Kolumne E-Learning: Das Virus als Treiber

In den letzten Wochen stieg die Nachfrage nach digitalen Tools für Kollaboration und Lernen exponentiell an. Der durch die Corona-Pandemie verursachte Ausnahmezustand wird virtuelles Arbeiten und Lernen endgültig im Alltag verankern und setzt ungeahnte Kreativität frei, prophezeit Kolumnistin Gudrun Porath.

Seit mehr als 15 Jahren schreibe ich über die Fortschritte des digitalen Lernens und Arbeitens, über neue Tools und Techniken. Jahrelang kommt der Fortschritt ganz allmählich und im Empfinden vieler Experten viel zu langsam. Die Technik kann viel, allein Infrastruktur und zögerliche Einführung verhindern den großen Durchbruch. Der ist jetzt kein Durchbruch mehr, sondern hat sich in kürzester Zeit zu einem Wirbelsturm entwickelt, der digitales Lernen in die Höhe hebt und alle, die sich bislang ausschließlich auf Präsenztrainings fokussierten, herausfordert.

Letzte Woche meldete sich per Linkedin eine Bekannte, die erfolgreich als Coach und Trainerin tätig ist, bislang allerdings in erster Linie im Präsenzformat. Einige Unternehmen, in denen sie coacht und trainiert, möchten auch in der Krise nicht darauf verzichten, ihre Mitarbeitenden weiterzuentwickeln, was an sich ja schon eine gute Nachricht ist. Coaching soll weiter stattfinden, aber auch Teambuilding ist gefragt, natürlich digital. Tools dafür gibt es zuhauf, nur welches soll es sein? Wo gibt es Informationen, die über die der einzelnen Anbieter hinausgehen? Und wie setzt man die Technik effizient ein? Eigentlich dachte sie, mit ihrer umfassenden Ausbildung und steten Weiterbildung gut auf alle Fälle eingestellt zu sein – und jetzt das. 

Fast wie Live dabei

Antworten lieferte ihr nur einen Tag später das #CLC2020digital, die digitale Ausgabe des Corporate Learning Camp der Corporate Learning Community. Eigentlich als zweitägige Präsenzveranstaltung in Hamburg geplant, hatten die Organisatoren um Karl-Heinz Pape und Simon Dückert das ausgebuchte Barcamp nach der Covid-19-bedingten Absage und Terminverschiebung in den Spätsommer kurzfristig in den virtuellen Raum verlegt. Mit hohen Ansprüchen an die Teilgeber. Die waren nämlich aufgefordert, selbst die nötigen "Veranstaltungsräume" in Form der entsprechenden Online-Meeting- und Konferenztools zu organisieren und via Link im Session-Plan so zur Verfügung zu stellen, dass der Zugang zur gewünschten Session möglichst reibungslos für die Teilnehmer funktionieren sollte.

In kurzer Zeit fanden sich auf dem Session-Plan fast 100 Sessions, dazu zwei Assemblies und sogar eine virtuelle Lounge, wie beim Präsenz-Barcamp ebenfalls auf zwei Tage verteilt. Zur Eröffnung und Einführung waren dann rund 440 Teilnehmer via Zoom eingelockt, die sich anschließend auf die einzelnen Sessions verteilten. Die Sessions boten nicht nur die Gelegenheit, in Themen wie E-Moderation, Chatbots, Führung in virtuellen Teams, internationale Online Trainings bis zur Gestaltung virtueller Lernräume einzutauchen und sich auszutauschen, sondern auch mindestens 15 verschiedene virtuelle Konferenz- und Meetingtools sowie zahlreiche weitere Plattformen und Tools für die Online-Interaktion kennenzulernen. 

Aufbruchstimmung im Ausnahmezustand 

Die Macher des CLC-Camp sind nicht die einzigen, die es wagten, kurzfristig umzuplanen. Diese Woche findet die Talent-Pro nicht wie geplant live in München statt, sondern als "Talent-Pro Digital Days" im Internet und ebenso wie das digitale CLC-Barcamp ohne Teilnehmergebühren. Viele weitere Veranstaltungen werden folgen, denn noch ist ja keineswegs sicher, wann wir zum "normalen" Leben zurückkehren können und welche Einschränkungen wie lange andauern werden, um die Zahl der Infizierten einzudämmen. 

Nach einer kurzen, gefühlten Schockstarre, die wir alle wohl gebraucht haben, um uns an die neue Situation zu gewöhnen, erlebe ich erstaunliche Kreativität und fast so etwas wie eine Aufbruchstimmung bei vielen E-Learning-Experten, Personalentwicklern und Anbietern digitalen Lernens. Immer mehr E-Learning-Anbieter reagieren, einige stellen Kurse und Konferenz- wie Kollaborationstools oder sogar den Zugriff auf ein Learning-Management-System für einen begrenzten Zeitraum kostenlos zur Verfügung. 

Digitales Lernen: Wie geht es weiter?

Trainer werden unter dem Druck abgesagter Präsenztrainings aktiv und befassen sich nun endlich doch mit digitalen Lerntechnologien, ihren Chancen und Möglichkeiten. Und sie erkennen, dass sie dafür ein paar Kompetenzen draufsatteln müssen. Verstärkt wird für E-Trainer-Ausbildungen geworben. Diese werden teilweise sogar kostenlos angeboten. Alle lenken sich damit ein bisschen von der Krise und der sie begleitenden Unsicherheit ab, alle tun damit auch etwas für ihre Zukunft. Digitales Lernen ist kein Randthema mehr. Spätestens die Schulschließungen haben digitales Lernen in den Bildungs- und Wirtschaftsteil großer Tageszeitungen gebracht.

Die Herausforderung, auch Mitarbeitern im Homeoffice das notwendige Wissen zur Verfügung zu stellen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen, miteinander und voneinander zu lernen, ist schneller zur Realität geworden als es sich jeder hätte vorstellen können. Wer als E-Learning-Anbieter heute genügend Reserven und Ideen hat, potentielle Kunden mit besonderen Angeboten auf sich aufmerksam zu machen und seine bestehenden Kunden selbst in Notlagen gut zu bedienen, kann morgen profitieren. Spätestens wenn die Wirtschaft wieder ins Laufen kommt und die ersten Folgen der Krise verdaut sind, wird auch wieder investiert, womöglich mehr denn je in digitales Lernen. Das ist der Hoffnungsschimmer am Horizont, den wir jetzt brauchen. 

Bis dahin, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich Ihnen vor allem eines: Bitte bleiben Sie gesund. 


Über die Kolumnistin: Gudrun Porath ist freie Journalistin. Sie beobachtet unter anderem für das Haufe Personal-Portal und die Haufe-Zeitschrift "wirtschaft + weiterbildung" die Trends auf dem E-Learning-Markt.


Schlagworte zum Thema:  E-Learning, Coronavirus, Software, Personalentwicklung