Schluss mit der Tool-Sammelei
Sie haben gemeinsam ein Buch geschrieben mit dem Titel "Software-Technologien und IT-Systeme für die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft". Was unterscheidet das Buch von anderen?
Prof. Dr. Heiko Gsell: Wir haben bewusst den Schwerpunkt auf technische Aspekte gelegt, mit mehr technischer Tiefe, als das unserer Wahrnehmung nach in den bisherigen Werken geschehen ist. Ich persönlich halte es für besonders wichtig, dass in der Branche technische Kompetenz entsteht und aufgebaut wird, dass die Menschen sich mit der Technik beschäftigen und auch ein bisschen hinter die Kulissen schauen.
Arne Rajchowski: Wir müssen mit der Branche mitwachsen. Wir haben in den ersten Jahren Software-as-a-service-Angebote gekauft, hier mal eine Mieterapp, da ein Portal, hier was Schönes. Und das hat alles ausgereicht, weil es für den Entwicklungsstand und für die Probleme, die wir hatten, völlig okay war, dass wir da so herangegangen sind.
Jetzt wachsen wir mit den Lösungen und stellen fest, wir müssen Tools miteinander verbinden. Wir müssen Daten austauschen. Wir brauchen Datentöpfe, die wir vorher noch gar nicht hatten und reden automatisch über Softwarearchitekturen. Wir überfordern damit ganz viele Unternehmen.
Was wir Unternehmen mit dem Buch an die Hand geben wollen, ist etwas, mit dem sie zu ihrem Dienstleister gehen können und sagen: "Warum machen wir es dann nicht so?"
Keine Unternehmensstrategie ohne IT-Strategie
Wie verändern sich die Anforderungen an Unternehmen und die Mitarbeitenden?
Rajchowski: Auch wenn wir aktuell viel über agentische KI sprechen, brauchen wir zunächst eine solide technische Infrastruktur.
Ein Agent kommt nicht einfach aus dem Nichts und fängt an zu zaubern, sondern der braucht vernünftigen Zugang zu Daten, er braucht Vernetzung und er braucht Schnittstellen. Ich glaube, wir stehen an einem Punkt, an dem die Unternehmensstrategie eng mit der IT-Strategie abgestimmt werden muss. Dabei ist entscheidend: Welche Aufgaben habe ich im Unternehmen, was will ich erfüllen und was will ich abgeben? Wenn ich eine WEG-Verwaltung nicht mehr übernehmen möchte, sollte das auch nicht mehr Teil meiner IT-Architektur sein.
Gsell: Wir haben mittlerweile verschiedene Themen zur Digitalisierung in unserem Curriculum. Wir beschäftigen uns mit Datenmanagement und IT-Sicherheit, um die jungen Menschen damit vertraut zu machen und ihnen ein Stück weit die Angst zu nehmen. Die jungen Menschen beschäftigen sich natürlich im privaten Bereich viel mit digitalen Technologien oder Medien. Das versuchen wir auch zu übertragen auf die Lehre, auf die Immobilienwirtschaft. Und das bilden wir mittlerweile auch in unseren Studiengängen ab.
"Wir wissen nicht, was KI nicht kann"
Sie haben auch ein Kapitel zur KI in Ihrem Buch. Was kann KI und was kann KI nicht?
Rajchowski: Die Antwort ist ganz einfach: Wir wissen nicht, was KI nicht kann. Wenn jemand sich hinstellt und sagt, "ich nenne jetzt alle Potenziale von KI in der Wohnungswirtschaft", dann müsste er eigentlich sagen, "ich nenne eine kleine Auswahl von Potenzialen, die mir jetzt gerade bekannt sind".
Die Technologie entwickelt sich rasant. Wir stehen immer noch am Anfang und sollten uns häufiger Zeit nehmen, die Möglichkeiten von KI für unsere Aufgaben wirklich zu reflektieren.
Gsell: Auch der Mensch spielt dabei eine wichtige Rolle. KI kann durchaus Fehler machen – da müssen wir als Mensch drüber schauen und gegebenenfalls korrigierend eingreifen.
Bei klar definierten, sogenannten deterministischen Prozessen ist KI nicht unbedingt notwendig, da lassen sich Abläufe auch durch klassische Workflows oder Managementsysteme abbilden. Erst bei Besonderheiten oder offenen Fragen kann sinnvoll sein, einen KI-Agenten einzusetzen.
Die komplette L'Immo-Folge mit Prof. Dr. Heiko Gsell, Arne Rajchowski und Gastgeber Dirk Labusch: |
Das ist ein redaktionell bearbeiteter Auszug aus dem L'Immo-Podcast mit Prof. Dr. Heiko Gsell und Arne Rajchowski.
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