Klimaneutralität und Niedrigstenergiegebäudestandard: Bundesregierung und EU haben für die kommenden Jahre und Jahrzehnte hohe Ziele. In der Vergangenheit haben ähnliche Ansätze jedoch kaum gefruchtet. Das liegt an der falschen Herangehensweise, die die Wirtschaftlichkeit zu wenig berücksichtigt. Die Politik sollte sich in Zukunft nicht ausschließlich auf die gebäudespezifische Energieeffizienz fokussieren.

Im Jahr 2050 soll der Gebäudebestand nahezu klimaneutral sein, sagt die Bundesregierung. Dass
ab 2021 Wohnungsneubauten den Niedrigstenergiegebäudestandard erfüllen müssen, sagt die EU. Um diese Ziele umzusetzen, werden gegenwärtig die EnEV reformiert und neue Leitplanken im Ordnungsrecht definiert, auch wenn das Gebäudeenergiegesetz vorerst vom Tisch ist.

Noch nie war die Wirtschaftlichkeit steigender Energieeffizienz von Gebäuden in der allgemeinen Wahrnehmung so wichtig wie heute. In den letzten zehn Jahren hat sich herauskristallisiert, dass nicht die technischen Möglichkeiten der Realisierung, sondern die Finanzierbarkeit und Bezahlbarkeit die entscheidenden Engpässe der Energiewende im Gebäudesektor sind. Das ökonomische Grundgesetz einer zwingend notwendigen Engpassorientierung jedes effizienten Planungsprozesses steht im krassen Gegensatz zu den bisherigen Strategien der Energiewende im Gebäudesektor. Hier wurde die Wirtschaftlichkeit nicht als Ziel, sondern als Nebenbedingung formuliert und behandelt. So ist nach Maßgabe des § 5 Abs. 2 EnEG die Wirtschaftlichkeit Voraussetzung aller ordnungsrechtlichen Anforderungen an Gebäude. Damit das Wirtschaftlichkeitsgebot im Zuge der kontinuierlichen Verschärfungen energetischer Standards nicht flächendeckend außer Kraft gesetzt wird, prüft die Politik vor jeder Novelle bzw. Reform die Möglichkeiten und Grenzen zukünftiger Anforderungen. In den dafür angestellten Gutachten wird i. d. R. anhand von exemplarischen Gebäuden geprüft, wie effizient weitere Verschärfungen sind.

Energetische Standards: Bisheriger Ansatz aus ökonomischer Sicht wenig effektiv

Dieser Ansatz ist aus ökonomischer Sicht wenig effektiv. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Es ist nicht mehr zu leugnen, dass bisherige Ziele verfehlt wurden und der Sanierungsstau allgegenwärtig ist.

Die aktuelle Situation weist Parallelen zur Situation der deutschen Automobilindustrie in den 1970er Jahren auf.

Damals war es das Ziel der deutschen Automobilindustrie, mit Hilfe der höchsten Technologie die besten Autos der Welt zu bauen. Man tat es, weil man es konnte, und es wurde auch noch gefördert. Dann kam Toyota auf den Markt und baute Autos, die im gleichen Segment zu einem Bruchteil des Preises verfügbar waren. Auf den internationalen Automobilmärkten, insbesondere in den USA, wurde das Nutzen- Kosten-Verhältnis dieser Fahrzeuge weit höher bewertet als das der technologischen Spitzenklasse aus Deutschland. Die von den Japanern verbaute Technologie richtete sich nicht danach, was sie konnten, sondern was Kundennutzen generierte, ohne hohe Kosten zu verursachen und somit einen Wertbeitrag zur Umsetzung eines strategischen Plans liefert. Aus Sicht der japanischen Ingenieure bereitete dieses Vorgehen damals zunächst großen Verdruss, aber für die Umsetzung der globalen Unternehmensstrategie war es erfolgreich.

Energiewende: Frage nach der Effizienz im Gebäudesektor

Wie in der Automobilindustrie kann auch bei der Energiewende im Gebäudesektor die Frage nach der Effizienz von Maßnahmen in der Umsetzung einer Strategie aus sehr unterschiedlichen Sichtweisen bewertet werden.

Grundsätzlich gibt es drei Perspektiven, aus denen die Effizienz möglicher Maßnahmen zu Energieeinsparung und Klimaschutz im Gebäudesektor bewertet werden kann:
1. Eine Perspektive richtet sich auf die objektspezifische Bewertung. Sie leitet sich aus dem Ordnungsrecht ab und ist darauf ausgerichtet, die technische/primärenergetische Effizienz möglicher Maßnahmen zu bewerten.
2. Aus den Perspektiven immobilienwirtschaftlicher Akteure leitet sich hingegen ein subjektspezifischer Bewertungsansatz ab, der darauf abzielt, die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen aus der Sicht von Eigentümern, Nutzern und Produzenten zu evaluieren.
3. Die umweltökonomische Perspektive wiederum leitet sich aus einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung ab. Sie ist prinzipiell bestrebt, die resultierenden Kosten zur Vermeidung von Umweltschäden sowie die effiziente Verteilung finanzieller Effekte (Lastenverteilung) zwischen den betroffenen Stakeholdern zu bewerten.

Energieeffizienz: Sichtweisen unterscheiden sich deutlich

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass sich die einzelnen Sichtweisen nicht nur in ihren Zielsystemen unterscheiden, sondern insbesondere auch in den Bewertungsmethoden, den Systemgrenzen der Betrachtung sowie den herangezogenen Informationen für die Analyse. So nutzt z. B. der ingenieurstechnische Ansatz der objektspezifischen Bewertung die in den DIN-Normen hinterlegten Rechenmodelle und stark generalisierte Eingangsdaten. Eigentümer hingegen bewerten mittels Wirtschaftlichkeitsanalysen unter Berücksichtigung situativ differenzierender Rahmenbedingungen (inbsesondere Marktverhältnisse, mieterseitige Zahlungsfähigkeit) die finanzielle Vorteilhaftigkeit alternativer Handlungsoptionen im Einzelfall. Umweltökonomisch wird die Effizienz von Maßnahmen mittels Kosten-Nutzen-Analysen unter Berücksichtigung der finanziellen Effekte für die betroffenen Stakeholder auf Projektebene bewertet. Entsprechend differenziert werden die Ergebnisse der einzelnen Analysen eingeordnet und bewertet.

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Fallbeispiele: zwei exemplarische Analysen

Die Ausführungen machen deutlich, dass Effizienz immer eine sichtweisenspezifische Größe ist. Wie stark sich die Effizienz bei ein und derselben energetischen Anforderung je nach Sichtweise unterscheiden kann, zeigen exemplarische Analysen zu verschiedenen energetischen Standards. Als Fallbeispiel dienten zwei typische Mehrfamilienhäuser mit sechs und 40 Wohneinheiten. Verglichen wurde die Effizienz des über die EnEV hinausgehenden Standards QP 55 % / H’T 85 % (~Effizienzhaus 55) mit der Effizienz des Standards EnEV 2014.

Die Analysen führen zu den folgenden Ergebnissen: Objektspezifisch betrachtet ist der energetisch höhere Standard erwartungsgemäß der effizientere, weil hier zusätzliche (Primär-)Energie eingespart werden kann. Aus der Perspektive von Eigentümern betrachtet, führt derselbe Standard allerdings zu zusätzlichen Gestehungskosten in Höhe von rund 10 % aufgrund der zusätzlichen Anstrengungen, die erforderlich sind, um die höhere Energieeinsparung zu erreichen. Unter der Prämisse der eigentümerseitigen Wirtschaftlichkeit steigen die mieterseitigen Kosten des Wohnens im energieeffizienteren Standard zwischen 0,8 und 1 €/m2 Wohnfläche und Monat, weil die zur Refinanzierung der zusätzlichen Investitionskosten erforderliche Kaltmiete die nutzerseitige Energiekosteneinsparung übersteigt.
Da jedoch der Markt zusätzliche Kosten in dieser Höhe nicht flächendeckend aufnehmen kann, ist
der energieeffizientere Standard in einigen Fällen entweder für Vermieter oder für Mieter ineffizient.
Richtet sich der Blick darüber hinaus auf die Kosten zur Vermeidung von Treibhausgasen als umweltökonomische Kerngröße, zeigt sich, dass der energieeffizientere Neubaustandard periodische CO2-Vermeidungskosten in Höhe von 370 bis 1.090 €/t CO2 einfordert. Kosten in dieser Höhe übersteigen den Preis der an der Börse für 5 bis 8 €/t CO2 gehandelten Emissionszertifikate damit um ein Vielfaches. Dies ist – trotz aller Kritik am Emissionshandel – im Sinne einer auf die Vermeidungskosteneffizienz ausgerichteten Politik als ineffizient zu werten. Risiko ineffizienter Anforderungen.

Werden also politische Implikationen nur aus den Ergebnissen einer Perspektive abgeleitet, z. B. aus der objektspezifischen Betrachtung, besteht das Risiko, dass zukünftige Anforderungsniveaus vom Markt mangels Wirtschaftlichkeit vor Ort nicht umgesetzt werden, und/oder im intersektoralen Vergleich nicht vermeidungskosteneffizient sind.

Einzelne Bewertungsansätze beeinflussen sich gegenseitig

Dieses Risiko spezifisch ineffizienter Anforderungen erlangt zusätzliche Relevanz, weil die einzelnen Bewertungsansätze aufeinander aufbauen und sich wechselseitig in den Ergebnissen beeinflussen.
Dies soll an zwei Beispielen erläutert werden: Alle im systemischen Kontext generierten Ergebnisse bauen zunächst auf der objektspezifischen Bewertung auf. Entsprechen die Ergebnisse hier nicht hinreichend genau der Realität, weil u. a. der tatsächliche Energieverbrauch höher ausfällt als der nach EnEV bilanzierte Bedarf, schleift sich dieser Fehler in die hierauf aufbauenden Analysen aus den anderen Perspektiven ein und verfälscht dort die Ergebnisse. Ähnliches gilt für die subjektspezifischen Wirtschaftlichkeitsanalysen, aus denen nur dann treffsicher sinnvolle Anforderungsniveaus abgeleitet werden können, wenn diese die Entscheidungssituation der Akteure realistisch abbilden.

Klimaschutzziele kaum zu erreichen

In Summe betrachtet stellen die gezeigten Ergebnisse den gegenwärtigen energie- und klimapolitischen Entwicklungspfad für den Gebäudesektor und damit die Zielerreichung des Klimaschutzplans erheblich in Frage, weil die bisherige Umsetzungsstrategie sich zu wenig am Engpass der Finanzierbarkeit und Bezahlbarkeit orientiert.

Bislang geht es zu sehr um das, was technisch möglich ist, als um das Nutzen-Kosten-Verhältnis der Maßnahmen in der Umsetzung der Oberziele der Energiewende. Um zu vermeiden, dass der Befreiungstatbestand mangels Unwirtschaftlichkeit im Einzelfall zum Regelfall wird, müssen die verschiedenen Sichtweisen und diesystemischen Abhängigkeiten in dem Politikprozess zur Entwicklung zukünftiger Anforderungsniveaus zwingend berücksichtigt werden. Das gegenwärtige Steuerungssystem ist jedoch weder darauf ausgerichtet, die Position umsetzungsrelevanter Akteure angemessen zu berücksichtigen, noch die Anforderungsniveaus im intersektoralen Vergleich auf die Vermeidungskosteneffizienz auszurichten.

Vor diesem Hintergrund erscheint es zweckdienlich,
a) die Berechnungsvorschriften der EnEV an die Gegebenheiten vor Ort anzupassen und
b) energetische Qualitäten von Gebäuden zukünftig über die Indikatoren Treibhausgasemissionen (hinsichtlich der Vermeidungskosten) und Endenergie (x Energieeinheitspreis, hinsichtlich der Evaluation finanzieller Effekte für Eigentümer und Nutzer) zu steuern.

Fazit: keine schnellen Lösungen bei Energieeffizienz

Aufgrund der hier skizzierten Komplexität im Politikfeld der Energie- und Klimapolitik für den Gebäudesektor sind die schnellen, einfachen Lösungen erwartungsgemäß nicht diejenigen, mit denen sich das im Gebäudesektor vorhandene Potenzial für Energiewende und Klimaschutz effizient heben lässt. Entsprechend sollte in der weiteren Entwicklung des Energieeinsparrechts sinnvollerweise Sorgfalt vor Schnelligkeit das Prinzip der Stunde sein, um ein langfristig auf Effizienz und Effektivität ausgerichtetes Steuerungssystem zu entwickeln, welches den verschiedenen Perspektiven gerecht wird. Hierfür ist es insbesondere auch erforderlich, dass vorhandene Zielkonflikte, z. B. – wie aufgezeigt – zwischen kostengünstigem Wohnraum und maximaler Energieeffizienz, politisch priorisiert werden.

Schlagworte zum Thema:  Energie, Energieeffizienz, Gebäudesanierung