Wer keinen eigenen Schreibtisch hat, geht ins Homeoffice
In der Debatte um die Rückkehr ins Büro geht es fast immer um Anwesenheitsvorgaben und kaum um die Frage, ob das Büro selbst diese Präsenz überhaupt rechtfertigt. Die aktuelle Sonderauswertung der Konstanzer Homeoffice-Studie liefert hierzu neue Evidenz. Für die 19. Befragungswelle wurden 1.017 Beschäftigte mit Homeoffice-Möglichkeit befragt. Erstmals stand die physische Büroinfrastruktur im Zentrum: Büroform, Desksharing, Begegnungsflächen und deren Zusammenhang mit dem Wunsch nach Homeoffice.
Büro in Deutschland: klassische Strukturen, wenig Flexibilität
Die deutsche Bürolandschaft ist überwiegend klassisch geprägt. 49 Prozent der Befragten teilen sich ein Büro mit zwei bis neun festen Plätzen, 29 Prozent haben ein Einzelbüro. Flexible, aktivitätsorientierte Büros, die je nach Tätigkeit unterschiedliche Räume bereitstellen, kommen dagegen nur auf sechs Prozent. Auch beim Arbeitsplatzmodell dominiert der feste Schreibtisch: 76 Prozent der Beschäftigten haben einen persönlich zugewiesenen Platz, 24 Prozent teilen sich den Arbeitsplatz im Desksharing, vor allem in großen, offenen Büros.
Präsenz gefordert, doch Begegnungsflächen fehlen
Arbeitgeber begründen den Ruf nach mehr Büropräsenz meist mit dem Austausch und der Unternehmenskultur. Doch 35 Prozent der Befragten geben an, dass in ihrem Büro keine Begegnungs- oder Interaktionsflächen vorhanden sind – ein Anteil, der seit der Befragung im Jahr 2022 (damals 33 Prozent) eher gestiegen als gesunken ist. In flexibel-aktivitätsorientierten Büros sind es dagegen nur 14 Prozent. Diese Büroform hängt zudem mit etwas höherer kollegialer Unterstützung sowie geringerer Erschöpfung und Einsamkeit zusammen. Bei der Einschätzung der subjektiven Leistung, der Beschäftigten zeigen sich dagegen kaum Unterschiede.
Desksharing treibt Wunsch nach Homeoffice
Der deutlichste Befund betrifft den Zusammenhang zwischen dem Arbeitsplatzmodell und der Präferenz für Homeoffice. Beschäftigte im Desksharing wünschen sich im Schnitt 3,40 Homeoffice-Tage pro Woche, Beschäftigte mit festem Platz hingegen nur 2,59 Tage. Ein Drittel der Desksharing-Nutzenden möchte sogar komplett von zu Hause aus arbeiten, also fünf Tage pro Woche. Bei einem festen Arbeitsplatz sind es nur 15 Prozent. Auch die Bürogröße wirkt in dieselbe Richtung: Im Einzelbüro liegt der gewünschte Homeoffice-Anteil bei 2,34 Tagen, in Großraumbüros mit mehr als 24 Plätzen bei 3,56 Tagen.
Präsenzkultur und eigener Schreibtisch
Kaum einen Unterschied macht dagegen der Renovierungsstand: Wer in einem in den letzten sechs Jahren renovierten Büro arbeitet, wünscht sich im Schnitt 2,7 Homeoffice-Tage, wer in einem älteren Büro arbeitet, 2,9 Tage. Nicht das Alter des Büros scheint also entscheidend zu sein, sondern ob es einen individualisierten, persönlichen Arbeitsplatz bietet.
Rückzugsmöglichkeiten, Privatsphäre und Begegnungsflächen
Wer mehr Büropräsenz erreichen will, sollte nicht nur über Rückkehrpflichten sprechen, sondern auch über die Qualität des Büros als Arbeitsort. Präsenz lohnt sich vor allem dort, wo sie einen erkennbaren Mehrwert bietet: beim Austausch, bei Teammeetings und bei kreativer Projektarbeit. Konzentrierte Einzelarbeit lässt sich oft besser im Homeoffice erledigen. Aus Kosten- und Nachhaltigkeitsgründen sprechen bei geringen Auslastungsquoten in hybriden Modellen zwar durchaus Argumente für Desksharing. Setzen Unternehmen darauf, sollten sie Rückzugsmöglichkeiten, Privatsphäre und Begegnungsflächen gezielt mitdenken. Andernfalls wächst der Wunsch nach Homeoffice weiter.
Zur Studie: Die Konstanzer Homeoffice-Studie untersucht seit Frühjahr 2020 unter der Leitung von Prof. Dr. Florian Kunze (Universität Konstanz, Future of Work Lab) fortlaufend, wie sich mobiles und hybrides Arbeiten in Deutschland entwickelt. Die aktuelle Sonderauswertung zur Büronutzung basiert auf der 19. Befragungswelle mit 1.017 Teilnehmenden und ist Teil des vollständigen Ergebnisreports „Das Büro unter Druck: Büroinfrastruktur, Homeoffice-Wunsch und Präsenzkultur in Deutschland 2026“.
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