"Wir sind noch nicht ganz papierfrei"
Personalmagazin: Frau Spitzner, Sie verantworten seit rund einem Jahr das Personalmanagement der Zeit Verlagsgruppe und sind erstmals als CHRO auch Teil der Geschäftsleitung. Dabei wollten Sie eigentlich ein Sabbatical einlegen. Das müssen Sie bitte erklären!
Christin Spitzner: Stimmt! Das Sabbatical habe ich übrigens trotzdem genommen. Ich kam bereits 2018 als Candidate Experience Managerin zur Zeit Verlagsgruppe und war zuletzt in der Rolle als Head of Talent Acquisition & Advisory tätig. In dieser Position habe ich mich nach sieben Jahren für ein Sabbatical entschieden. Bevor es losging, stand allerdings die Nachbesetzung der CHRO-Funktion an. Ich hatte das Mandat, den Prozess zu steuern und die Auswahl mitzutreffen.
Personalmagazin: Und dann haben Sie beschlossen, dass Sie selbst die beste Kandidatin für den Job sind?
Christin Spitzner: Nicht ganz, das war schon ein längerer Prozess (lacht). Wir haben sehr viele Bewerbungen erhalten. Wir waren überrascht von dieser Resonanz. Es waren viele spannende Profile dabei. Ich habe zahlreiche Interviews geführt. Mit einem aussichtsreichen Kandidaten hatte ich einen langen fachlichen Austausch. Am Ende hat er mich gefragt: Frau Spitzner, warum bewerben Sie sich eigentlich nicht auf die Stelle?
Personalmagazin: Warum eigentlich nicht?
Christin Spitzner: Für mich war das zunächst kein Thema. Mein Sabbatical war geplant, ich habe mich auf das Zeit Sommerfest und die anschließende siebenmonatige Auszeit gefreut. Doch dann haben mich immer wieder Kolleginnen und Kollegen darauf angesprochen und ermutigt, zuletzt sogar unser damaliger CEO Rainer Esser. Das hat mich ins Nachdenken gebracht – und ich habe überlegt, unter welchen Bedingungen ich mir diese verantwortungsvolle Aufgabe vorstellen kann.
Mehr Wirkkraft für HR gewünscht
Personalmagazin: Wie lauteten Ihre Bedingungen?
Christin Spitzner: Für mich war wichtig, dass wir die Rolle gemeinsam mit der Geschäftsführung so zuschneiden, dass HR noch mehr Wirkkraft entfalten kann – und zwar nicht nur durch das tägliche Tun, sondern auch durch eine sichtbare Verankerung in der Organisation. Aus meiner Sicht geht das nur, wenn HR ganz eng mit der Geschäftsführung arbeitet. Und so haben wir es auch umgesetzt, ich berichte an unseren CEO und bin Mitglied der Geschäftsleitung. Und schließlich wollte ich die Rückendeckung unserer Geschäftsführung, die HR-IT neu aufsetzen zu dürfen. Auch dafür gab es grünes Licht.
Personalmagazin: Sie schnappen sich als erstes ein IT-Projekt. Das entspricht so gar nicht dem Klischee von HR.
Christin Spitzner: Stimmt! Ich bin sehr technologieaffin. Ich liebe digitale und kollaborative Arbeit. Dafür hatten wir aber bisher nicht die Basis. Die Systemarchitektur war in die Jahre gekommen und in den Schränken hängen bisweilen immer noch Papierakten. Wir haben sehr lange versucht, ein großes HCM-System einzuführen und für unsere teils sehr individuellen Prozesse passend zu machen. Das ist uns leider nicht gelungen. Deshalb wollte ich einen Neustart dieses Projekts.
Personalmagazin: Wo stehen Sie inzwischen bei der Suche nach einer digitalen Basis?
Christin Spitzner: Wir haben einen anderen Anbieter gefunden, der besser auf unsere Bedarfe passt und sind bereits dabei, das System zu implementieren. Komplett papierfrei sind wir allerdings noch nicht. Eine der am häufigsten gestellten Fragen in unseren Town Hall-Meetings ist, wann es die Gehaltsabrechnung endlich digital gibt. Aber ich bin zuversichtlich, dass uns das auf absehbare Zeit gelingt.
Digtale Neuausrichtung im Fokus
Personalmagazin: Was versprechen Sie sich von der digitalen Neuausrichtung?
Christin Spitzner: Ich bin fest davon überzeugt, dass HR einen ganz, ganz großen Anteil daran hat, wie es einer Unternehmung geht. Gibt es ein Miteinander oder ein Gegeneinander? Fühlen sich unsere 200 Führungskräfte und 1.400 Mitarbeitende unterstützt? Herrscht Transparenz? Technologisch wollen wir mit unserer neuen cloudbasierten Infrastruktur dafür die Basis schaffen.
Personalmagazin: Wie verändern sich die Rollenbilder in HR durch die Digitalisierung?
Christin Spitzner: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Unser Bereich People Services kompensiert gerade zu einem großen Teil die fehlende Systemlandschaft. Da wird viel manuelle Arbeit geleistet, die zwar wichtig ist, aber unnötig viele Kapazitäten bindet. Dazu zählt etwa das Vertragsmanagement, das wir künftig automatisieren wollen.
Personalmagazin: Die Sachbearbeitungstätigkeiten fallen künftig weg.
Christin Spitzner: Die manuellen Tätigkeiten zu einem Großteil. Wir waren im Bereich HR Operations bisher eher klassisch unterwegs mit Personalsachbearbeitern und Personalreferenten. Aber auch die Referenten waren teilweise mit Sachbearbeitungstätigkeiten beschäftigt. Gerade sind wir dabei, unsere Rollen und Verantwortlichkeiten neu zu sortieren, um die Kompetenzen unseres HR-Teams künftig noch viel besser einsetzen zu können.
Personalmagazin: Welche Aufgaben sollen künftig Priorität haben?
Christin Spitzner: Wir haben im letzten Jahr eine HR-Strategie aufgebaut, die vier Fokusthemen für das Jahr 2026 setzt: Erstens KI-Upskilling für alle Beschäftigten, zweitens Führungskräfte im Wandel stärken, drittens Digitalisierung und datenbasiertes Arbeiten vorantreiben und viertens Transparenz und einheitliche Standards schaffen. Hinter diesen Begrifflichkeiten steht eine Roadmap mit verschiedenen Initiativen und Maßnahmen. Und gleichzeitig haben wir mit dem Fusionsprozess der Redaktion ein großes Projekt, das uns noch länger begleiten wird.
Personalmagazin: Sie sprechen von der Zusammenlegung der Print- und Online-Redaktion.
Christin Spitzner: Genau. Auf der redaktionellen Arbeitsebene läuft dieser Prozess bereits einige Zeit. Jetzt verschmelzen wir aber auch die Gesellschaften. Das heißt, die Zeit Digital GmbH und die Zeit Online GmbH werden in die Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG überführt. Wir begleiten in diesem Zuge auch den Betriebsübergang.
Angleichung der Arbeitsbedingungen und Entgelte
Personalmagazin: Welche Aushandlungen bringt der Betriebsübergang konkret?
Christin Spitzner: In erster Linie geht es um eine Angleichung der Arbeitsbedingungen und Entgelte. Aktuell haben wir noch unterschiedliche Tarifstrukturen und Betriebsvereinbarungen. Dazu haben wir einen sogenannten Harmonisierungsausschuss mit den Betriebsräten aus Berlin und Hamburg, der Geschäftsführung, der Chefredaktion und HR besetzt. Zeitgleich ist es auch ein Stück weit die Vorarbeit zum Entgelttransparenzgesetz.
Personalmagazin: Ein renommiertes Blatt wie die Zeit lebt von ihren Starautoren, Edelfedern und Top-Journalisten, die auch eine entsprechende Vergütung einfordern dürften. Gleichzeitig geht es darum, Leistungen und Tätigkeiten vergleichbar zu machen und fair einzuordnen. Erschwert die Gesetzgebung, Spitzenleistungen angemessen zu honorieren?
Christin Spitzner: Sie ist sicherlich eine Herausforderung. Damit meine ich nicht nur für HR, sondern für unser ganzes Haus, weil verschiedene Aspekte zusammenlaufen. Einerseits sind im Zuge unseres Wachstums gewisse Entgelte eher gewachsen, als gestaltet worden. Andererseits sprechen wir, wenn ich auf die Redaktion blicke, über kreative Berufe. Wer entscheidet da über Leistung? Wie definieren wir sie? Wie ist sie vergleichbar?
Personalmagazin: Ist schon eine Lösung in Sicht?
Christin Spitzner: Ich bin zuversichtlich, aber wir sind noch mitten im Prozess. Gerade arbeiten wir gemeinsam im Harmonisierungsausschuss daran, Kriterien für die Vergleichbarkeit von Tätigkeiten und Positionen festzulegen.
Personalmagazin: Inwieweit ist der Betriebsrat in diesen Prozess eingebunden?
Christin Spitzner: Wir sind dazu kontinuierlich im Gespräch und arbeiten in einem festen Gremium mit den Betriebsräten aus Berlin und Hamburg zusammen. Im vergangenen Jahr haben wir eine gemeinsame Regelung vereinbart, mögliche Pay Gaps zu prüfen und stufenweise anzugleichen. Und in dem Prozess kommen wir automatisch in die Diskussion: Was ist Leistung, und welche Kriterien sind dafür tragfähig?
"Unsere Gehaltssystematiken sollen einem Leistungs- und Tätigkeitsvergleich standhalten und uns dennoch den Freiraum geben, wettbewerbsfähig zu vergüten." Christin Spitzner, Personalchefin Die Zeit
Personalmagazin: Leistungsträger werden also weiterhin gut verdienen können.
Christin Spitzner: Mein Ziel ist es natürlich, dass wir eine faire und transparente Gehaltsstruktur aufstellen. Und das bedeutet ja nicht, dass alle das Gleiche verdienen müssen. Wichtig sind dafür aber transparente und objektive Kriterien. Damit bauen wir auch unseren Führungskräften eine Brücke für Gehalts- und Entwicklungsgespräche. Sie erhalten eine Argumentationshilfe und eine nachvollziehbare Möglichkeit, Unterschiede festzumachen.
Personalmagazin: Wird der Faktor Verhandlungsgeschick damit wirkungslos?
Christin Spitzner: Die Grundlage der Verhandlung wird sicherlich eine andere. Unsere Gehaltssystematiken sollen einem Leistungs- und Tätigkeitsvergleich standhalten und uns dennoch den Freiraum geben, wettbewerbsfähig zu vergüten. Allerdings weiß ich auch, dass es am Ende ein sehr subjektives Empfinden bei vielen Menschen ist, ob sie ihr Gehalt als fair empfinden oder nicht.
Führungskräfte im Wandel begleiten
Personalmagazin: In der Vergangenheit war der Journalismus oft hierarchisch. Statt dem Konsens-Prinzip galt das Machtwort des Chefredakteurs. Geht es darum, wenn Sie davon sprechen, Führungskräfte im Wandel zu begleiten?
Christin Spitzner: Auch wir sind nicht hierarchiefrei. Gleichzeitig erlebe ich einen großen Wandel. Der Blick für die Mitarbeitenden hat sich verändert und wir stehen in einem engen Austausch, was Entwicklungs- und Unterstützungsangebote angeht. Gemeinsam erarbeiten wir Konzepte, um die Ressortleitungen in ihren Positionen zu stärken und Führung besser zu verteilen.
Personalmagazin: Trotzdem besteht der Eindruck, dass weiterhin die Top-Journalisten Führungskräfte sind.
Christin Spitzner: Dagegen spricht aus meiner Sicht auch nichts, insbesondere, wenn es um die fachliche Führung geht. Mir ist es wichtig, dass die Menschen eine Führungsrolle übernehmen, die Lust auf Führung haben, die Verantwortung übernehmen möchten und die Fähigkeiten dafür mitbringen.
Personalmagazin: Arbeiten Sie aufgrund der Fusion nun eigentlich mit Top-Sharing?
Christin Spitzner: Durch die Zusammenlegung von Ressorts haben wir derzeit tatsächlich sehr viel geteilte Führung, weil sich ehemalige Print- und Online-Ressortleitungen die Aufgabe paritätisch teilen. Das war uns für eine erfolgreiche Zusammenlegung der Ressorts wichtig. Darüber hinaus haben wir aber auch in anderen Bereichen zunehmend eine geteilte Führung.
Dieser Beitrag ist erschienen in Personalmagazin 6/2026. Als Abonnent haben Sie Zugang zu diesem Beitrag und allen Artikeln dieser Ausgabe in unserem Digitalmagazin als Desktop-Applikation oder in der Personalmagazin-App.
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