht. Die Inhalte der digitalen Veranstaltungen werden zudem aufgezeichnet und neben weiteren Dokumenten wie Skripten bereitgestellt, sodass die Studierenden eine verpasste Veranstaltung nachbereiten können. Nicht aufgezeichnet werden dagegen Übungssessions oder akademisches Mentoring.
Intrinsische Motivation als Hebel für Gesundheit
Der Master "HR-Management und Wirtschaftspsychologie" an der Nordakademie, Hochschule der Wirtschaft setzt an einem weiteren wichtigen Hebel für Gesundheit am Arbeitsplatz an: Hier steht das Thema intrinsische Motivation, verbunden mit Resilienz, Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung, im Vordergrund. "Extrinsische Motivation, also Bezahlung und andere Kompensationen sind wichtig. Aber für wirklich nachhaltig entwicklungs- und gesundheitsförderliches Arbeiten ist die intrinsische Motivation entscheidend", erklärt David Scheffer, der die Professur für Wirtschaftspsychologie an der Nordakademie innehat. Jahrzehnte empirischer Forschung in der Psychologie hätten evidenzbasierte Methoden hervorgebracht, wie Führungskräfte und Unternehmen diese intrinsische Motivation bei ihren Mitarbeitenden fördern oder zumindest nicht zerstören können. "Sehr wichtig ist hierbei die Beachtung individueller Unterschiede", so Scheffer. Er betont, dass sich HR-Verantwortliche häufig in einem Spannungsfeld wiederfinden: Sie werden oft als verlängerter Arm des Top-Managements gesehen, sollen gleichzeitig aber auch im Sinne aller Beschäftigten handeln und dabei intrinsische Motivation und Persönlichkeitsentwicklung vorantreiben. "Wir fördern bei unseren Studierenden Kompetenzen, sich in diesem Spannungsverhältnis authentisch und initiativ zu bewähren, auch wenn dies in der Praxis oft nicht einfach ist", sagt Scheffer. Dazu gehöre auch die Kompetenz, sich im Notfall gegen Widerstände durchzusetzen.
Auch dieser Master of Science ist berufsbegleitend konzipiert. Die meisten Studierenden haben BWL oder Wirtschaftspsychologie im Bachelor studiert und bereits erste Erfahrungen im HR-Management sammeln können. Weil ein berufsbegleitendes Studium herausfordernd sein kann, durchlaufen alle Interessierten einen Auswahltest mit einem Interview. "So stellen wir sicher, dass die Motivation und kognitiven Fähigkeiten einen erfolgreichen Abschluss trotz Vollzeitstelle ermöglichen. Außerdem fragen wir sehr intensiv danach, ob der Arbeitgeber als Lernort unterstützt." Die wissenschaftlich validierten Modelle, Theorien und Methoden, welche die Studierenden lernen, sollen sie nämlich auch in empirischen Hausarbeiten und der Masterarbeit in die Praxis überführen. Dabei werden sie dazu ermutigt, an Themen aus ihrem tatsächlich beruflichen Umfeld zu arbeiten. Nach dem Studium entwickeln sich viele von ihnen beruflich weiter und übernehmen Rollen als HR-Business-Partner, häufig mit dem Schwerpunkt Transformation und Change.
Gesundheitsthemen gewinnen an Bedeutung
Während der FOM-Studiengang mitunter die strukturelle Gestaltung von Arbeit in den Mittelpunkt stellt, fokussiert die Nordakademie stärker die motivationalen und führungsbezogenen Aspekte. Dem Thema Motivation spricht auch Anja Liebrich von der FOM eine hohe Bedeutung zu. "Wir wissen aus der Arbeits- und Organisationspsychologie, dass Arbeitsgestaltungsaspekte wie ein erweiterter Handlungs- und Entscheidungsspielraum, Autonomie sowie abwechslungsreiche Arbeit und Aufgabenvielfalt die Motivation fördern." Mitarbeitende, die motiviert sind, seien in der Regel nicht nur zufriedener und gesünder, sondern auch leistungsfähiger, produktiver und deren Arbeit weniger fehleranfällig. "Das heißt, die humanitären Ziele, die wir mit Gesundheitsförderung im Unternehmen haben, beißen sich nicht mit wirtschaftlichen Zielen, sondern sie ergänzen sich, gehen sozusagen ineinander über," betont Liebrich. Ein gesunder, motivationsförderlicher Arbeitsplatz bringt also doppelten Gewinn.
Im Zuge dessen gewinnen auch Studiengänge mit Fokus auf Gesundheit im Arbeitskontext an Bedeutung. Die zwei vorgestellten Master sind exemplarisch für einen wachsenden Markt an – vorrangig berufsbegleitend ausgerichteten – Angeboten im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie. Ähnliche Programme zeigen, dass sich dieser Ansatz zunehmend etabliert. So legt etwa die Steinbeis Hochschule mit ihrem Master "Business and Organizational Psychology" mitunter einen Schwerpunkt auf die psychologischen Aspekte von Organisationsentwicklung und Talent Management. Im Masterstudiengang "Arbeits- und Organisationspsychologie" an der Medical School Berlin geht es um Themen wie gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung, Führung und Stressmanagement. Die Fernuniversität Hagen vermittelt in ihrem Master in Wirtschaftspsychologie wissenschaftliche Grundlagen für Personen, die an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Psychologie arbeiten – auch hier sind es vor allem Berufstätige in der Organisations- und Personalentwicklung, in der Personalauswahl Führungskräfteentwicklung oder im Change- und Konfliktmanagement.
Was diese Programme gemeinsam haben: Sie machen psychologisches Wissen gezielt für die Gestaltung von Arbeit nutzbar, reagieren damit auf die wachsenden Anforderungen in Unternehmen. Denn wer Organisationen gesundheitsfördernd gestalten will, braucht nicht nur gute Absichten, sondern auch fundiertes Wissen und die Fähigkeit, es wirksam in die Praxis zu übertragen. Die berufsbegleitenden Masterstudiengänge helfen, dieses Wissen mit direktem Bezug zu den täglichen Arbeitsaufgaben aufzubauen. Und für Unternehmen wird die Fähigkeit, gesunde Organisationen zu gestalten, zunehmend zum entscheidenden Erfolgsfaktor.
Dieser Beitrag ist erschienen in neues lernen, Ausgabe 3/2026, das Fachmagazin für Personalentwicklung. Sie finden weitere Inhalte zu diesem Beitrag ebenso wie weitere Artikel zum Thema im Heft, im Digitalmagazin und in der App Personalmagazin - neues lernen.
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