Handlungs­anleitung

So wird BGM vom Maßnahmenkatalog zum Steuerungsinstrument


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Wer nachhaltige Gesundheitseffekte erreichen möchte, muss mehr tun als Gesundheitsmaßnahmen anbieten. Aufgabe ist, betriebliches Gesundheitsmanagement zu einem echten Steuerungssystem zu entwickeln – mit klaren Zielen, Evaluation und dem Willen, Führung, Kultur und Arbeitsorganisation gesund zu gestalten. Eine Handlungs­anleitung.

Beschäftigtengesundheit ist in Unternehmen allgegenwärtig: Gesundheitstage, Resilienztrainings, Rückenschulkurse oder digitale Bewegungsangebote gehören längst zum Standard. Die Programme sind sichtbar, die Beteiligung oft solide, und auf den ersten Blick entsteht ein klares Bild: Organisationen kümmern sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden.

Doch dieser Eindruck ist trügerisch. Hinter der Vielzahl an Angeboten verbirgt sich häufig ein strukturelles Defizit: Es wird viel getan – aber wenig gesteuert. In der Praxis wird betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) noch immer überwiegend als Sammlung einzelner Maßnahmen verstanden. Das ist bequem, aber zu kurz gedacht. Ein wirksames BGM ist kein Maßnahmenkatalog, sondern ein Managementsystem. Es basiert auf klaren Zielen, nutzt Daten als Grundlage für Entscheidungen und wird konsequent gesteuert. Genau daran fehlt es jedoch in vielen Organisationen.

Die Studie "#whatsnext 2025 – Gesund arbeiten in herausfordernden Zeiten" (siehe Personalmagazin 7/2025)  verdeutlicht diese Lücke: Nur 26,8 Prozent der Organisationen verfolgen ein ganzheitliches BGM. Der Großteil bleibt bei Einzelmaßnahmen. Oder anders formuliert: Strategie wird formuliert – aber nicht konsequent umgesetzt. Zwischen Anspruch und Realität klafft eine deutliche Lücke.

Warum Gesundheits­maßnahmen alleine nicht ausreichen 

Warum ist das so? Weil Maßnahmen einfach sind. Sie lassen sich schnell organisieren, erzeugen Sichtbarkeit und sind häufig förderfähig. Sie schaffen Aktivität – und Aktivität wird allzu oft mit Wirkung verwechselt. Ein wirksames BGM hingegen ist weit anspruchsvoller. Es verlangt klare Verantwortlichkeiten, belastbare Kennzahlen und die Bereitschaft, unbequeme Fragen zu stellen: Wie wird geführt? Wie ist Arbeit organisiert? Wo entstehen Fehlbelastungen – und warum?

Genau hier liegt der eigentliche Knackpunkt. Ein ernsthaft betriebenes BGM greift tief in die Organisation ein. Es betrifft Führung, Kultur und Strukturen – also Bereiche, die sich nicht mit einzelnen Maßnahmen verändern lassen. Statt diese Themen konsequent anzugehen, bleiben viele Organisationen an der Oberfläche. Logisch, denn Maßnahmen vermeiden Auseinandersetzung.

Besonders deutlich wird diese Schieflage bei der Frage nach der Wirksamkeit. In vielen Unternehmen wird nicht systematisch überprüft, ob Maßnahmen tatsächlich etwas bewirken. Teilnahmequoten und Zufriedenheit werden erfasst – doch der Einfluss auf die gesundheitliche Situation der Mitarbeitenden wird nicht gemessen. So entsteht ein paradoxes Bild: hohe Aktivität bei gleichzeitig geringer Evidenz. Es wird investiert, organisiert und kommuniziert – aber selten fundiert nachgewiesen, was davon tatsächlich wirkt. BGM droht, damit zum gut gemeinten Selbstzweck zu werden.

BGM braucht klare Zielbilder, Kennzahlen und systema­ti­sche Überprüfung 

Dabei ist die fachliche Grundlage längst vorhanden. Der Leitfaden Prävention der Krankenkassen (GKV Leitfaden Prävention) liefert klare Orientierung und definiert Qualitätskriterien. Seine zentrale Botschaft ist eindeutig: Nachhaltige Effekte entstehen nicht durch isolierte Maßnahmen, sondern durch das Zusammenspiel von Verhalten und Verhältnissen.

Die entscheidenden Hebel liegen daher häufig nicht in zusätzlichen Angeboten, sondern in den Arbeitsbedingungen selbst. Gesundheitsgerechte Führung, ergonomische Arbeitsplätze, realistische Arbeitsorganisation und eine Kultur, die Beteiligung ermöglicht, bilden die Basis. Erst auf dieser Grundlage entfalten ergänzende Maßnahmen zu Bewegung, Ernährung oder Stressbewältigung ihre volle Wirkung. Ein Blick in die Suchtprävention macht dieses Prinzip besonders deutlich: Information allein verändert wenig. Erst klare Regeln, konsequente Führung und unterstützende Strukturen führen zu nachhaltigen Effekten. Strukturen schlagen Kommunikation – und genau darin liegt eine zentrale Erkenntnis für das gesamte BGM.

Für die Praxis bedeutet das: BGM muss sich von einer Maßnahmenlogik lösen und zu einer echten Steuerungslogik entwickeln. Es braucht klare Zielbilder, messbare Kennzahlen und den Willen, Wirkung systematisch zu überprüfen. Denn am Ende zählt nicht, was angeboten wird – sondern sich tatsächlich verändert hat.

BGM: Wirksamkeit messen statt vermuten

Wie lässt sich Wirkung konkret erfassen? Der Leitfaden Prävention bietet eine belastbare Grundlage. Verhaltensbezogene Maßnahmen werden dort systematisch beschrieben und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit eingeordnet – etwa in den Bereichen Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Suchtprävention. Die Zertifizierung durch die Zentrale Prüfstelle Prävention (ZPP) stellt sicher, dass definierte Qualitätsstandards eingehalten werden.

Doch der größere Hebel, um Wirksamkeit und nachhaltige Effekte zu erreichen, liegt in der Verhältnisprävention. Hier geht es um Arbeitsgestaltung, Führung und betriebliche Rahmenbedingungen. Genau diese Faktoren entscheiden darüber, ob gesundes Verhalten im Arbeitsalltag überhaupt möglich ist. Gleichzeitig zeigt sich hier eine strukturelle Lücke: Während Verhaltensmaßnahmen standardisiert bewertet werden, fehlen für viele strukturelle Veränderungen klare, einheitliche Nachweise zur Wirksamkeit.

Ansatzpunkte zur Steuerung der Wirksamkeit

Wer Wirkung ernsthaft steuern will, muss deshalb tiefer ansetzen. Ausgangspunkt ist eine systematische Analyse der Arbeitsbedingungen – von klassischen Gefährdungsbeurteilungen bis hin zu vertiefenden arbeitswissenschaftlichen Bewertungen. Entscheidend ist dabei die Einbindung aller relevanten Perspektiven: Führungskräfte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Mitarbeitende.

Auf dieser Basis werden konkrete Handlungsbedarfe identifiziert, priorisiert und in umsetzbare Maßnahmen überführt. Der entscheidende Schritt folgt danach: die Evaluation. Vorher-Nachher-Vergleiche ermöglichen es, Veränderungen sichtbar zu machen und Wirkung nachvollziehbar zu belegen. Ergänzend muss sichergestellt werden, dass neue Arbeitsmittel, Prozesse oder ergonomische Lösungen auch tatsächlich wirksam genutzt werden.

Auch bei verhaltensbezogenen Maßnahmen gilt ein wichtiger Grundsatz: Wirkung entsteht nicht zufällig. Neben gesundheitlichen Effekten ("Outcome") sollten deshalb unbedingt immer auch organisationale Auswirkungen ("Impact") betrachtet werden – etwa in Bezug auf Fehlzeiten, Produktivität oder Mitarbeiterbindung. Erst diese Kombination ermöglicht eine fundierte Bewertung der nachhaltigen Wirksamkeit und damit des Erfolgs der eingesetzten Maßnahmen.

Weiterentwicklung von BGM: Pilotieren, lernen, skalieren

Ein wirkungsvoller Ansatz zur Weiterentwicklung von BGM ist die gezielte Pilotierung. Neue Maßnahmen werden zunächst in einem klar definierten Rahmen getestet, bevor sie flächendeckend ausgerollt werden. Das reduziert Risiken und erhöht die Qualität der Entscheidungen.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist dabei die Rolle der Führungskraft. Wenn sie Maßnahmen aktiv unterstützt, verständlich erklärt und glaubwürdig vorlebt, steigt die Teilnahmebereitschaft deutlich. Ohne diese Unterstützung bleiben selbst gut konzipierte Angebote oft hinter ihren Möglichkeiten zurück. Ebenso wichtig ist eine saubere Datenerhebung vor und nach der Maßnahme. Nur so lassen sich Veränderungen valide bewerten und fundierte Entscheidungen treffen. Kommunikation spielt dabei eine entscheidende Rolle: Persönliche Ansprache wirkt deutlich stärker als allgemeine Informationskampagnen.

Nach erfolgreichen Pilotprojekten kann gezieltes Storytelling die Skalierung unterstützen. Authentische Erfahrungsberichte erhöhen die Akzeptanz und liefern Hinweise für die Weiterentwicklung und Anpassung der Maßnahmen.

Wirkungsketten schaffen die notwendige Klarheit

Wer Wirkung systematisch verstehen will, kommt an Wirkungsmodellen nicht vorbei. Modelle wie das Logic Model machen sichtbar, wie aus eingesetzten Ressourcen konkrete Ergebnisse entstehen.

Abbildung: Wirkungskette zur Förderung der Resilienz im betrieblichen Kontext

Von der Bedarfsanalyse über die Umsetzung bis zur Evaluation entsteht ein durchgängiges Steuerungssystem. Es zwingt dazu, Annahmen offenzulegen, Zusammenhänge zu hinterfragen und Ergebnisse messbar zu machen. Wirkung wird damit nicht behauptet, sondern nachvollziehbar belegt.  

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Weniger Aktionismus, mehr Wirkung

Der Erfolg von BGM entscheidet sich nicht an der Anzahl der Maßnahmen, sondern an ihrer Wirkung. Wirkungsketten zeigen, welche Mechanismen greifen und woran Erfolg messbar ist. Was zunächst nach zusätzlichem Aufwand klingt, erweist sich in der Praxis als entscheidender Fortschritt: Entscheidungen werden fundierter, Prioritäten klarer und Ressourcen gezielter eingesetzt.

So wird BGM vom Aktivitätsprogramm zum Steuerungsinstrument. Aus einzelnen Initiativen entsteht ein konsistentes Gesamtsystem. Aus gut gemeinten Angeboten werden strategische Investitionen. Es entsteht ein BGM, das nicht nur sichtbar ist, sondern wirksam. Ein BGM, das nicht beschäftigt, sondern verändert. Und das dort ansetzt, wo Gesundheit entsteht – im Arbeitsalltag selbst.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in Personalmagazin 7/2026. Als Abonnent haben Sie Zugang zu diesem Beitrag und allen Artikeln dieser Ausgabe in unserem Digitalmagazin als Desktop-Applikation oder in der Personalmagazin-App.

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