GdW-Verbandstag: Das war der Tag der Wohnungswirtschaft 2020

Das traditionelle Branchentreffen der Wohnungswirtschaft fand dieses Jahr das erste Mal als Online-Event statt. Die Gesprächsrunden mit Vertretern aus Wohnungswirtschaft, Forschung und Politik drehten sich um Klimaschutz, Mietendeckel, Transformation und soziale Verantwortung. 

Unter dem Motto „Soziale Verantwortung jetzt! Sicher leben – Neues Wohnen gestalten!“ stand der „Tag der Wohnungswirtschaft“ in diesem Jahr. An dem interessanten Mix aus Live-Talks und On-Site-Vorträgen nahmen über 1.000 Zuschauer teil. Sie hatten am 23. November Gelegenheit, sich in dem virtuellen Kongresszentrum zu bewegen, die Vorträge zu den Themen Gerechtigkeit, Transformation, Klimaschutz sowie Wohnungswirtschaft und der Initiative Wohnen 2050 anzusehen sowie die Stände der ausstellenden Unternehmen und Sponsoren zu besuchen und sich dort Präsentationen anzusehen. Hauptsponsor des diesjährigen Tag der Wohnungswirtschaft war die Haufe Group, deren Geschäftsführer Dr. Carsten Thies in einem spannenden Interview mit dem Leiter der Geschäftsstelle des Kompetenzzentrum Digitalisierung „DigiWoh“, Arne Rajchowski vom GdW, über die Gestaltung von Transformationsprozessen, die Chancen der Digitalisierung, den richtigen Zeitpunkt für einen Change-Prozess, den Wandel in der Unternehmenskultur und die Bedeutung einer anderen Art von Fehlertoleranz sprach.

Chancen und Risiken der Digitalisierung

Das Thema Transformation zog sich wie ein roter Faden durch den Tag. So ging es unter anderem um die Frage, wie neue Technologien Unternehmen verändern. In einer Live-Schaltung sprach Moderatorin Katie Gallus mit Vertretern von Startups und Wohnungsunternehmen. Der GdW-Digitalisierungsexperte Arne Rajchowski wies darauf hin, dass Anpassungen heute immer das ganze Unternehmen und nicht mehr nur einzelne Segmente beträfen. Er riet den Wohnungsunternehmen zu einem ziel- und lösungsgerichteten Einsatz von Technologien. Dem pflichtete Klaus Straub von der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte / Wohnstadt und Mitinitiator des Startup-Accelerators Hubitation bei. Der Wandel betreffe alle Bereiche der Unternehmen. Innovation müsse von innen heraus entstehen und man dürfe das nicht allein an Startups delegieren. Nötig sein ein Kulturwandel, der zwischen der tradierten und der jungen Welt vermittele.

In einer Live-Diskussion am Abend zu Wohnung und Quartier der Zukunft griffen GdW-Hauptgeschäftsführerin Ingeborg Esser, die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie Elisabeth Winkelmeier-Becker und Prof. Dr. Oliver Thomas vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz dies auf. An der Digitalisierung des Wohnens führe kein Weg mehr vorbei, so Esser. Die digitale Bewirtschaftung von Immobilien, digitale Services für Mieter, eine vorausschauende Wartung et cetera würden einen Mehrwert für alle generieren können. Einen Hemmschuh stelle allerdings die mangelhafte Versorgung der Regionen mit schnellem Internet und der bisher schleppende Ausbau der Glasfaseranschlüsse dar, kritisierte Esser. Die GdW-Wohnungswirtschaft würde in den nächsten fünf Jahren gerne eine Million Wohnungen an das Glasfasernetz anbinden, brauche dafür aber verlässliche Rahmenbedingungen. Staatssekretärin Winkelmeier-Becker verwies auf die Wirtschaftsinitiative Smart Living – und auf die Notwendigkeit, Unternehmen die Möglichkeiten näher zu bringen, die sich durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) ergebenen. Auf die Bedeutung smarter Plattformen und des Foresight-Projekts, bei dem auch die Wohnungswirtschaft daran beteiligt ist, KI-Projekte in die Praxis zu überführen, wies Prof. Thomas hin.

Tag der Wohnungswirtschaft 2020 Diskussion Digitalisierung
Moderatorin Katie Gallus (M.) im Gespräch mit Staatssekretärin Elisabeth Winkelmeier-Becker (l.) und GdW-Hauptgeschäftsführerin Ingeborg Esser

Mieten- und Baupolitik

Eines der Aufregerthemen der jüngsten Vergangenheit fehlte natürlich nicht: der Mietendeckel, dessen zweite Stufe an jenem 23. November in Kraft trat. Über die Bedeutung für die Wohnungswirtschaft sprachen Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost, und Frank Schrecker, Vorstandsvorsitzender der Wohnungsbaugenossenschaft Berolina eG. Auch wenn viele Mieter das Gesetz grundsätzlich positiv bewerten mögen, sei die Stimmung in der Wohnungswirtschaft sehr besorgt, so Schrecker. Angesichts der Mietenabsenkung sei eher von einer Sense als von einem Deckel zu sprechen. Schrecker kritisierte, dass das Gesetz das Grundproblem von zu wenig Neubau nicht löse und mehr sozialer Wohnungsbau notwendig sei. Allein der Berolina würden in den fünf kommenden Jahren 5 Mio. € für die Entwicklung der Bestände und Quartiere fehlen. Rechne man das auf alle Genossenschaften hoch und berücksichtige den Vervielfältiger durch Kredite, werde deutlich, welche Summen für Investitionen fehlten. Die beiden Gäste waren sich einig, dass in der Wohnungspolitik bereits ausreichend Instrumente zur Regulierung bestehen, die allerdings besser durchgesetzt werden müssten. Richter hob Hamburg mit seinem Bündnis für das Wohnen als positives Beispiel hervor. Hier werde partnerschaftlich vorgegangen, statt die Vermieter zu bestrafen. 

In der wohnungsbaupolitischen Talkrunde mit GdW-Präsident Axel Gedaschko, Verbandsratspräsident Franz-Bernd Große-Wilde, der an dem Tag von der Delegiertenversammlung für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt wurde, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen Oliver Krischer und Frank Sitta, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, herrschte weniger Konsens. Während Kirschner für eine neue Wohngemeinnützigkeit warb, weil sie durch eine Steuerfreiheit Investitionen in den Wohnungsbau begünstige, argumentierte Sitta, dass es in der deutschen Wohnungspolitik bereits ausreichend Regulierungen gebe. Es gelte, alternative Angebote an anderen Standorten zu fördern sowie mehr, schneller, günstiger und kreativer zu bauen, um das Angebot politisch zu erhöhen. Gedaschko machte zudem auf die Bedeutung einer vorausschauenden kommunalen Bodenbevorratungspolitik aufmerksam und forderte ein größeres politisches Augenmerk auf die Stärkung der Regionen außerhalb der Städte.

Tag der Wohnungswirtschaft 2020 Wohnungsbaupolitik Diskussion
Blick hinter die Kulissen: Die wohnungsbaupolitische Talkrunde wurde per Livestream übertragen

Klimaschutz und CO2-Bepreisung 

In Sachen Klimaschutz diskutierte der Parlamentarische Staatssekretär bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Florian Pronold, mit Lukas Siebenkotten, Präsident des Deutschen Mieterbundes, und dem GdW-Präsidenten über die Kostenteilung bei der CO2-Bepreisung. Während Siebenkotten eine 100-prozentige Kostenübernahme durch die Vermieter als einen Anreiz für Wohnungsunternehmen sieht, mehr in die energetische Sanierung zu investieren, kritisierte Gedaschko, dass damit insbesondere Unternehmen, die bereits viel in den Klimaschutz investiert haben, bestraft würden. Pronold schlug vermittelnd ein digitales System vor, mit dem Verbraucher den Energieverbrauch in der Wohnung regelmäßig im Blick behalten können und betonte, dass mehr erneuerbare Energien benötigt würden. 

Aus Brüssel zugeschaltet, erläuterte Sorcha Edwards, Generalsekretärin des europäischen Dachverbandes Housing Europe, was die Verschärfung der europäischen Klimaziele bedeutet. Es gelte, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es ohne richtige Förderung zu sozialen Verwerfungen kommen könnte, weil sich viele Menschen in Europa sowieso abgehängt fühlten. Ferner sollten die Wiederaufbaumittel der EU auch dazu genutzt werden, Modernisierungen und die dezentrale Energieerzeugung voranzubringen.

Soziale Gerechtigkeit

Im Mittelpunkt der Diskussionsrunde zum Thema Gerechtigkeit standen die Ergebnisse der vom GdW beauftragten und zum Tag der Wohnungswirtschaft veröffentlichten, vertiefenden Studie „Herausforderung: Zusammenleben im Quartier“ des Minor-Instituts. Gemeinsam mit Bernhard Daldrup, wohnungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sprachen GdW-Geschäftsführer Dr. Christian Lieberknecht und Minor-Geschäftsführer Christian Pfeffer-Hoffmann über die Bedeutung von Wohnquartieren. Die Studie zeigt auf, dass sich in der Corona-Krise die Situation in etwa der Hälfte der Quartiere verbessert und in der anderen Hälfte verschlechtert hat. Lieberknecht betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung eines professionellen Quartiersmanagements. Die Wohnungsunternehmen seien mit ihrem Engagement von der Seniorenbetreuung und Nachbarschaftstreffs bis zur Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit in den Wohngebieten wichtige Akteure und langfristige Stabilitätsanker. Allerdings dürfe man ihnen allein nicht die gesellschaftliche Reparatur überlassen. Staatliche Unterstützung sei dringend notwendig und sichtbare Maßnahmen Bedingung für die Aktivierung der Bewohner.

Der Chef des Bundeskanzleramts Prof. Dr. Helge Braun ging vor allem auf die Folgen der Corona-Pandemie ein und verwies darauf, dass sich in der Folge die Prioritäten und die Ansichten darüber, wie und wo Menschen wohnen möchten, stark verändern würden. Braun zeigte sich aber auch hoffnungsvoll, dass die Pandemie im nächsten Jahr ihren Schrecken verlieren könnte. Er setze dabei auf die Errungenschaften aus Wissenschaft und Medizin. 

Stipendienvergabe und Spenden für soziale Projekte

Traditioneller Bestandteil des Tags der Wohnungswirtschaft ist die Vergabe von Stipendien für ein berufsbegleitendes Bachelorstudium Real Estate an einer von den wohnungswirtschaftlichen Verbänden eingerichteten Hochschulen. Sie gehen an die besten Absolventen der Ausbildung zur Immobilienkauffrau/-mann bei einem GdW-Mitgliedsunternehmen. Florian Pronold gratulierte gemeinsam mit Axel Gedaschko den Absolventen Niels Schröder, Carla Frömbling und Marco Heng. 

Um Spenden warb der Generalsekretär der Deutschen Entwicklungshilfe für soziales Wohnungs- und Siedlungswesen (DESWOS), Gerhard Müller. Durch die Pandemie habe es 2020 nur wenige Veranstaltungen oder Feiern in der Wohnungswirtschaft gegeben, sodass das Spendenvolumen zurückgegangen sei. Er nahm daher den Spendencheck des langjähriger DESWOS-Unterstützer Vodafone Kabel Deutschland dankend entgegen. Die 20.000 € dienen dem Bau eines Gesundheitszentrums in Nepal.


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Schlagworte zum Thema:  Gdw, Wohnungswirtschaft