Straubs Seitenblick

Der Lockruf von Köln – und was wir nicht vergessen sollten

Die Zukunft Personal Europe 2026 öffnet nächsten Dienstag ihre Tore – die Ausstellerzahlen liegen auf Vorjahr, die Anmeldezahlen der Besucher 15 Prozent über denen von 2025. Alles deutet auf ein neues Rekordjahr hin. Doch so sehr die Messe das Beste der Branche versammelt, so schonungslos legt sie auch ihre blinden Flecken offen. Ein Einstimmungsbericht für den Messebesuch.

ZP Europe 2023

Meine Vorfreude auf die Zukunft Personal Europe (ZPE) ist – wie jedes Jahr – groß. Seit Tagen lese ich in den sozialen Medien, wer sein Kommen ankündigt, was meine Vorfreude nochmals steigert. In Köln erwartet uns ein großer Marktplatz: trubelig, lebendig, ein Potpourri an Vorträgen, vertrauten Gesichtern und neuen Begegnungen. Wir dürfen uns auf eine gute Stimmung freuen, obwohl die Wirtschaftslage wenig Anlass zur Euphorie bietet. Das hat die Stimmung in Köln selten getrübt und hat seinen eigenen Charme.

Was die ZPE diesmal zu bieten hat, ist beachtlich. Die Hallen sind prall gefüllt – im vergangenen Jahr zählte man 669 Aussteller und Partner, vom HR-Softwareanbieter über den Mobilitätsdienstleister bis zum Weiterbildungscoach, von Verbänden bis zu den großen Beratungshäusern. Und wer in früheren Jahren beobachtet hat, dass sich manche Schwergewichte der Branche den Weg nach Köln gerne sparten, wird überrascht sein: Von den 25 umsatzstärksten HR-Softwareunternehmen, die unser gerade veröffentlichtes Ranking ausweist, sind in diesem Jahr 80 Prozent vertreten. Für Besucherinnen und Besucher, die sich über Trends in der Software- und Dienstleistungslandschaft informieren und Leute treffen wollen, ist Köln schlicht ein Place to be. Ausführliche Infos zu den Highlights finden Sie in unserem Vorbericht zur Messe.

KI überall – aber wo ist die Business-Substanz?

Das Messemotto lautet "Team Human x AI" und setzt den richtigen Schwerpunkt. Die Herausforderung unsere Tage ist es, das richtige Zusammenspiel von Mensch und Technologie zu finden, um die Produktivität der Betriebe zu steigern. Doch im Vortragsprogramm begegnet einem der Begriff KI mit einer Häufigkeit, die die Orientierung erschwert und beunruhigend ist. Das ist seit drei Jahren so. Mit dem Zauberwort KI lassen sich derzeit Software ebenso gut verkaufen wie Beratungsleistungen. Und inzwischen müsste auch der naivste Messebesucher wissen: Nicht überall, wo KI draufsteht, ist auch KI drin. Es wird zu viel Schindluder mit Versprechungen getrieben, die mit der Unwissenheit der Leute spielen und mit der Realität wenig zu tun haben. Als Messebesucher sollte man hier kritisch nachfragen.

Aber das ist nicht der Punkt, der mich beim Blick ins Programm stutzig macht. Es ist der Zuschnitt, mit dem viele Vorträge das Thema angehen. "Mensch bleiben im Zeitalter der KI" – das ist HR-Sprache, keine Business-Sprache. Man verteilt damit Beruhigungspillen, kein Aufputschmittel. Dabei wäre gerade jetzt eine aufrüttelnde, unternehmerische Debatte dringend geboten. Florian Kunze präsentierte diese Woche erste Ergebnisse seiner Konstanzer KI-Studie 2026 – und die Befunde sind ernüchternd: Gerade einmal 38 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nutzen KI bei ihrer Arbeit. Im Vorjahr waren es 35 Prozent. Einen zentralen Beitrag zur Wertschöpfung sehen nur 23 Prozent in ihren Unternehmen. Wo bleibt der viel beschworene Produktivitätsschub? Die Mehrzahl der Betriebe kommt beim KI-Einsatz und der Qualifizierung nicht in der Geschwindigkeit voran, die notwendig wäre.

Genau darüber sollte auf der Messe gesprochen werden: Wie lässt sich mit KI die Wettbewerbsfähigkeit steigern? Wie werden Produktivitätsfortschritte erzielt, nicht nur in HR, sondern im Kerngeschäft? Im Vortragsprogramm ist dazu wenig zu finden. Die Verantwortung dafür liegt weniger beim Veranstalter als bei den Ausstellern selbst – sie kaufen den Großteil des Programms ein und entscheiden damit, worüber gesprochen wird. Wer Businessbrille fordert, muss sie selbst mitbringen.

Politische und rechtliche Themen

Die politischen Themen spielen auf der ZPE in diesem Jahr kaum eine Rolle - obwohl große Themen auf der Agenda stehen, die im Herbst in den Bundestag kommen: Reformen bei Gesundheit, Pflege, Rente, Arbeitsrecht und Bürokratieabbau. Immerhin gibt es einzelne Vorträge zu den Entwicklungen im Arbeitsrecht oder der Entgelttransparenz, die die politisch-rechtliche Dimension in den Blick nehmen. Für "Europas größte Messe für HR-Fachleute", wie sie sich selbst nennt, sind die zuständigen Bundesministerinnen kaum zu gewinnen. Davon kann der Autor aus eigener Erfahrung berichten. Das ist keine Kritik an den Organisatoren allein – es ist ein Signal, wie die Politik auf die Bedeutung der HR-Community blickt. 

Was bleibt? Eine Messe, die man lieben muss

Die ZPE ist und bleibt eine Arbeitsmesse – und genau dafür schätze ich sie. Sie bringt zusammen, was zusammengehört: Anbieter, Praktiker und einige Vordenker, die inhaltliche Akzente setzen. Zum Repertoire der Messe gehören auch die einschlägigen Preisverleihungen: Der "HR Innovation Award" – die mit Abstand wichtigste Auszeichnung auf der Messe. Die Besuchermassen zieht der Wettbewerb nicht an, er markiert aber den Innovationsanspruch der Messe. Hinzu kommen Deutschlands beste Jobbörsen und die Kür "Employer Brand Manager of the Year". Auch der Think Tank, den die ZPE vor einigen Jahren ins Leben rief, liefert neue Thesen zur Zukunft von HR, die ein kleines, feines Publikum ansprechen.

Köln ruft, es sind nur noch wenige Tage. Viele verbinden mit der ZPE neue Impulse, wichtige Geschäftskontakte und inspirierende Begegnungen. Diese Chancen gibt es auch in diesem Jahr. Nur sollte man sich von der guten Stimmung nicht einlullen lassen. Die entscheidende Frage – wie HR einen messbaren Beitrag zur Zukunftsgestaltung leistet – stellt sich nicht von selbst. Man muss sie mitbringen.
 

 

Über den Autor:  Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.

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