Straubs Seitenblick

Warum mir die Reisemetapher aufstößt

"Ich freue mich, meine nächste Station bekanntzugeben" oder "Viel Erfolg auf deiner weiteren Reise." Häufig ist das warmherzig gemeint, der inflationäre Gebrauch macht sie auch beliebig. Woher die Metapher kommt und warum ihm dabei manchmal die Nackenhaare zu Berge stehen, erläutert Kolumnist Reiner Straub.

Frau geht zum Schiff

Es ist noch nicht lange her, als nicht die Reisemetapher die Berufswege beschrieb. Bis vor zwanzig Jahren dominierte der Begriff Karriere, in vielen Medien gab es "Karrierebeilagen", die vom beruflichen Fortkommen handelten. Der Begriff Karriere stammt aus dem Französischen "carrière", das seinerseits auf das lateinische "via carraria" zurückgeht. Damit wurde die Fahrstraße, der Weg für den Karren bezeichnet. Karriere hieß früher einfach Weg, wurde dann aber mit dem Weg nach oben gleichgesetzt. Karriere war vor allem für Aufstiegsorientierte ein positiver besetzter Begriff, die Unternehmen schufen für diese Karrierewege, um sich deren Ehrgeiz zunutze zu machen. Das war immer ein kleiner Teil der Menschen, für die meisten war "Karrierist" ein Schimpfwort, das für Eindimensionalität und Rücksichtslosigkeit stand.

Soziale Medien als Beschleuniger

Nach der Jahrtausendwende wurde der Karrierebegriff durch die Reisemetapher zurückgedrängt. Das hängt eng mit dem Karrierenetzwerk Linkedin zusammen. In den westlichen Industriegesellschaften funktionierte das Aufstiegsversprechen längst nicht mehr, es wurden kaum noch neue Aufstiegspositionen geschaffen. Horizontale Berufsverläufe gewannen an Bedeutung. Der Sinn der Arbeit stand plötzlich im Mittelpunkt vieler Debatten. Auf Linkedin wurde "my journey" zu einer Erzählformel, die sich in der westlichen Welt durchsetzte.

Exkurs in die Geschichte

Die Wirkungsmächtigkeit der Reisemetapher erklärt sich damit, dass diese tief in unserem Denken verankert ist. Die Vorstellung, dass das menschliche Leben eine Reise ist, gehört zu den ältesten Narrativen der westlichen Kultur. Im Alten Testament wird das Volk Israel als ein Wandervolk dargestellt: die Vertreibung aus dem Paradies, Mose führt das Volk vierzig Jahre durch die Wüste, später das babylonische Exil und die Rückkehr. Auch das Neue Testament sieht die Menschen als Durchreisende auf dem Weg ins Himmelreich.

Im Mittelalter wurde die Pilgerreise zur zentralen Lebensmetapher – nicht nur spirituell, sondern sozial. John Bunyan zeichnet in "The Pilgrim's Progress" (1678) das Leben als Wanderung durch Prüfungen, Abwegen und Bewährungen. Im 18. und 19. Jahrhundert verknüpfte der deutsche Bildungsroman diese Stränge mit dem Berufsleben. In Goethes "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre" gehören Wandern und Lernen eng zusammen. Unter den Adeligen und Wohlhabenden der Zeit wurde die Bildungsreise durch Europa zur Vorbereitung einer beruflichen Karriere.

Die Industrialisierung modernisierte die Metapher. Die Eisenbahn brachte die "Station" als neues Ordnungsprinzip von Bewegung und Pause. Es entstand die moderne Vorstellung einer Laufbahn und die Idee der Karriereleiter vom Lehrling über den Gesellen und Meister bis zum Direktor. Die Organisationen bauten den Weg der Reise, sie hatte jetzt eine klare Richtung: nach oben. Die Karriere wurde zum Narrativ für das Berufsleben.

Erfolg der Reisemetapher

Die Reisemetapher ist nicht nur tief im Erfahrungsschatz der Menschen verankert, sie hat heute in den sozialen Medien auch handfeste praktische Vorteile. "Viel Erfolg auf deiner nächsten Station" ist eine perfekte Höflichkeitsformel: neutral genug, um niemanden zu verletzen, unverbindlich genug, um in jede Situation zu passen. Sie schafft gemeinsame Sprache über Hierarchien, Branchen und Kulturen hinweg.

Die Metapher ist inzwischen so omnipräsent, dass sie manchmal ihren Bezug zur Reise verliert. Linguisten nennen so etwas eine "tote Metapher" – eine bildhafte Wendung, die so weit verbreitet ist, dass ihr ursprünglicher Bildcharakter unsichtbar geworden ist. Aber tot ist diese Metapher keineswegs, sie ist lebendig und formt, wie wir über Arbeit, Erfolg und Scheitern denken.

Zunehmende Irritationen

In den letzten Jahren kamen bei mir zunehmend Störgefühle, wenn jemand von der "Fortsetzung seiner Reise" sprach und gleichzeitig verschwieg, dass er oder sie den Job unfreiwillig verloren hatte. Das löste ein Nachdenken über die Metapher aus, die bei manchen Menschen für Irritationen sorgt.

Erstens: Die Metapher macht Bewegung zur Pflicht

Wer reist, bewegt sich. Wenn man die Logik zu Ende denkt, wirkt ein häufiger Wechsel interessanter als die Treue zum Job oder dem Arbeitgeber. Wer nicht wechselt, ist kein Reisender. Die Metapher belohnt Leute, die häufig den Job wechseln.

Dabei gilt: Ankommen ist in der Reiselogik kein Ziel, sondern das Ende der Geschichte. Wer bewusst bleibt, lateral wechselt oder zufrieden innehält, hat in dieser Erzählung keine gute Rolle. Was die Metapher dabei unsichtbar macht: Tiefe entsteht durch Bleiben, nicht durch Reisen. Expertise, Vertrauen und gewachsene Beziehungen brauchen Zeit – und die Reisemetapher belohnt sie nicht.

Zweitens: Scheitern darf nur vorkommen, wenn es sich gelohnt hat

Die Reise hat eine Dramaturgie, die auf das Fortkommen zielt. Rückschläge sind erlaubt, aber nur als eine Phase, aus der man gestärkt hervorgeht. Für eine große Zahl an Menschen passt das nicht: für Menschen, die entlassen werden oder krank werden und deren Reiseroute damit abbricht. Oder für Menschen, die in Jobs scheitern und sich immer wieder neu aufrichten müssen, ohne dass sich daraus eine sinnvolle Reisestory erzählen lässt. Die Reisemetapher zwingt zur Erlösungserzählung – auch dort, wo es keine gibt.

Drittens: Die Metapher flüstert uns ein, wir seien die Kapitäne unserer Karriere

Berufswege werden zu einem erheblichen Teil von Dingen geprägt, über die wir nicht verfügen: die Familie, in die wir hineingeboren wurden; die Prosperität der Firma oder der Branche, in der wir tätig sind; oder der Zeitpunkt, zu dem wir auf den Arbeitsmarkt kommen. Die Reiseerzählungen blenden all das aus und vermitteln den Menschen, dass die Stationen selbstbestimmt und mit eigenen Kräften angesteuert werden. Dieser Selbstbetrug wäre noch zu verschmerzen. Das Problem ist der Eindruck, der damit nach außen vermittelt wird: Wer scheitert, hat sich verfahren – nicht das System hat versagt, sondern der Reisende hat die falsche Abzweigung genommen.

Viertens: Die Reisemetapher hat eine kulturelle Engführung

Die Reisemetapher wird vor allem von Menschen verwendet, die akademisch gebildet, urban, mobil und individualistisch unterwegs sind. Sie inszenieren ihre Biografie als persönliches Projekt. Für Lehrende an der Schule, für Kranken- oder Altenpfleger oder Facharbeiter, die lokal verwurzelt sind, passt das nicht. Für viele Menschen ist die Karriere kein Soloprojekt, sondern sie ist abhängig von Eltern, Familienplanung, Migrationsgeschichte oder Gemeinschaft. Da klingt die Reisemetapher fremd, manchmal sogar wie eine stille Abwertung. Dazu kommt die kulturelle Engführung, die den Individualismus huldigt. 

Alternative Erzählungen

Ich plädiere nicht dafür, die Metapher nicht mehr zu verwenden. Ich will aber darauf aufmerksam machen, welche negative Wirkung sie bei vielen Menschen hinterlassen kann. Ich persönlich spreche lieber neutral vom Berufsweg, vom nächsten Schritt oder auch von der Chance, die einem gegeben wird. Diese Formulierungen sind bescheidener, offener und ehrlicher gegenüber der Tatsache, dass die meisten Karriereentscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden – und dass hinter jedem beruflichen Erfolg nicht nur eigene Leistung steckt, sondern auch Startchancen, Zufälle und Gelegenheiten.

Für ein gutes Leben braucht man keine Reise.

 

Über den Autor:  Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.
 

Schlagworte zum Thema:  New Work , Personalarbeit
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