Digitaler Produktpass

Noch fehlt häufig die Datengrundlage für den Digitalen Produktpass


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Ab Juli 2026 geht das EU-Register für digitale Produktpässe an den Start. Die ersten verpflichtenden Produkte folgen 2027 – allen voran Batterien, später Textilien, Elektronik und Möbel. Nachhaltigkeitsverantwortliche, die jetzt keine Datenstrategie aufbauen, stehen bald auf wechselndem Grund. Was Unternehmen konkret vorbereiten müssen und wo Anspruch und Wirklichkeit noch auseinanderliegen.

Spätestens seit der EU-Batterieverordnung steht er auf der Agenda vieler Nachhaltigkeitsabteilungen: der Digitale Produktpass (DPP). Doch während das Thema in Fachkreisen längst diskutiert wird, hinkt die Umsetzung in vielen Unternehmen noch deutlich hinterher. Das EU-Register für digitale Produktpässe soll im Juli 2026 in Betrieb gehen. Danach geht es schneller als viele erwarten: 2027 werden Industriebatterien und Elektrofahrzeug-Batterien als erste Produktgruppe verpflichtet, gefolgt von Textilien, Elektronik und Möbeln. Wer jetzt noch wartet, läuft Gefahr, in einen Aufholstress zu geraten, aus dem kaum noch saubere Datenstrukturen entstehen.

Dr.-Ing. Agnetha Flore ist Director des Center for Digital GreenTech am August-Wilhelm Scheer Institut. Sie beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Datenintegration, Nachhaltigkeitsbewertung, Interoperabilität und Kreislaufwirtschaft im Kontext des DPP. Im Gespräch mit dem Haufe Sustainability Portal erklärt sie, wo Unternehmen heute stehen und was sie jetzt tun müssen.

Der Digitale Produktpass ist kein IT-Projekt – er ist eine Transformation

Der erste Fehler, den Unternehmen machen: Sie behandeln den Digitalen Produktpass als reines Compliance- oder IT-Vorhaben. Agnetha Flore sieht das regelmäßig in der Projektpraxis:. „In der Praxis zeigt sich jedoch häufig, dass bereits die grundlegende Datenbasis nicht ausreichend strukturiert, vollständig oder konsistent vorhanden ist.“ Besonders kritisch seien fragmentierte Datenlandschaften, fehlende Schnittstellen zwischen Systemen und unklare Verantwortlichkeiten entlang der Wertschöpfungskette. Hinzu kommt, dass Unternehmen den organisatorischen Aufwand häufig unterschätzten – insbesondere die frühzeitige Einbindung von Lieferanten und Partnern. Wer erst kurz vor regulatorischen Fristen beginne, werde „kaum noch ausreichend Zeit für Standardisierung, Datenqualität und Prozessintegration haben“.

Das im Januar 2023 in Kraft getretene Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz stellt Unternehmen wie Varta vor Herausforderungen. Tessa Quandt beschreibt im Podcast, wie das Gesetz die Anforderungen an ihre Arbeit verändert.

Lieferanten frühzeitig einbinden

Ein Kernproblem, das die Expertin immer wieder beobachtet: Die Einbindung von Lieferanten und Partnern wird auf später verschoben. Dabei ist genau das der zeitintensivste Teil. Daten über Materialzusammensetzung, CO₂-Fußabdruck oder Reparierbarkeit entstehen nicht im eigenen Haus – sie müssen entlang der gesamten Lieferkette erhoben, geteilt und harmonisiert werden. Je komplexer die Zulieferstruktur, desto früher muss dieser Dialog beginnen.

Für Nachhaltigkeitsverantwortliche, die ohnehin bereits Lieferkettentransparenz nach LkSG oder CSDDD sicherstellen müssen, bietet der DPP eine Chance: Die bereits aufgebauten Strukturen für Lieferantenkommunikation und Due-Diligence-Prozesse lassen sich sinnvoll weiternutzen. Voraussetzung ist, dass beide Stränge – Regulatorik und Datenstrategie – zusammengedacht werden.

IT und Sustainability müssen gemeinsam denken

Flore beschreibt den DPP als „weniger ein Einzelprojekt als vielmehr ein Transformations- und Integrationsthema“. Unternehmen benötigten dafür interdisziplinäre Strukturen, in denen IT, Nachhaltigkeit, Einkauf, Produktion, Qualitätsmanagement und teilweise auch Recht und Vertrieb eng zusammenarbeiten. Entscheidend sei dabei, dass Nachhaltigkeitsdaten künftig nicht mehr isoliert betrachtet werden, sondern Teil der operativen Unternehmens- und Datenstrategie werden: „Erfolgreiche Unternehmen schaffen deshalb frühzeitig gemeinsame Verantwortlichkeiten, klare Governance-Strukturen und ein gemeinsames Verständnis darüber, welche Daten zukünftig strategisch relevant sind.“

Konkret bedeutet das: Es braucht eine Person oder ein Gremium, das sowohl die Nachhaltigkeitsanforderungen als auch die IT-Architektur versteht. In vielen mittelständischen Unternehmen gibt es diese Rolle noch nicht. Das zu ändern ist eine Führungsaufgabe – nicht nur ein Projektmanagementproblem.

Interoperabilität: Anspruch und Wirklichkeit

Das Kernversprechen des DPP lautet: Produktdaten sollen über Systemgrenzen hinweg teilbar und maschinenlesbar sein. Lieferanten, Hersteller, Händler, Behörden und Recyclingunternehmen sollen auf dieselben Informationen zugreifen können – ohne Medienbruch, ohne manuelle Konversion. Der Anspruch ist richtig. Die Realität ist komplizierter.

Die Standardisierung befinde sich aktuell noch in einer Übergangsphase, so Flore: „Zwar entstehen zunehmend europäische Rahmenwerke, Standards und Datenmodelle, gleichzeitig ist die reale Systemlandschaft in Unternehmen jedoch häufig historisch gewachsen und sehr heterogen.“ Gerade in DPP-Projekten mit mittelständischen Unternehmen zeige sich, dass unterschiedliche ERP-Systeme, proprietäre Datenformate oder manuelle Prozesse häufig parallel existieren. Der Anspruch einer durchgängigen Interoperabilität sei strategisch richtig, „technisch und organisatorisch aber noch längst nicht flächendeckend umgesetzt“. In den kommenden Jahren werde es entscheidend sein, offene Standards, Schnittstellenfähigkeit und gemeinsame Datenverständnisse weiter voranzutreiben – insbesondere entlang komplexer Lieferketten.

Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten

Die Botschaft aus der Forschungspraxis ist eindeutig: Wer 2027 compliant sein will, muss 2026 in die Grundlagen investieren. Fünf Handlungsfelder sind dabei besonders relevant:

  • Datenstatus prüfen. Welche Produktdaten existieren überhaupt, wo liegen sie, in welchen Systemen – und wie konsistent sind sie? Wer dabei feststellt, dass Stammdaten über mehrere ERP-Instanzen verteilt sind oder Materialdaten nur in Excel-Tabellen vorliegen, hat eine klare erste Aufgabe.

  • Lieferanten einbinden. Die Datenanforderungen des DPP müssen frühzeitig kommuniziert werden: Welches Format erwartet das künftige System? Welche Lieferanten können die Daten bereits liefern, welche brauchen Unterstützung? Wer diesen Dialog früh beginnt, vermeidet später Engpässe – und baut gleichzeitig Vertrauen auf, das für die gesamte Lieferkettentransparenz nützlich ist.

  • Governance aufbauen. In der Praxis fällt der DPP oft zwischen IT und Nachhaltigkeitsabteilung – beide fühlen sich zuständig, keine übernimmt das Steuer. Unternehmen, die frühzeitig eine Rolle oder ein crossfunktionales Team definieren, das beide Welten verbindet, haben einen strukturellen Vorteil.

  • Standards im Blick behalten. Die Entwicklung der EU-Datenmodelle – etwa im Rahmen der ESPR-Verordnung, des Catena-X-Netzwerks oder der GS1-Standards – ist noch nicht abgeschlossen. Wer die Entwicklungen verfolgt und seine Systemarchitektur flexibel hält, muss später weniger nacharbeiten.

  • Synergien nutzen. Wer bereits CSRD-Reporting aufgebaut oder LkSG-Sorgfaltsprozesse implementiert hat, hat verwertbare Vorarbeiten geleistet. Lieferantendaten, Scope-3-Erhebungen, Materialinventare – all das sind Bausteine, die im DPP-Kontext wiederverwendet werden können, wenn die Datenarchitektur entsprechend gestaltet wird.

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