Straubs Seitenblick

Vom Wert der Arbeit – eine Replik

Mit "Vom Wert der Arbeit" ist die Festschrift überschrieben, die Personalmagazin-Herausgeber und Kolumnist Reiner Straub vergangene Woche zum Abschied überreicht wurde. 39 Autorinnen und Autoren haben Texte zum Thema verfasst, die Einblick erlauben, wo hochrangige HR-Experten Stellhebel für die Zukunft der Arbeitswelt sehen. Ein persönliche Replik.

Festschrift Reiner Straub ZPE

Als mir letzte Woche am Ende einer langjährigen Tätigkeit als "Herausgeber des Personalmagazins" eine Festschrift überreicht wurde, war ich überrascht – eine Ehrung, die meist Hochschullehrer, eher selten Journalisten, zuteilwird. 39 Autorinnen und Autoren haben sich in der Festschrift versammelt, die meine Kolleginnen und Kollegen Kristina Enderle da Silva, Matthias Haller und Christoph Pause als Herausgeber zusammengetragen haben. Mit dieser Replik möchte ich mich für eine Festschrift bedanken, die Einblick in die aktuelle Diskussionslage des Personalmanagements erlaubt. Es ist kein Text aus unabhängiger Perspektive, mit allen Beteiligten habe ich eine Geschichte. Ich bitte um Verzeihung, dass ich nicht auf alle Beiträge eingehen kann.

Es ist ein Textband, zu dem die Fotografin Katrin Binner vier Bilder beigesteuert hat. Diese sind nicht nur außergewöhnlich schön, sie haben eine eigene Botschaft zum Thema Wert der Arbeit. Katrin Binner fotografierte Hände bei der Arbeit: die Hände einer Reinigungskraft, eines Malers, eines Gemüsehändlers, eines Büromenschen. Vier Bilder, die sofort sichtbar machen, worüber in den großen Zukunftsdebatten selten gesprochen wird: Ein großer Teil der Arbeit in diesem Land wird nicht im Homeoffice, in agilen Teams oder vor dem KI-gestützten Dashboard erledigt. Arbeit ist vielfach Handarbeit von Menschen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten. Häufig sind die Menschen unsichtbar - die Köpfe in den Fotografien sind abgeschnitten.

Was in den Büroetagen nicht ankommt

Die jüngsten Wahlergebnisse haben schonungslos freigelegt, was viele in Politik und Wirtschaft offenbar nicht mehr spüren: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung – überwiegend auf dem Land, in den unteren und mittleren Einkommensklassen – hat das Gefühl, nicht mehr vorzukommen. Das betrifft die Initiativen der Politik ebenso wie die Strategiepapiere der Konzerne.

Die Tarifpartner haben in den vergangenen Jahren versucht gegenzusteuern und die unteren Lohngruppen überproportional angehoben. Es hat nicht gereicht. Die Abstände sind zu groß und fünf Prozent Lohnzuwachs reicht als Anerkennung nicht aus. Anerkennung ist eine Frage des Zugehörigkeitsgefühls, der Wertschätzung. Die Populisten verstehen das – und nutzen es aus.

Jeder will gesehen werden

Im Zentrum der 32 Beiträge stehen die großen aktuellen Debatten: Künstliche Intelligenz, Leistungskultur, das leise Auslaufen von New Work und Diversity als Programmatik. Carsten Schermuly, einer der Vordenker von New Work, beschreibt in seinem Beitrag den Bogen sehr prägnant: Die Hochzeiten von New Work sind vorbei. Sein Schluss ist nüchtern und richtig: "Das Label ist egal. Es geht am Ende um die Arbeitsbedingungen, die über Empowerment kausal auf Leistung und psychische Gesundheit einwirken."

Ähnlich klar formuliert es der HR-Berater Kai Anderson, für den New Work immer beides war: Emanzipationsversprechen und Marktrealität. Seinen Befund halte ich für einen, der den Zeitgeist trifft: "Ich teile nicht den romantischen Glauben, alle wollen selbstbestimmt arbeiten. Treffender ist es, dass jeder Mensch gesehen werden will." Gesehen werden – das ist kein weiches Konzept, sondern ein hoher Anspruch, den Menschen an ihre Arbeitgeber stellen. Leider wird er allzu häufig nicht eingelöst.

Markt, Moral, Macht – und die Grenzen der HR-Romantik

Martin Classen bringt das strukturelle Spannungsfeld auf den Punkt: Die Verantwortlichen navigieren zwischen Markt, Moral und Macht. "Fair Pay" sei moralisch geboten – aber der Markt drängt auf Kostendisziplin, und Macht entscheidet, wessen Interessen sich durchsetzen. Wer dieses Trilemma ignoriere, betreibe HR-Romantik. Für ihn ist das kein Zynismus, sondern Realismus, der Handlungsfähigkeit erst möglich macht.

Die Leistungsdebatte, die sich durch viele Beiträge zieht, fügt eine weitere Dimension hinzu. Die Arbeitssoziologin Judith Muster formuliert es so: Leistung sei die Erfüllung von Rollenerwartungen. Wer sie fördern wolle, müsse sich weniger um den einzelnen Menschen kümmern als um Strukturen und Bedingungen. Der frühere VW-Personalvorstand Gunnar Kilian teilt diese Sichtweise: "Es ist viel effizienter auf Strukturen zu schauen als auf den Einzelnen. Eine wirksame HR muss an die Hebel der Organisationsentwicklung." Und Roland Hehn ergänzt, dass der Betrieb den Menschen nicht in seiner Ganzheit vereinnahmen dürfe – die Unterscheidung zwischen unserem Tun und unserem Sein sei keine philosophische Übung, sondern Fundament guter Personalarbeit. Das sind erstaunliche Allianzen. Im Grunde widerspricht dem auch HR-Berater Matthias Meifert nicht, der aber eine vermittelnde Perspektive sucht, die den Menschen nicht als "Rädchen in einem großen Getriebe", sondern als handelndes Subjekt sieht.

KI und die Frage, was Menschen unterscheidet

Einen breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz ein. Was auffällt: Die HR-Verantwortlichen unter den Autorinnen und Autoren blicken überraschend weitsichtig auf das Thema – jenseits von Technikeuphorie oder Technikangst. Judith Wiese, CHRO von Siemens, zeigt Handlungsfelder auf und fordert, gemeinsam Wege aufzuzeigen, wie KI die Fähigkeiten und die Würde des Menschen stärken kann. Julia Bangerth, CHRO der Datev, stellt die entscheidende Frage: Wofür bezahlen Unternehmen ihre Mitarbeitenden künftig noch? Sie benennt die Unsicherheit und den Druck, der zu beobachten sei, bleibt aber zuversichtlich: "Je leistungsfähiger Technologie wird, desto entscheidender wird die Frage, welchen Unterschied Menschen machen."

Winfried Felser wählt dafür – wie so oft - einen ungewöhnlichen Ton: "Arbeit hat ihren tiefsten Wert nicht in der Abwesenheit von Mühsal, sondern in der Ausrichtung auf eine neue Sinnstiftung. In der hybriden Ökonomie wird der Mensch nicht obsolet – er wird zum Ebenbild Gottes: als Co-Architekt, nicht als Knecht." Die theologische Metapher ist auch dem zu Ehrenden gewidmet. Man muss diese nicht teilen, um den richtigen Gedanken zu verstehen.

Was bleibt

Wer alle 32 Beiträge liest, stößt auf einen überraschend konsistenten Grundton: Arbeit ist mehr als Wertschöpfung. Sie ist Identität, sozialer Raum, Sinnquelle. Sirka Laudon, frühere Personalvorständin der Axa, bringt es auf eine Formel, die Ihre Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse erkennen lässt: "Organisationen sind nicht nur Orte der Wertschöpfung. Sie sind Orte der Selbstschöpfung. Wer Arbeit gestaltet, gestaltet immer auch Identität." Thomas Ogilvie, CHRO von DHL, erinnert daran, dass Arbeit auch Erziehung, Hausarbeit oder Ehrenamt meint – also all das, was in keiner Wirtschaftsstatistik auftaucht.

Was mich am Ende zuversichtlich macht, ist der Zukunftsoptimismus, der sich durch den Band zieht. Gerade die Verantwortungsträger brauchen diese Zuversicht, um die richtigen Entscheidungen für die Gestaltung der Arbeit zu treffen. Mein Dank gilt den Herausgeberinnen Kristina Enderle da Silva, Matthias Haller und Christoph Pause sowie allen Autorinnen und Autoren für ihre intellektuelle Großzügigkeit. 

Hier können Sie die gesamte Festschrift "Vom Wert der Arbeit" – HR zwischen Humanismus und inklusiver Leistungskultur herunterladen.
 

 

Über den Autor:  Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.

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