Soziales Engagement

Wie Unternehmen von lokalem Engagement profitieren

Wenn Unternehmen sich in lokalen Initiativen oder Gremien engagieren, kann das zur Bindung und zum Engagement der Mitarbeitenden beitragen – und zugleich ein neues Lernfeld für die Führungskräfteentwicklung eröffnen. Das zeigt eine aktuelle Studie.

Soziales Engagement_Freiwillige sortieren Spenden

Ob bezahlbarer Wohnraum, Bildungsangebote oder die Folgen des technologischen Wandels: Viele gesellschaftliche Herausforderungen werden unmittelbar auf lokaler Ebene sichtbar. Unternehmen könnten bei deren Bewältigung eine wichtige Rolle spielen und davon selbst in vielerlei Hinsicht profitieren. Zu diesem Ergebnis kommt die Boston Consulting Group (BCG) in einer aktuellen Analyse zum Thema "Local Civic Engagement".

Unter dem Begriff versteht BCG das aktive Engagement eines Unternehmens für das Wohlergehen der Orte, an denen seine Beschäftigten leben und arbeiten. Das Spektrum reicht von klassischen Spenden und freiwilligem Engagement der Mitarbeitenden bis hin zu langfristigen Kooperationen mit Kommunen, gemeinnützigen Organisationen und anderen Unternehmen. Grundlage der Analyse sind unter anderem Interviews mit mehr als 35 CEOs, Führungskräften sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Kommunen und philanthropischen Organisationen.

Fachkräftegewinnung und Mitarbeiterbindung durch lokales Engagement

Einen besonders großen Nutzen des lokalen Engagements sehen die Befragten im Gewinnen, Halten und Entwickeln von Talenten. Dies ist laut der Analyse in den Interviews eines der wiederkehrenden Themen gewesen. Viele Unternehmen richten dabei ihr lokales Engagement gezielt darauf aus, Nachwuchs- und Fachkräfte zu gewinnen. BCG nennt als Beispiel ein US-Technologieunternehmen, das gemeinsam mit gemeinnützigen und kommunalen Organisationen ein Modell entwickelt hat, das lokale Talente mit Unternehmen zusammenbringt und zugleich Zugänge zu Technologieberufen schafft. Dazu kombiniert das Programm technische Qualifizierung, berufliche Weiterentwicklung, Mentoring und betreute Praxiserfahrung in realen Technologieprojekten.

Auch bei bereits Beschäftigten könnte sich gesellschaftliches Engagement auszahlen. BCG verweist auf Daten des Social-Impact-Softwareanbieters Benevity. Demnach ist die Fluktuation bei Beschäftigten mit höchstens zweieinhalb Jahren Betriebszugehörigkeit, die an Corporate-Purpose-Programmen teilnehmen, um 52 Prozent niedriger als bei Beschäftigten, die nicht daran teilnehmen. Daraus lässt sich zwar nicht direkt schließen, dass die Teilnahme ursächlich für die geringere Fluktuation ist. Der Präsident eines großen US-Unternehmens argumentiert allerdings, dass das Engagement ihm dabei helfe, der Belegschaft ein Gefühl von Stolz und Zugehörigkeit zu vermitteln.

Zudem weist die Analyse darauf hin, dass Beschäftigte die Verbindung ihres Arbeitgebers zum eigenen Lebensumfeld unmittelbar erleben können. BCG beschreibt beispielsweise Unternehmen, die gemeinsam das Viertel rund um ihre Büros aufwerteten.

Lokales Engagement als Führungskräftetraining

Ein weniger offensichtlicher Vorteil des lokalen gesellschaftlichen Engagements betrifft die Personalentwicklung. Mehrere der für die Analyse befragten Personen berichten, dass Aufgaben außerhalb des eigenen Unternehmens eine Möglichkeit bieten, angehende Führungskräfte weiterzuentwickeln. Ein Unternehmenspräsident beschreibt in der Analyse die eigene Organisation als eine Art geschlossenes Umfeld, während die Mitarbeit in einem lokalen Gremium offenbare, ob eine Führungskraft auch in einem anderen Kontext Einfluss nehmen und Menschen einbinden könne. Dadurch würde sichtbar, wie eine Person in ungewohnten Kontexten führt. Zudem gebe die Tätigkeit Aufschluss über ihre emotionale Intelligenz.  

So wird gesellschaftliches Engagement zu einem möglichen Lernfeld jenseits klassischer Führungskräftetrainings. Die Analyse untersucht allerdings nicht systematisch, welche Führungskompetenzen durch solche Tätigkeiten entstehen oder ob sich diese anschließend besser auf den Unternehmensalltag übertragen lassen. Vielmehr gibt sie die Erfahrungen und Einschätzungen der interviewten Führungskräfte wieder.

Systematisches Vorgehen

Damit am Ende aber ein wirklicher Nutzen für alle Beteiligten entsteht, müssen Unternehmen laut der BCG-Analyse systematisch vorgehen. So sollte gesellschaftliches Engagement nicht allein Aufgabe der Unternehmensspitze sein, sondern verschiedene Ebenen im Unternehmen einbinden. Gleichzeitig empfiehlt BCG, sich auf spezifische Themen zu konzentrieren, zu denen das Unternehmen eigene Expertise beitragen kann, und sich dort langfristig zu engagieren – mit einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Ein Technologieunternehmen könnte beispielsweise eine gemeinnützige Organisation beim Aufbau von KI-Kompetenzen unterstützen. Auch Lieferanten, Partner und andere Teile des eigenen Netzwerks könnten einbezogen werden. Zudem sollten Unternehmen erfassen, welchen gesellschaftlichen und geschäftlichen Nutzen ihre Aktivitäten tatsächlich erzeugen.

Als Beispiel für gelungenes lokales Engagement erwähnt BCG das Engagement den Reifenherstellers Michelin. Das Unternehmen entwickelt gemeinsam mit mehr als 50 öffentlichen und privaten Partnern ein stillgelegtes Werksgelände im französischen Clermont-Ferrand zu einem Innovationsquartier. Dazu gehören unter anderem Weiterbildungszentren für zukünftige Berufsfelder, Coworking- und Veranstaltungsflächen sowie öffentliche Grünflächen. Davon profitieren beide Seiten: Die Stadt gewinnt unter anderem neue Bildungs-, Wirtschafts- und Freizeitangebote, Michelin wiederum einen attraktiveren Standort und Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften. 

 

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