Hitze kostet Deutschland 2026 rund 25 Milliarden Euro
Rechnung mit Folgen
Der Sommer 2026 hat in Deutschland Temperaturrekorde gebrochen – und hohe Kosten verursacht. Der erstmals veröffentlichte Allianz Climate Risk Tracker, eine Studie von Allianz und Allianz Trade, schätzt, dass die Hitzewellen des Sommers 2026 die deutsche Wirtschaftsleistung um rund 25 Milliarden Euro verringern. Unter 30 untersuchten europäischen Ländern liegt Deutschland damit auf Platz zwei – hinter Italien mit 28 Milliarden Euro und vor Frankreich mit 20 Milliarden Euro. Europaweit betragen die geschätzten Verluste 113 Milliarden Euro.
Die Einbußen entstehen vor allem durch geringere Arbeitsproduktivität, längere Pausen, Fehlzeiten und begrenzte Kühlung. Die Folge sind Produktionsausfälle und eine niedrigere Wertschöpfung, die sich direkt im Bruttoinlandsprodukt (BIP) zeigt. Eine Berechnung des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos für das Handelsblatt unterstreicht die Dimension: Allein die Hitzeperiode vom 17. bis 30.6.2026 kostete die deutsche Wirtschaft demnach rund 6,3 Milliarden Euro.
„Hitze ist ein vielfach unterschätztes Risiko“, sagt Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG. „Sie belastet Menschen, Infrastruktur und Wirtschaft und verschärft Gefahren wie Dürre, Waldbrände und Extremwetter.“
Landwirtschaft und Lieferketten unter Druck
Besonders stark leidet die Landwirtschaft. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen schätzt den Schaden für den europäischen Agrarsektor nach einem Ministertreffen in Brüssel auf 14 bis 17 Milliarden Euro. Das endgültige Ausmaß steht erst nach Abschluss der Ernte fest. In Deutschland sank die Getreidemenge laut Erntebilanz um 7,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zu wenig Gras als Futtermittel bereitet Viehhaltern zusätzliche Probleme, so Hansen. „Die Landwirte sind die ersten Opfer des Klimawandels – und der Klimawandel ist da und wird leider auch bleiben“, sagte der EU-Kommissar. Er fordert eine Versicherungspflicht im Agrarsektor. Derzeit sind nur 12 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion in der EU gegen Schäden versichert.
Auch die Allianz-Studie zeigt Lücken beim Versicherungsschutz. In den vergangenen fünf Jahren waren in Deutschland nur 33,5 Prozent der wirtschaftlichen Klimaschäden versichert. Dieser Wert liegt leicht über dem globalen Durchschnitt von 32,8 Prozent, offenbart aber eine deutliche Deckungslücke.
El Niño: Nächster Belastungstest für die Weltwirtschaft
Während Europa mit dem Hitzesommer 2026 ringt, kündigt sich das nächste Klimaphänomen an. Die Allianz-Studie warnt vor den wirtschaftlichen Folgen eines starken El Niño 2027. Auf Basis der Temperaturwirkungen des El Niño 2023/2024 berechnen die Autoren für 144 Volkswirtschaften einen möglichen Gesamtverlust von rund 392 Milliarden Euro (451 Milliarden US-Dollar). China, die USA und Indien würden zusammen fast 60 Prozent der Verluste tragen.
Auch Europa bleibt betroffen. Den 27 EU-Staaten droht ein Nettoverlust von rund 21 Milliarden Euro. Für Deutschland erwartet die Studie Einbußen von rund 5,5 Milliarden Euro. Die Gesamtinflation könnte um 0,13 Prozentpunkte, die Nahrungsmittelinflation um 0,21 Prozentpunkte steigen. „El Niño mag geografisch weiter entfernt sein als eine Hitzewelle im europäischen Sommer – tatsächlich sind die wirtschaftlichen Folgen aber auch in Europa spürbar“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Nord- und Osteuropa erwärmen sich am schnellsten
Der Allianz Climate Risk Tracker nutzt erstmals zwei neue Indikatoren: den Climate Change Score (CCS), der misst, wie stark sich das Klima eines Landes seit 1950–1970 verändert hat, und den Climate Stress Score (CSS), der die aktuelle Belastung durch Hitze, Dürre und Starkregen zeigt.
Die Daten zeigen: Nord- und Osteuropa haben sich in den vergangenen Jahrzehnten besonders stark erwärmt. Norwegen verzeichnet mit +3,74 °C gegenüber dem historischen Referenzzeitraum den höchsten Temperaturanstieg unter den Schwerpunktländern und liegt weltweit auf Platz drei. Auch die Schweiz, Schweden, Estland, Finnland und die Slowakei liegen mehr als 2,6 °C über ihrem historischen Niveau. Deutschland steht beim CCS auf Rang 132 und beim CSS auf Rang 134 von 175 Ländern. Im internationalen Vergleich liegt es damit noch im unteren Risikobereich, doch der Trend zeigt nach oben.
Politik reagiert: Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe
Die Politik reagiert. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte bei der Jahrestagung des Rats für Nachhaltige Entwicklung in Berlin: „Der Klimawandel ist zu einer Bedrohung für Leib und Leben geworden.“ Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) geht noch weiter. Auf dem Extremwetterkongress in Hamburg sprach er sich dafür aus, Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz aufzunehmen. Das würde die Zusammenarbeit von Bund und Ländern erleichtern.
Bis zum kommenden Jahr will die Bundesregierung einen nationalen Hitzeaktionsplan vorlegen. Klimaschutz gilt bereits seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz. Die Klimaanpassung soll nun strukturell verankert werden.
Hitze wird zur Bilanzgröße
Für ESG- und Nachhaltigkeitsverantwortliche in Unternehmen verschiebt sich mit diesen Zahlen der Handlungsspielraum. Klimarisikoanalysen haben durch TCFD, EU-Taxonomie, CSRD und CSDDD an Gewicht gewonnen. Die physische Klimaanpassung blieb aber oft nachrangig. Zunächst standen THG-Bilanzen und Emissionsminderung im Fokus, während anhaltende Hitze und Dürre eher als Thema südlicher Regionen galten. Der Sommer 2026 zeigt: Diese Sicht ist überholt.
Hitze ist keine seltene Ausnahme mehr, sondern eine wiederkehrende Kostenposition – und damit bilanzrelevant. Die Allianz-Studie macht deutlich, dass Prävention wirtschaftlich günstiger ist als Schadensreparatur. Länder mit Frühwarnsystemen, Risikokarten und vorausschauender Finanzierung sind nachweislich robuster. Auch auf europäischer Ebene steigt die Finanzierung: Die Europäische Investitionsbank stellt von 2025 bis 2027 eine Fazilität von 15 Milliarden Euro für Wasser-Resilienz bereit.
Klimaökonom Hazem Krichene von der Allianz fasst dies zusammen: „Entscheidend ist, rechtzeitig in Anpassung und Vorsorge zu investieren. Dauerhafte Prävention, vorausschauende Finanzierung und klare Verantwortlichkeiten sind wirtschaftlich sinnvoller als immer höhere Ausgaben für die Reparatur bereits eingetretener Schäden.“
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