Baukulturbericht: Moderne Städte brauchen neue Lebensräume

Ob klimafreundliche Mobilität oder Corona-Zeiten – in den Städten geht es heute mehr denn je um Zukunftsfragen. Wie können Verkehrsflächen oder andere frei zugängliche Plätze umgestaltet werden? Was macht öffentliche Freiflächen zu Lebensräumen? Handlungsempfehlungen aus dem Baukulturbericht.

Attraktive Städte und Orte zeichnen sich durch eine Vielzahl gut gestalteter öffentlicher Freiräume aus, die Begegnungen ermöglichen und den Austausch fördern, heißt es im aktuellen Bericht der Bundesstiftung Baukultur (BSBK), zu dem die Bundesregierung Stellung genommen hat. Die Stiftung fordert neue "Mischräume" also Flächen, die mehreren Nutzungen dienen.

So könnten beispielsweise Schulhöfe jenseits des Schulbetriebs öffentlich genutzt werden, oder ein an eine Schule angrenzender Park als offener Pausenhof dienen. Als weiteres Beispiel nennt das Gremium einen Bolzplatz auf einem Baumarkt-Dach in Berlin.

Klimaschutz, Gesundheit und Erholung im Fokus

Besonders im Fokus stehen sollten der Stiftung zufolge Nutzungen, die der Gesundheit und Erholung der Städter dienen, vor allem im Hinblick auf Klimaschutz und Klimaanpassung. Erreicht werden kann das etwa mit einem Mehr an urbanem Grün, Oberflächenwasser und Biodiversität. Dazu gehören auch Verkehrsräume, die für Kinder, Ältere und beeinträchtigte Menschen gleichermaßen funktionieren. Durch die Gestaltung öffentlicher Straßen und Verkehrsflächen können Städte und Gemeinden die Aufenthaltsqualität in öffentlichen Räumen verbessern.

Der Baukulturbericht 2020/2021 liefert neben Ergebnissen aus Bevölkerungs-, Kommunal- und IHK-Um­fra­gen auch Best-Practice-Beispiele aus Deutschland. Mit den Handlungsempfehlungen richtet er sich nicht nur an die Politik, sondern unter anderem auch an Wohnungsbauunternehmen oder andere Bauherren sowie an Projektentwickler und Kommunen.

Öffentliche Räume des Baukulturberichts

Grafik Baukulturbericht 2020_21

Baukulturbericht: Handlungsempfehlungen im Überblick

Öffentliche Räume: Motor der Stadtentwicklung

Die Disziplin des Städtebaus ist die zentrale Gestaltungsebene, um öffentliche Räume durch Stadt- und Freiraumplanung, mit Architektur und Landschaftsarchitektur zu stärken und zu fördern. Wer zukunftsfähige öffentliche Räume entwickeln will, braucht Visionen. Internationale Bauausstellungen und Gartenschauen, Bauforen und strategische Formate müssen langfristig vorausgedacht werden. Für vitale Quartiere empfehlen die Experten eine Nutzungsvielfalt von beispielsweise Kleingewerbe und Läden in den von der Öffentlichkeit leicht zugänglichen Erdgeschossen. Dabei kann ein Quartiersmanagement helfen, langfristig Qualitäten für die Nachbarschaft zu sichern.

Mehr neue Mischräume

Neue Mischräume aktivieren Orte und konzentrieren vielfältige Angebote auf einer Fläche. Sie leisten einen Beitrag zur Innenentwicklung und berücksichtigen unterschiedliche Nutzerinteressen. Öffentliche Räume sind als Reallabore für gesellschaftliche Entwicklungen zu sehen: Experimente müssen also möglich sein, neue Ideen können auf Akzeptanz und Erfolg getestet werden. Öffentliche Räume sollten jederzeit funktionieren – unabhängig von Uhr- oder Jahreszeit. Plätze, Sportanlagen, Pausenhöfe und Parkanlagen können über ihre Bestimmung hinaus universell genutzt werden.

Gesundheit und Erholung

Öffentliche Räume spielen auch eine entscheidende Rolle für Klimaschutz und Klimaanpassung. Sie sind wichtig für Gesundheit und Erholung. Baukultur muss also urbanes Grün, Oberflächenwasser und Biodiversität thematisieren und stärken. Grünräume, Wasserflächen und lärmfreie Orte sollten frei zugänglich sein und bei Bedarf ausgebaut werden. Das wird vor allem bei der Nachverdichtung wichtig – eine höhere bauliche Dichte und eine größere gestalterische und ökologische Vielfalt des öffentlichen Raums müssen Hand in Hand gehen. Damit öffentliche Räume eine positive Wirkung auf das Wohlbefinden entfalten, müssen sie gut nutzbar und einladend sein. Kommerzielle Nutzungen und kurzlebige Trends haben hier keinen Platz.

Verkehrsflächen für alle denken

Verkehrsräume, die für Kinder, Ältere und beeinträchtigte Menschen gleichermaßen funktionieren, kommen der ganzen Gesellschaft zugute und haben eine hohe baukulturelle Qualität. Eine nutzergerechte Neuaufteilung von Verkehrsflächen ist der Stiftung Baukultur zufolge vielerorts unerlässlich. Maßstab in den Städten sollte der Fußgängerverkehr sein. Das erfordert, dass die Geschwindigkeiten aller Verkehrsteilnehmer in den Städten besser aufeinander abgestimmt werden.

Öffentliche Infrastrukturen: Träger von Baukultur

Technische Infrastrukturen und Ingenieurbauwerke sind integrale Bestandteile öffentlicher Räume. Stadtmobiliar, Beleuchtung und Beschilderung prägen das Ortsbild. Ihre Gestaltung und Pflege verlangen mehr Sorgfalt und Wertschätzung. Bund, Länder, Kommunen und Unternehmen der öffentlichen Hand könnten etwa verstärkt Wettbewerbe bei Ingenieurbauwerken ausloben. Die Gestaltung der Infrastrukturen ist ganzheitlich zu betrachtenDesign in öffentlichen Räumen hat den Auftrag, für alle Nutzer funktional, verständlich und zugänglich zu sein. Ob sich neue Systeme der Mobilität oder Stadttechnik eignen, entscheidet sich letztlich an ihrer Raumverträglichkeit.

Aufräumen und Pflege von öffentlichen Plätzen

Gepflegte und aufgeräumte öffentliche Räume haben für die Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Sie sind ausschlaggebend für die Identifikation der Bewohner und ein wichtiger Standortfaktor im Städtewettbewerb. Sind Anlagen fertiggestellt, sollte sie ein professionelles Quartiers- oder Parkmanagement begleiten. Die für Pflege und Unterhaltung öffentlicher Räume eingestellten Haushaltsmittel sollten aufgestockt werden. Die Budgets pauschal zu verdoppeln könnte sachgerecht sein. Vorhandene Anlagen und Einbauten sollten regelmäßig auf ihre Notwendigkeit, Nutzbarkeit und Gestaltungsqualität überprüft werden: Schon kleine Verbesserungen – wie ein konsequentes Aufräumen – machen öffentliche Räume übersichtlicher, sauberer und hochwertiger.

Öffentliche Räume als "Schule der Demokratie" stärken

Die Qualität unseres Zusammenlebens zeigt sich in öffentlichen Räumen. Als Orte politischer Diskussionen und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen erfüllen öffentliche Räume eine wichtige Funktion in der Demokratie. Sie müssen nutzbar sein und dürfen nicht durch kommerzielle Angebote eingeschränkt und überfrachtet werden. Besonders Kinder reagieren sensibel auf ihr Umfeld. Ist das gut gestaltet, kann das ihre Wahrnehmungskompetenz für Baukultur fördern. Baukulturelle Bildung sollte bereits in der Schule beginnen. Damit Menschen in der Öffentlichkeit zusammenkommen, ist eine gute Gestaltung und Pflege von Straßen, Plätzen, Gehwegen und Parkanlagen notwendig.

Öffentliche Räume müssen für alle zugänglich sein

Öffentliche Räume liegen als Bindeglied zwischen Städten, Orten und Menschen. Eine aktive, umsichtige öffentliche Hand trägt dafür Sorge, dass die Räume dauerhaft für das Gemeinwohl verfügbar und nutzbar sind sowie uneingeschränkt zugänglich bleiben. Das kann nur das öffentliche Grundeigentum gewährleisten. Auch Bahnhöfe, Kultur- und Bildungsbauten gehören dauerhaft in kommunale Hand. Nutzungsrechte öffentlicher Flächen sollen nur befristet und nur mit Auflagen zum Gemeingebrauch und zur Stadtgestaltung an Private vergeben werden. Sondernutzungsrechte sollten im Sinne der Allgemeinheit und unter baukulturellen Qualitätskriterien gewährt werden. Stadträumlich relevante Wegerechte sind aber neu zu verhandeln und für die Allgemeinheit zu sichern.

Allianzen für öffentliche Räume schaffen

Um den Nutzungs- und Handlungsdruck öffentlicher Räume zu bewältigen, muss eine ganzheitlich agierende Organisations-, Planungs- und Trägerstruktur an die Stelle geteilter Verantwortlichkeiten und sektoraler Lösungen treten. Öffentliche Räume brauchen eine aktive und qualifizierte Verwaltung. Das schließt auch die bürgerschaftliche Teilhabe ein – eine Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung, Fachleuten und Eigentümern. Ein gut aufgestelltes Management kümmert sich um Planung, Bau, Kommunikation, Flächenbelegung und Pflege. Die öffentliche Hand und private Akteure stehen dabei in engem Austausch und entwickeln gemeinsam zukunftsfähige Perspektiven.


Baukulturbericht "Öffentliche Räume" 2020/21


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Schlagworte zum Thema:  Stadtentwicklung, Wohnungsbau