Kanzleien wollen in Legal-Tech-Software und KI investieren, haben aber auch Datenschutzbedenken
Online-Umfrage in 6 Ländern
Der Benchmark-Bericht Innovation und Wachstum in kleineren Kanzleien bietet eine detaillierte datenbasierte Analyse des aktuellen Stands von Anwaltskanzleien in Deutschland, Belgien, Italien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden in Hinblick auf Profitabilität und Abrechnungsmodelle sowie die Einführung von Legal-Tech-Software und KI-Systemen. Die Datenbasis wurde in einer Online-Umfrage unter Einzelanwälten, Partnern, angestellten Anwälten und Mitarbeitern aus Verwaltung und IT im Zeitraum Juli bis September 2025 erhoben. Den weitaus größten Anteil machten dabei die Anwälte aus: Gut die Hälfte aller Befragten sind Einzelanwälte, etwas mehr als 44 % Anwälte in kleinen Kanzleien mit 2 bis 10 Anwälten. Insgesamt nahmen 633 Personen an der Umfrage teil, 99 davon waren in Deutschland ansässig.
Rentabilität steigt, Abrechnungsmodelle werden dynamischer
Bei der Rentabilität zeigen die Ergebnisse der Umfrage einen positiven Trend: Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten gelingt es vielen Kanzleien, ihre Profitabilität zu steigern.
Knapp die Hälfte der Kanzleien meldet eine höhere Rentabilität (46,9 %), 20,8 % einen Rückgang und 32,3 % keine Veränderung. Besonders deutlich fällt die Entwicklung bei größeren Kanzleien aus: 75 % berichten von einer Verbesserung, bei gleichbleibend stabilen Ergebnissen ohne Verluste. Selbständige zeigen mehrheitlich positive Tendenzen (56 %), während kleinere Kanzleien mit 2 bis 10 Anwälten mit 33,3 % Zunahmen und 31 % Abnahmen die größte Spannbreite aufweisen.
Dabei gewinnt die Flexibilisierung der Preismodelle zunehmend an Bedeutung: Die Mehrheit der Kanzleien (60,6 %) verwendet einen hybriden Ansatz, der Festpreis und Retainer-Modelle kombiniert. Nur 7,1 % setzen ausschließlich auf Festpreise. 31,3 % der Befragten gaben an, andere Preisstrategien zu verwenden. Über 80 % der Kanzleien haben ihre Preis- und Abrechnungsmodelle in den letzten 12 Monaten angepasst. Leichte Änderungen dominieren mit 60,6 %, während 22,2 % signifikante Anpassungen vorgenommen haben, nur 17,2 % meldeten keine Veränderung. Dies zeigt einen vielfältigen und flexiblen Ansatz bei der Abrechnung und eine wachsende Dynamik bei den Preis- und Abrechnungsmodellen.
Investitionen und Wachstumsstrategien
Bei der aktuellen Ausgabenstruktur zeigt der Benchmark-Bericht ein klares Muster: Der Großteil der Budgets fließt in fixe Kosten wie Personal- und Bürokosten, während zukunftsorientierte Bereiche wie Technologie, Weiterbildung und Mandatsgewinnung bislang nur geringe Anteile erhalten. Diese Fixkostenorientierung sichert den laufenden Betrieb, limitiert jedoch die Innovationskraft. Gleichzeitig haben viele Kanzleien bereits erste Schritte zur Modernisierung unternommen. Wachstums- und Innovationsstrategien wie die Einführung von LegalTech, Prozessoptimierungen und alternative Vergütungsmodelle sind umgesetzt und tragen zur Effizienzsteigerung bei.
Im Hinblick auf zukünftige Ausgabenschwerpunkte gibt es eine klare Priorisierung: Ganz oben auf der Agenda stehen Investitionen in Technologie, insbesondere KI-gestützte Tools, Kanzleisoftware und Cybersicherheit. Auch gewinnen Weiterbildungsinitiativen und Mandatsakquise an Bedeutung. Allgemein werden steigende Kosten erwartet.
Trends in KI und Legal-Tech in Deutschland
Die Nutzungsrate von KI in Deutschland liegt bei 63,3 %, weitere 10,1 % der Befragten planen eine kurzfristige Einführung. Damit übertrifft Deutschland den europäischen Durchschnitt von 61 % und nimmt eine führende Position ein. Besonders auffällig ist der Einsatz generativer KI wie ChatGPT: 82,5 % der deutschen Kanzleien nutzen diese Technologie, im europäischen Vergleich sind es dagegen 73,3 %.
Beim Einsatz von KI-Tools sind generische KI‑Systeme für Ideenfindung, Entwürfe und Recherche bereits gut etabliert. Im Skalierungsmodus befinden sich prozessnahe Anwendungen wie Dokumentenmanagement (42,9 %) und Kanzleimanagementsoftware (33,3 %).
Gründe für die Nicht‑Nutzung von KI sind außer mangelnder Vertrautheit (58,3 %), Datenschutz/DSGVO (38,9 %), Kosten (38,9 %), Haftungsfragen (30,6 %), Integrationshürden (30,6 %) und fehlende Schulungen (30,6 %). Ethische Bedenken (16,7 %) und Voreingenommenheit (5,6 %) spielen nur eine kleinere Rolle.
Legal-Tech-Lösungen sind in deutschen Kanzleien nahezu flächendeckend etabliert. 90,9 % der Befragten in Deutschland setzen Legal-Tech-Tools für die juristische Recherche ein, während der europäische Durchschnitt hier bei 73,6 % liegt. Damit ist die digitale Recherche der Bereich mit der höchsten Akzeptanz und dem sichtbarsten Nutzen. Andere Technologien werden hingegen deutlich seltener genutzt. Dokumentenmanagement und Automatisierung (52,5 %) sowie Kanzleimanagementsoftware (51,5 %) liegen im Mittelfeld, während Lösungen für Vertragserstellung (29,3 %), Mandatsannahme (22,2 %) und automatisierte Zeiterfassung (20,2 %) nur von einer Minderheit eingesetzt werden. Spezialisierte Anwendungen wie IP-Management (5,1 %) oder Tools für Gerichtsverfahren (4 %) sind Nischenprodukte. Kanzleien investieren vor allem dort, wo der Nutzen unmittelbar erkennbar ist – bei der Recherche. Prozess- und Workflow-Tools erfordern dagegen tiefere organisatorische Anpassungen und werden daher langsamer eingeführt.
Weiterführende Informationen:
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