Coronakrise: Airbnb verliert Wohnungen an regulären Mietmarkt

Unkonventionelle Urlaubsunterkünfte gepaart mit individuellen Entdeckungen, damit hatte Airbnb den Nerv der Zeit getroffen. Jetzt zwingen Zweckentfremdungsverbote und Coronakrise die Vermietungsplattform in die Knie – davon könnte der reguläre Mietwohnungsmarkt profitieren.

Touristen stornierten wegen Reiseverboten aufgrund der Corona-Pandemie weltweit ihre Buchungen – nach Daten des Marktanalysten Airdna brach der Umsatz von Airbnb alleine in Deutschland von 31 Millionen Euro Mitte Februar auf 13 Millionen Mitte März ein. Die Zahl der deutschen Anbieter auf der Plattform sank zwischen Januar und März von 162.000 auf 151.000.

Weltweit beendeten die Anbieter ihr Geschäft: In den USA ging die Zahl der Vermieter in diesem Zeitraum von 1,045 Millionen auf etwa eine Million zurück, in China von 700.000 auf unter 600.000. Auch der für 2020 geplante Börsengang des US-Tech-Unternehmens aus San Francisco steht auf der Kippe. Airbnb selbst erklärte, es habe bei den Angeboten in den europäischen Top-10-Städten keine größeren Veränderungen gegeben.

Wie fällt der Marktanteil in deutschen Städten ins Gewicht?

Der Generalbevollmächtigte des Analystenhauses Bulwiengesa, Andreas Schulten, hält die Folgen für Märkte in den Ballungsgebieten von Berlin, Hamburg oder München dennoch für eher gering: Zum einen sei jüngsten Zahlen zufolge das Mietwohnungsangebot etwa in Berlin zuletzt deutlich zurückgegangen, zum anderen sei der Airbnb-Anteil an diesen Märkten ohnehin nicht signifikant. Schulten verweist auf eine Untersuchung von Empirica, nach denen in Berlin gerade einmal 2.600 Wohnungen komplett auf Airbnb entfallen.

Die Empirica-Studie war allerdings von Airbnb selbst in Auftrag gegeben worden – die Zahlen dürften deshalb mit entsprechender Vorsicht zu genießen sein. Dennoch habe man in Deutschland eine ganz andere Situation als etwa in Irland, sagt Schulten: Auf den Markt würden politische Instrumente wie der Mietendeckel in Berlin deutlich stärker wirken.

Zweckentfremdungsverbote: ein emotionales Thema

Daniel Hofmann, Prokurist beim Gewos Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung zieht einen ähnlichen Schluss. Das Beratungsinstitut hatte vor rund fünf Jahren für das Land Berlin temporäre Vermietungen unter die Lupe genommen – im Vorfeld der Einführung eines Zweckentfremdungsverbots. Damals kamen die Gewos-Experten auf mehr als 10.000 Ferienwohnungen insgesamt. "Selbst wenn man eine hohe Dunkelziffer annimmt, macht der Anteil maximal ein Prozent aus", meint Hofmann.

Bezogen auf den Neubaubedarf würde das vielleicht ein Jahr Luft verschaffen. Nur sei das Thema Zweckentfremdungsverbot eben hoch emotional besetzt. "Es geht weniger um eine breite Entlastung für den Wohnungsmarkt, sondern eher darum zu zeigen, dass man um jede einzelne Wohnung kämpft", sagt Hofmann.

Zweckentfremdungsverbote gelten längst nicht mehr nur in Ballungsräumen – zuletzt hat der rheinland-pfälzische Landtag ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, mit dem Kommunen die Vermietung von Wohnungen an Touristen verbieten können. Die Bußgelder können sich auf bis zu 50.000 Euro belaufen. Nach der Einführung eines ähnlichen Gesetzesrahmens in Niedersachsen hatten auch Lüneburg und Norderney Satzungen zur Zweckentfremdung verabschiedet. In den meisten Großstädten müssen Vermietungen mittlerweile beantragt und genehmigt werden, so vergibt etwa das Land Hamburg Wohnraumschutznummern. Ein Jahr nach Einführung dieser Registrierungspflicht hatten knapp 5.000 Anbieter privater Wohnungen eine solche Nummer beantragt.

Professionelle Anbieter werden abwarten und die Lage beobachten

Gewos-Experte Hofmann verweist darauf, dass der überwiegende Teil der Airbnb-Anbieter nur zeitweise vermiete, etwa im Sommer, wenn man selbst nicht da sei – und so die Mietkosten ausgleichen könne. Seiner Ansicht nach warten die geschätzt zehn Prozent der professionellen Anbieter, die tatsächlich Wohnungen umrüsten und gewerblich auf den Markt bringen, nun erst einmal die Lage ab.  

Schulten von Bulwiengesa hält dieses Verhalten für die Marktbeobachtung insgesamt für geboten. Welche Zusammenhänge zwischen temporären Vermietungen, Corona und dem regulären Wohnungsmarkt bestehen und wie sich diese entwickeln, wisse man derzeit schlicht nicht, hält der Generalbevollmächtigte fest. Entscheidend für die Wohnungsmärkte sei, wie die Volkswirtschaft aus der Pandemie komme, ob und in welchem Ausmaß es eine europäische Bankenkrise gibt – und wie Akteure in der Immobilienbranche darauf reagieren.

Der Platzhirsch unter den Vermietungsplattformen, Immobilienscout24, weist zwar darauf hin, dass das Marktvolumen befristeter Wohnungen auf seiner Plattform im mittleren dreistelligen Bereich liegt und damit zu gering für generelle Aussagen sei. Gleichwohl sieht eine Sprecherin die These untermauert, dass sich Angebote weg von Airbnb hin zum regulären Wohnungsmarkt verschieben. "Auf ImmoScout24 setzt sich der Trend fort, dass private Anbieter vermehrt Inserate in der Kategorie ,Wohnen auf Zeit‘ einstellen“, erklärt die Sprecherin. Im Vergleich zur ersten Woche der Kontakteinschränkungen verzeichne das Portal für die deutschen Top7-Städte derzeit ein Plus von knapp 63 Prozent – zwei Wochen vorher habe der prozentuale Anstieg in den sieben deutschen Metropolen noch bei 27 Prozent gelegen. Treiber sind der Sprecherin zufolge vor allem bei Touristen beliebte Städte wie Berlin, München und Düsseldorf.

Ob nun tatsächlich verstärkt Ferienwohnungen wieder für den "normalen" Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen oder ob Ferienvermieter lediglich neue Vermarktungswege jenseits von Airbnb beschreiten, lässt sich aus diesen Zahlen nicht abschätzen. Aber für Menschen, die kurzfristig nach Wohnungen sich, weil sie beispielsweise von einem Auslandsaufenthalt zurückkehren, bedeutet diese Entwicklung durchaus eine Entspannung, erklärt die Immoscout-Sprecherin.


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