28.10.2013 | Serie Kolumne Talent Management

KISS ohne Küsse

Serienelemente
Talentmanagement-Experte Martin Claßen
Bild: Claßen

Talente finden, fördern, binden – dieser Dreiklang birgt viele Zwischentöne und sorgt auch für Missklänge in Unternehmen. Talentmanagement-Experte Martin Claßen gibt in seiner Kolumne Ein- und Ausblicke in die Talentwelt. Heute: Das Prinzip der Einfachheit - KISS ohne Küsse.

Bestimmt kennen Sie das "KISS-Prinzip". Das Akronym "KISS" steht dabei für "Keep It Simple and Stupid". Das Prinzip soll uns also zu Einfachheit anhalten. Diese Einfachheit wurde auch im Talentmanagement als Slogan entdeckt. So plädierten die Autoren Marc Effron und Miriam Ort für "One Page Talent Management: Eliminating Complexity, Adding Value". Alles auf eine einzige Seite – das klingt natürlich besonders gut!

Warum eine simple Aufgabe wie Talentmanagement unnötig verkomplizieren, wenn es auch einfach geht? Im Grunde bin ich nur neidisch. Effron und Ort sind clever gewesen, als Allererste die kleine Herausforderung Talentmanagement mit dem großen Schlagwort "Simplicity" zu entkrampfen.

Einfach und realistisch stehen nicht im Einklang

Das ist schließlich eine menschliche Sehnsucht, dieser Wunsch zur Einfachheit. Der birgt  natürlich stets die Gefahr „fürsorglicher Infantilisierung“ wie dies der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze nennt. Hatte nicht der Philosoph Ludwig Marcuse auf seinem Arbeitsplatz ein warnendes Täfelchen stehen mit dem Satz „Es ist alles immer viel komplizierter“? Will sagen, selbst ausgefeilte Theorien und Modelle greifen in der Realität zu kurz. Manchem Talentmanager möchte ich gerne auch so ein Täfelchen auf seinen Schreibtisch stellen.

Wenn zu viel "Simplicity" die Realität verkennt

Schauen wir uns einmal drei typische Simplicity-Botschaften im Talentmanagement an.

  • "Wir wollen Employer of Choice sein", sagen inzwischen 30 der Dax-30-Unternehmen. "Ich will nochmal ein Eis", sagt die Dreijährige im Schwimmbad zu ihrem Papa – man kann eben viel wollen…

  • "Unsere Mitarbeiter sind die wichtigste Ressource", sagen weitere Unternehmen. Ich sage: Logo, denn Kunden und Eigentümer sind keine Ressource von Unternehmen.

  • "Talentmanagement bedeutet in erster Linie Leadership", meinen die Simplicity-Fans. Dazu lässt sich nur erwidern: Schon klar! Was soll man aber machen, wenn lediglich zehn Prozent der Führungskräfte als überdurchschnittlich gelten wie McKinsey und Egon Zehnder International in einer Studie aus dem Jahr 2011 belegen, hingegen aber vermutlich 90 Prozent aller Manager von sich selbst glauben, dass sie besser als die anderen sind?

Wenn Sie sich nun dieses Marcuse-Täfelchen auf Ihren Schreibtisch stellen möchten, finden Sie im Internet Bestellmöglichkeiten unter www.ebeneto.de. Noch einfacher wäre es, sich den Sinnspruch selbst zu basteln oder als Bildschirmschoner auf dem Rechner einzurichten.

Martin Claßen hat 2010 das Beratungsunternehmen People Consulting gegründet. Talentmanagement gehört zu einem seiner fünf Fokusbereiche in der HR-Beratung.

Schlagworte zum Thema:  Talent Management, Personalentwicklung, Recruiting, Mitarbeiterbindung

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