Studie

Kaum Fortschritte bei sozialer Nachhaltigkeit in Deutschland


Wie sozial nachhaltig die deutsche Wirtschaftspolitik ist

Eine neue Studie hat untersucht, wie sozial nachhaltig die deutsche Wirtschaftspolitik in den vergangenen Jahren war. Die Studienautoren kommen zu einem insgesamt ernüchternden Fazit – Fortschritte seien aber immerhin bei der Armutsbekämpfung und beim Gender Pay Gap zu beobachten.

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat in einer Studie untersucht, wie nachhaltig Deutschlands Wirtschaftspolitik seit 2020 gewesen ist. Das Ergebnis: Insgesamt sei die Bilanz der vier Nachhaltigkeitsbereiche erneut wenig zufriedenstellend; bei der sozialen Nachhaltigkeit erfülle keiner der Indikatoren die definierten Zielwerte.

Soziale Nachhaltigkeit: vier Zielwerte, viermal verfehlt

Die Studie, das sogenannte "Neue Magische Viereck", analysiert die vier Bereiche materieller Wohlstand, nachhaltige Staatsfinanzen sowie soziale und ökologische Nachhaltigkeit. Die soziale Nachhaltigkeit wird dabei von vier Indikatoren abgebildet: der Armutsrisikoquote, der Einkommensungleichheit, dem Gender Pay Gap (GPG) sowie dem Anteil junger Menschen ohne weiteren Abschluss. Für die Durchführung der Studie beauftragte das IMK Fabian Lindner von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik und Anita Tiefensee von der Hochschule des Bundes in Berlin.

Junge Erwachsene häufiger ohne weiteren Abschluss

So stehen immer mehr 18- bis 24-Jährige ohne schulischen oder beruflichen Abschluss da, wie die Studienautoren aufzeigen. Zuletzt, im Jahr 2023, verfügten demnach laut Mikrozensus 13 Prozent dieser Altersgruppe weder über eine Hochschulreife noch über eine Berufsausbildung – das sind 1,5 Prozentpunkte mehr als noch 2021. Dabei hat sich der Anteil junger Menschen ohne weiteren Abschluss in den letzten Jahren im OECD- wie auch im EU-Durchschnitt verringert.

Insbesondere im Sekundarbereich II brechen in Deutschland immer mehr junge Menschen die Schule ab – also in der Oberstufe von Gymnasien und Gesamtschulen sowie in Berufsschulen. Die Studienautoren Lindner und Tiefensee weisen zudem darauf hin, dass sich der Übergang in eine Ausbildung schwierig gestalte. Dabei zitieren sie die OECD und die "Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung". Demnach habe das Angebot an Ausbildungsplätzen im Jahr 2022 zum ersten Mal seit Mitte der 1990er Jahre die Nachfrage überstiegen, doch gebe es eine Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten und Interessen der jungen Menschen und dem, was von den Unternehmen gefragt ist. Das liege auch daran, dass die Berufsorientierung unzureichend sei.

Bildungssystem kann Ausgangsbedingungen nicht ausgleichen

Die Studienautoren sehen den Hauptgrund für formal fehlende Bildungsabschlüsse darin, dass es dem deutschen Bildungssystem nicht gelinge, herausfordernde familiäre Ausgangsbedingungen ausreichend auszugleichen. Insbesondere Kinder in Alleinerziehendenfamilien und in Familien mit Migrationsgeschichte blieben überdurchschnittlich oft ohne Bildungsabschluss. In diesen Familien trete besonders häufig mindestens eines von drei Risikofaktoren auf: Die Familien sind von Armut bedroht, die Eltern sind nicht erwerbstätig oder die Eltern haben selbst keinen Bildungsabschluss.

Lichtblick bei sozialer Nachhaltigkeit: das Armutsrisiko nimmt ab

Die Armutsrisikoquote ist hingegen zum zweiten Mal in Folge gesunken – wenn auch "minimal", wie die Studienautoren schreiben. Angesichts der Krisen in den letzten Jahren überrasche dies aber dennoch. Zuletzt lag die Armutsrisikoschwelle im Jahr 2023 laut Statistischem Bundesamt für eine alleinstehende Person bei 1.247 Euro monatlich. Die Armutsrisikoquote – also der Anteil der Menschen, deren Einkommen unter dieser Schwelle liegt – lag bei 16,6 Prozent. Das sind allerdings immer noch gut drei Prozentpunkte mehr als der anvisierte Zielwert von 13,5 Prozent.

Als mögliche Gründe dafür, dass das Armutsrisiko verringert werden konnte, führen Lindner und Tiefensee staatliche Unterstützungsmaßnahmen an. Dazu gehören etwa Einmalzahlungen wie die Energiepreispauschale, der Kinderbonus sowie die Inflationsausgleichsprämie oder auch der im Vergleich zu den Tariflöhnen stärkere Anstieg des Mindestlohns.

Erwerbslose und Alleinerziehende oft armutsgefährdet

Die Studienautoren haben zudem untersucht, wer am häufigsten von Armut bedroht ist. So hat das höchste Armutsrisiko, wer erwerbslos (51 Prozent) oder alleinerziehend (41 Prozent) ist. Das zeigt ein Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), den die Studienautoren Lindner und Tiefensee herangezogen haben. Zudem sind Menschen in Deutschland eher von Armut bedroht, wenn sie über ein niedriges Qualifikationsniveau verfügen (32 Prozent), ihr Haushalt aus zwei Erwachsenen und mindestens drei Kindern besteht (30 Prozent), ihren Haushalt allein führen (28 Prozent), einen Migrationshintergrund aufweisen (28 Prozent) oder unter 25 Jahren sind (25 Prozent). Außerdem liegt die Armutsrisikoquote in Ostdeutschland weiterhin über der im Westen und die von Frauen über der von Männern.

Einkommen sind zunehmend ungleich verteilt

Die Studienautoren weisen zudem darauf hin, dass die Einkommensungleichheit in Deutschland weiter zunimmt. Demnach war das Einkommen des oberen Fünftels der Haushalte laut Daten von EU-SILC 4,6-mal so hoch wie das des unteren Fünftels. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Einkommensungleichheit damit leicht - und zum zweiten Mal in Folge - gestiegen. Zum Vergleich: Ende der 1990er Jahre lagen die Einkommen des reichsten Fünftels zweitweise nur beim 3,5-Fachen der Einkommen des ärmsten Fünftels.

Gender Pay Gap leicht verringert

Lediglich bei der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ist eine leicht positive Entwicklung festzustellen. So hat sich der unbereinigte Gender Pay Gap (GPG), also die durchschnittliche Differenz zwischen dem Bruttostundenlohn von Frauen und Männern, in den vergangenen drei Jahren um drei Prozentpunkte verringert. Im Jahr 2024 lag der GPG allerdings immer noch bei 16 Prozent. Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland im Rahmen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen ist es, den unbereinigten GPG auf zehn Prozent zu senken.

Während der unbereinigte GPG den Bruttostundenverdienst aller beschäftigten Männer und Frauen vergleicht, wird mit dem bereinigten GPG lediglich der Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern mit ähnlichen Qualifikationen und Erwerbsbiografien verglichen. Dabei soll jener Teil des Verdienstunterschieds erfasst werden, der durch schlechtere Zugangschancen von Frauen hinsichtlich bestimmter Berufe oder Karrierestufen verursacht wird, die möglicherweise ebenfalls das Ergebnis benachteiligender Strukturen sind. Der bereinigte Gender Pay Gap hat sich in den vergangenen 19 Jahren kaum reduziert (von acht auf sechs Prozent).


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