KI am Arbeitsplatz: Kein großer Umbruch, aber wachsende Ungleichheit
Kaum ein Thema prägt die Diskussion über die Zukunft der Arbeit so stark wie Künstliche Intelligenz. Die Erwartungen sind hoch, und auch in der öffentlichen Debatte wird das Thema intensiv diskutiert. Doch wie sieht die Realität im Arbeitsalltag aus? Für die dritte Welle der Konstanzer KI-Studie haben wir im Mai 2026 insgesamt über 1.100 repräsentative Erwerbstätige in Deutschland befragt; ein Teil davon wiederholt aus den Vorjahren, ergänzt um neue Teilnehmende. Das Ergebnis zeichnet ein differenziertes Bild: KI kommt in der Arbeitswelt an, aber langsamer, informeller und ungleicher, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt. Beschäftigte treiben die Nutzung häufig selbst voran, während betriebliche Regeln, Weiterbildung und Führung damit noch nicht Schritt halten. KI verändert die Arbeitswelt also real – allerdings als schrittweiser, ungleich verteilter Prozess und nicht als abrupter Umbruch. Für Führungskräfte und Organisationen ergibt sich daraus die Aufgabe, den informellen, oft ungesteuerten Einsatz von KI in geordnete und sichere Bahnen zu lenken und allen Beschäftigtengruppen den Zugang zu ermöglichen.
Die KI-Nutzung wächst nur langsam und häufig informell
Trotz der rasanten technologischen Entwicklung fällt der Anstieg im Arbeitsalltag moderat aus. Aktuell nutzen 38 Prozent der Beschäftigten KI-Tools bei der Arbeit, nach 35 Prozent im Vorjahr (siehe Abbildung 1). Von einer flächendeckenden Verankerung kann also keine Rede sein. Bemerkenswerter als die Wachstumsrate ist die Art der Verbreitung: KI wird vielfach nicht durch die Organisation eingeführt, sondern von den Beschäftigten selbst in die Unternehmen getragen. Nur 55 Prozent der KI-Nutzenden geben an, dass ihr am häufigsten verwendetes Tool offiziell vom Arbeitgeber eingeführt wurde. Viele sammeln also auf eigene Initiative Erfahrungen, während verbindliche Regeln, sichere Infrastrukturen und Weiterbildungsangebote oft noch fehlen. Diese Eigeninitiative ist zunächst wertvoll, birgt jedoch auch Risiken, etwa hinsichtlich des Datenschutzes und des fehlenden systematischen Kompetenzaufbaus innerhalb von Organisationen.
Risiken und Chancen von KI bleiben vor allem ein gesellschaftliches Thema
Auffällig ist die Differenz zwischen gesellschaftlicher und persönlicher Risikowahrnehmung. Vier von zehn Beschäftigten erwarten, dass KI und Automatisierung dem Arbeitsmarkt in den kommenden zehn Jahren insgesamt schaden. Einen Verlust des eigenen Arbeitsplatzes befürchten dagegen nur 17 Prozent. Auch die Unsicherheit über die Folgen von KI für die eigene Arbeit nimmt langsam ab, betrifft mit 27 Prozent aber weiterhin mehr als jede oder jeden Vierten.
Ebenso bleiben konkrete Veränderungen bislang kaum sichtbar. Nur zwölf Prozent nehmen einen KI-bedingten Rückgang bei Einstiegspositionen wahr, obwohl dies aktuell öffentlich stark diskutiert wird. Lediglich 23 Prozent sehen bereits einen spürbaren Beitrag der KI zur Wertschöpfung ihres Unternehmens. Sowohl die Risiken als auch die Chancen der Technologie werden derzeit stärker auf gesamtgesellschaftlicher Ebene wahrgenommen als in der eigenen beruflichen oder organisationalen Realität.
KI-Nutzungslücke zwischen Beschäftigtengruppen bleibt
Am deutlichsten zeigt sich die ungleiche Entwicklung zwischen den Tätigkeitsfeldern. In der Büro- und Wissensarbeit nutzt inzwischen fast die Hälfte der Beschäftigten KI (49 Prozent), in produktionsnahen und körperlichen Tätigkeiten hingegen nur jeder oder jede Vierte (siehe Abbildung 2). Zwar steigt die Nutzung in beiden Gruppen, eine Annäherung findet jedoch nicht statt. Noch ausgeprägter ist die Nutzungslücke nach Bildungsniveau: 56 Prozent der Beschäftigten mit hohem Bildungsabschluss nutzen KI, gegenüber 21 Prozent mit niedrigem Bildungsabschluss. Beschäftigte mit höherem Bildungsniveau verbinden zudem häufiger positive Erwartungen an KI und sprechen offener über deren Nutzung. In der Wissensarbeit kommunizieren 51 Prozent offen darüber, in produktionsnahen Tätigkeiten hingegen nur 28 Prozent. Damit geht die Gefahr einher, dass KI bestehende Ungleichheiten am Arbeitsmarkt verstärkt, statt sie abzubauen.
Organisationale Unterstützung hängt stark von der Unternehmensgröße ab
Ob Beschäftigte Orientierung erhalten, hängt oft von der Betriebsgröße ab. In kleinen Organisationen berichten nur elf Prozent von KI-Trainings und zehn Prozent von verbindlichen Nutzungsregeln. In großen Unternehmen und Konzernen liegen diese Werte zwei- bis dreimal so hoch. Gerade kleine und mittlere Unternehmen laufen damit Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Ein Befund sticht für Führungskräfte besonders hervor: Selbst dort, wo Trainings, Regeln und interne KI-Tools bereits existieren, wird KI von der direkten Führungskraft bislang nur selten aktiv thematisiert. Je nach Organisationsgröße nehmen nur 16 bis 25 Prozent der Beschäftigten ihre Führungskraft als regelmäßige Ansprechperson für KI-Themen wahr. Hier liegt eine der größten ungenutzten Chancen.
KI-Transformation: Was Führungskräfte mitnehmen sollten
Die Ergebnisse machen deutlich, dass die KI-Transformation weniger eine technologische als vielmehr eine Aufgabe für Organisationen und Führungskräfte ist. Fünf Ansatzpunkte sind entscheidend.
- Eigeninitiative aufgreifen: Beschäftigte nutzen KI längst, und Führungskräfte und Organisationen sollten diese Energie kanalisieren. Klare Leitplanken (welche Tools erlaubt sind, welche Daten nicht eingegeben werden dürfen, wo menschliche Kontrolle nötig bleibt) schaffen Sicherheit und sind Voraussetzung für eine produktive Nutzung.
- KI zum Führungsthema machen: Dass Führungskräfte KI so selten aktiv ansprechen, ist ein Weckruf. Wer KI regelmäßig anspricht, Erfahrungen im Team teilt, eine offene Lernkultur fördert, vorhandenes Wissen sichtbar macht und Risiken früh erkennt, gestaltet den Wandel aktiv mit. Kompetenzen lassen sich heute weniger durch ein einmaliges Training aufbauen als durch kontinuierliches Lernen im Alltag.
- Zugang für alle Tätigkeitsfelder schaffen: Damit KI nicht zum Treiber neuer Ungleichheit wird, sollten Führungskräfte gezielt prüfen, wie auch Beschäftigte außerhalb der klassischen Wissensarbeit profitieren können – etwa in Arbeitsplanung, Qualitätssicherung, Dokumentation, Wartung oder Schichtorganisation. KI sollte dabei nicht nur als Rationalisierungs-, sondern auch als Unterstützungs- und Entwicklungsinstrument verstanden werden.
- Ungleichheit aktiv entgegenwirken: Die Nutzungslücke nach Tätigkeit und Bildung verschwindet nicht von allein. Führungskräfte sollten daher gezielt jene Beschäftigten mitnehmen, die bislang seltener mit KI in Berührung kommen – durch niedrigschwellige, arbeitsnahe Formate und den Austausch bewährter Anwendungsbeispiele im Team. So wird KI zur Chance für alle statt zum Privileg weniger.
- Wirkung systematisch beobachten: Da sowohl Chancen als auch Risiken im Alltag noch wenig sichtbar sind, sollten Unternehmen den KI-Einsatz begleiten und bewerten, anhand wirtschaftlicher Kennzahlen ebenso wie mit Blick auf Zufriedenheit und Zusammenarbeit. So lassen sich Erwartungen und tatsächliche Erfahrungen abgleichen.
Zur Studie: Die Konstanzer KI-Studie untersucht seit 2024 unter der Leitung von Prof. Dr. Florian Kunze (Universität Konstanz, Future of Work Lab) fortlaufend, wie sich der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der deutschen Arbeitswelt entwickelt. Die dritte Erhebungswelle (Mai 2026) basiert auf 1.105 befragten Erwerbstätigen. Gefördert wurde die Studie vom DFG-Exzellenzcluster „The Politics of Inequality"
Die Autorinnen und Autoren:
Prof. Dr. Florian Kunze ist Inhaber des Lehrstuhls für Organizational Behavior und Leiter des Future of Work Lab an der Universität Konstanz sowie Principal Investigator am Exzellenzcluster "The Politics of Inequality".
Carolina Opitz ist Doktorandin am Lehrstuhl für Organizational Behavior der Universität Konstanz und forscht am Future of Work Lab zu technologischen Veränderungsprozessen in der Arbeitswelt.
Elena Gerdiken ist Doktorandin am Lehrstuhl für Organizational Behavior der Universität Konstanz und forscht am Future of Work Lab zu digitalem Stress am Arbeitsplatz.
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