Interview: Materialeffizienz birgt Potenzial für Klimaneutralität

In Wohngebäuden steckt jede Menge Potenzial, um Energie und CO2 zu sparen – Materialeffizienz könnte ein Schlüssel zu einer weitgehenden Klimaneutralität sein, sagt Dr. Stefan Pauliuk, Juniorprofessor an der Universität Freiburg, im Interview.

Herr Dr. Pauliuk, in einer Studie zur Materialeffizienz haben Sie auch das Potenzial von Wohngebäuden analysiert – welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen? 

Dr. Stefan Pauliuk: Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Materialeffizienz ein Schlüssel zu einer weitgehenden Klimaneutralität sein kann. Durch die effizientere Nutzung von Materialien bei Wohngebäuden könnten bis im Jahr 2050 weltweit enorme Mengen an Treibhausgas eingespart werden: Zwischen 20 bis 52 Gigatonnen CO2-Äquivalenten – das wären bis zu ein Drittel der Emissionen des Sektors, die nach einer weitgehenden Versorgung mit klimafreundlichen Energieträger noch übrig bleiben.

Wie haben Sie das herausgefunden?

Wir haben ein detailliertes Modell des Wohngebäudebestands in Deutschland entwickelt, das den aktuellen Bestand in die Zukunft bis zum Jahr 2060 fortschreibt, wobei Annahmen zur Gesamtbevölkerung, der durchschnittlichen Quadratmeterzahl pro Kopf sowie der Aufteilung der Neubauten in verschiedene Typen getroffen werden müssen.

Für diese Szenarien können wir dann den Gesamtenergie- und Materialverbrauch für Betrieb, Renovierung und Neubau ermitteln – sowie die Treibhausgase aus Energieversorgung, Energieverbrauch und Materialproduktion. Außerdem ermitteln wir die Einsparpotenziale für Energie, Materialien und Treibhausgase durch die Energiewende (weniger CO2 pro Energieeinheit) und analysieren, welchen Einfluss umfassende Renovierungs- oder Sanierungsaktivitäten und ressourceneffizientes Bauen haben.

Definieren Sie "Ressourceneffizienz".

Mit ressourceneffizient ist in diesem Zusammenhang das Bauen mit mehr Holz gemeint. Oder auch ein besseres und leichteres Gebäudedesign, modulares Bauen und mehr Wiedernutzung sowie die Kaskadennutzung von Bauelementen, mehr Recycling und teilweise eine längere Lebensdauer. Nicht zuletzt beziehen wir die allmähliche Verringerung der Wohnfläche pro Kopf, wie sie bereits in vielen Großstädten zu beobachten ist, in unsere Rechnung mit ein.

Welche Materialien haben Sie sich angeschaut?

Vor allem die klimarelevanten Materialien: Beton (Zement), Stahl, Holz, Kunststoffe und Aluminium.

Stefan Pauliuk

Was muss die Immobilienwirtschaft tun, um den Gebäudebestand klimaneutral zu machen?

Alle der oben gelisteten technischen Maßnahmen ergreifen: Energiewende, umfassende Renovierungs- und Sanierungsaktivitäten sowie ressourceneffizientes Bauen.

Die allmähliche Verringerung der Wohnfläche pro Kopf ist eine weitere Strategie, die viel Zusatznutzen bringen kann – vor allem weniger Land- und Ressourcenverbrauch und eine bessere Nutzung bestehender Transportinfrastruktur. Allerdings muss sie im Einklang stehen mit Lebensstilentwürfen, Stadtentwicklungskonzepten und Geschäftsmodellen der Bauwirtschaft.

Und wie sieht es beim Neubau aus?

Hohe Energiestandards sind hier unbedingt geboten, zumal diese Gebäude ja über Jahrzehnte genutzt werden. Bauen mit viel Holz, vor allem langlebigen und modularen Holzelementen im Tragwerk, schafft zusätzlichen Klimanutzen.

Noch wichtiger ist die Frage des Gebäudetyps: Wir müssen dichter und höher bauen und den Flächenfraß durch Einfamilienhaussiedlungen zurückfahren. Deutschland hat dem Umweltbundesamt zufolge eine durchschnittliche Flächenversieglung von 52 Hektar pro Tag, das Politikziel von 30 Hektar pro Tag wird also weit verfehlt.

Die Preise für Rohstoffe und Baumaterialien gehen derzeit durch die Decke. Wie kann ein klimaneutraler Gebäudesektor trotzdem bezahlbar sein?

Klimaneutral heißt oft auch sehr energieeffizient. Gebäudeeigentümer und Mieter sparen also in der Nutzungsphase des Gebäudes, benötigen aber mehr Kapital für den Bau. Hier können Förderkredite und andere finanzielle Instrumente so angepasst werden, dass sie auch ressourcenschonendes Bauen mit weniger und / oder mit klimafreundlichen Materialien fördern.

Nun sollen Wohnungsunternehmen ja auch eine sozialverträgliche Miete anbieten: Wie können sie da im Rennen bleiben?

Sozialverträgliche Mieten sind ein sehr wichtiges politisches Ziel in unserem Land, aber um diese in einem klimaneutralen Gebäudesektor zu garantieren, muss es auch entsprechende staatliche Unterstützung geben. Deshalb müssen die Wohnungsunternehmen hier Druck machen und gleichzeitig tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln sowie Vorzeigeprojekte umsetzen.

Wie könnte die neue Bundesregierung die Klimaneutralität im Gebäudesektor vorantreiben?

Ein großes Problem ist, dass qualifizierte Arbeitskräfte im Bausektor fehlen. Wir brauchen also eine Ausbildungsoffensive: Mehr Handwerker, mehr Sanierungs- und Holzbaukompetenzen. Außerdem ein engagiertes Vorantreiben der Energiewende. Das Ziel zur Reduktion der Flächenversiegelung muss ernst genommen werden, Mehrfamilienhäuser müssen die Norm werden. Und last, but not least müssen Bauvorschriften um Spezifikationen für die Graue Energie, als die Energie (und auch die Treibhausgase) der Herstellung der Baumaterialien, ergänzt werden.

Die Maßnahmen zur verbesserten Materialeffizienz können leicht umgesetzt werden, daher sollte ihnen in der Klimapolitik eine höhere Priorität zukommen.

Zur Studie

Dr. Stefan Pauliuk ist Juniorprofessor am Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie der
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
In einem internationalen Team betrachtete Pauliuk für die Studie "Understanding environmental trade-offs and resource demand of direct air capture technologies through comparative life-cycle assessment" die Lebenszyklen der Materialien unter anderem für den Wohnungsbau und berechnete, wie viel Treibhausgasemissionen durch eine breite und ehrgeizige Einführung von Maßnahmen zur Materialeffizienz (ME) in Kombination mit einer strikten Klimapolitik bis 2050 eingespart werden könnten.


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Schlagworte zum Thema:  Wohnungsbau, Klimaschutz, Emission, Recycling