13.10.2014 | Serie Kanzleipositionierung

Turnaround-Management in der Anwaltskanzlei - wenn es eng wird

Serienelemente
Welche Mandate rechnen sich, welche Kosten müssen sinken - schwarze Zahlen schreiben in der Anwaltskanzlei
Bild: Haufe Online Redaktion

Viele kleine Kanzleieinheiten und Einzelanwälte kämpfen jährlich um ihr Überleben. Die Rechtsaufklärung über das Internet, aber auch Rechtsdienstleistungsangebote durch Banken, Versicherungen, Verbände und Vereine lassen den Druck im Rechtsmarktkessel steigen. Die Folge: Geschäftsmodelle, die gestern noch funktionierten, sind im Handumdrehen überholt.

Für viele Anwältinnen und Anwälte gerade in Ballungszentren bedeutet das: Entweder ihnen gelingt der Turnaround oder sie müssen schon bald ihre Anwaltszulassung mangels ausreichender Erlöse zurückgeben. Dass sich die wirtschaftliche Lage von außen markant verbessert, ist dagegen eher unwahrscheinlich.

Statische Anwaltsgebühren belasten viele Kanzleien

Zwar plädieren 73 Prozent der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte für eine regelmäßige Anpassung ihrer Gebühren durch Ankoppelung an einen geeigneten Kostenindex. Der Wunsch nach einer Dynamisierung des Rechtsanwaltsvergütungsgesetzes, die zu häufigeren, dafür aber geringeren Erhöhungen der Anwaltsgebühren führen würde, ist ein Ergebnis einer Befragung der Anwaltschaft zu berufsrechtlichen Reformfragen. Die Studie hat das Soldan Institut erstellt.

Stundenhonorare sind stark von der Mandantenstruktur abhängig

Statt auf eine gesetzliche Dynamisierung zu bauen, sollten Anwälte an ihrem Businessplan arbeiten, neue Mandantenstrukturen aufbauen, die höhere Honorare zahlen. Immerhin:

Anwälte, die kleinere Unternehmen aus dem lokalen Mittelstand beraten, rufen bis zu 250 Euro Stundenhonorar auf.

Oft weit unter 100 Euro Stundenhonorar setzen dagegen Anwälte um, deren Mandanten vor allem Privatkunden und kleine Einzelhändler sind.

Großkanzleien haben mehr als doppelt so hohe Stundensätze wie Einzelkanzleien 

  • Nach Erhebungen des Instituts für Anwaltmanagement liegt der Stundensatz einer Einzelkanzlei zwischen 115 Euro und 166 Euro.
  • Sozietäten mit mehr als 100 Anwälten rufen Stundensätze zwischen 290 Euro und 376 Euro auf. Der durchschnittliche Stundensatz aller deutschen Anwälte liegt bei rund 180 Euro.

Wie dramatisch ist die Insolvenzproblematik bei den Rechtsanwälten tatsächlich?

Kaschierte Kanzleipleiten?

Klar ist: Die lahmende Konjunktur mit deflationären Tendenzen geht auch an der Anwaltschaft nicht spurlos vorüber. Stark zugenommen hat vor allem die Zahl der Fälle, in denen Anwälte ihre Zulassung zurückziehen, bevor die zuständige Anwaltskammer die Zulassung nach § 14 Absatz 2 Nr. 7 BRAO wegen Vermögensverfalls widerruft. Deshalb dürfte die Dunkelziffer insolventer Kanzleien wesentlich höher liegen als die offiziellen Zahlen über bekannt gewordene Kanzleipleiten zunächst vermuten lassen.

Das Prinzip Hoffnung reicht nicht

Dennoch: Deswegen ein Horrorszenario aufzubauen, wäre falsch. Schließlich geht es anderen Berufen wie Ärzten oder Apothekern derzeit auch nicht gerade rosig. Nur: Finanzielle Schwierigkeiten werden von der Öffentlichkeit bei Anwälten anders wahrgenommen. Schließlich kann man nicht wirklich unabhängig beraten, wenn man selbst mit dem Rücken an der Wand steht. Außerdem unterliegen Anwälte speziellen Vermögensbetreuungspflichten.

Gehen die Umsätze um 20 bis 30 Prozent zurück – und das ist bei vielen alt eingesessenen Kanzleien der Fall -, steigt automatisch die Kostenquote, wenn keine drastischen Einsparmaßnahmen getroffen werden. Da das zumeist unterbleibt, leben derzeit viele angeschlagenen Kanzleien allein von dem Prinzip Hoffnung und warten von Quartal zu Quartal auf den ersehnten Aufwärtstrend. Doch das ist ein Spiel mit dem Feuer. Denn die Abwärtsspirale dreht sich unaufhaltsam. Und zugleich steigt die Angst, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ruchbar werden und dann niemand mehr kommt. 

Unabhängige Beratungsstellen für existentiell bedrohte Anwälte

Es soll sogar Anwälte geben, die öffnen schon keine Post mehr aus Angst, dass da etwas Negatives drin stehen könnte. In einzelnen Anwaltvereinen wie dem Stuttgarter Anwaltverein wurden deshalb speziell für "klamme" Anwälte anonyme und vertrauliche Beratungsstellen eingerichtet. 

Bei den Beratern handelt es sich um Stuttgarter Rechtsanwälte, die ihren Tätigkeitsschwerpunkt im Insolvenzrecht haben. Die Berater sind im Rahmen der Beratungsstelle ehrenamtlich tätig.

Ziel der Beratung ist es, den betrof­fenen Rechtsanwälten eine erste Anlaufstelle anzubieten, um sich unverbindlich über die Möglichkeiten und Voraussetzungen einer geord­neten Fortführung ihrer Kanzlei trotz schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse zu informieren.

Verschiedene Anwaltvereine bieten Hilfe an

Auch andere Anwaltvereine bieten Hilfe an, wie zum Beispiel der Berliner Anwaltsverein. Und die Anwaltskammern? Die Kammervorstände können naturgemäß nicht beraten, weil sie bei Kenntnis einer Insolvenz ernsthaft die Einleitung der Zulassungsentziehung veranlassen müssen. Vor einem unüberlegten Gang zur Rechtsanwaltskammer sollten sich betroffene Anwälte hüten. 

Kosten runter fahren

Nach den Beratungen dürfte allerdings eines feststehen: Die Kosten müssen runter gefahren werden. Doch welche Kostenquote ist gesund, welche gefährlich? Und in welchen Feldern lassen sich Kosten ganz kurzfristig und nachhaltig reduzieren? Die ideale Kostenquote für Freiberufler ist 50 %. Mehr sollte es nicht sein. Sie liegt aber derzeit in vielen Kanzleien eher zwischen 50 % und 70 %.

Viele Anwälte haben viel zu hohe Kosten

Insolvenzrechtsexperten warnen: Alle Anwälte, jedenfalls eine große Mehrheit, haben viel zu hohe Kosten. Doch es gibt auch eine gute Nachricht. Denn zu hohe Kosten lassen sich in vielen Fällen durchaus kurzfristig auflösen.

Das ist etwa der Fuhrpark, der bei Anwälten überproportional edel ist und meistens viel zu teuer. Da lässt sich schlagartig Erhebliches sparen. Aufwendungen für das Büro, insbesondere feste Kosten wie Miete sind auch meist sehr hoch. Da gilt es, mit dem Vermieter zu reden und nach preiswerteren Alternativen Ausschau zu halten. Die Personalkosten sind meist der höchste Kostenfaktor. Auch hier muss gegebenenfalls der Rotstift angesetzt werden.

Auch bei Neuanstellungen gilt es langfristig, etwa durch vermehrten Einsatz von Praktikanten, Referendaren oder geförderten Mitarbeitern auch den Kostenfaktor im Auge behalten.

Bei der Gewinnung von Mandanten schließlich, macht es Sinn, lukrative Mandate in den Fokus des Kanzleimarketing und der Akquisebemühungen zu stellen, um hier nach und nach eine Wende zu mittleren und großen Mandanten einzupflegen.

Schlagworte zum Thema:  Kanzleimanagement, Kanzleiorganisation

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