Destatis: Der Wohnungsbau zieht an – doch es reicht nicht

So viele Wohnungen wie vergangenes Jahr wurden in Deutschland seit 2001 nicht mehr gebaut. 306.376 zählt das Statistische Bundesamt. Doch auch der Bauüberhang wächst: 779.432 genehmigte Wohnungen wurden nicht fertiggestellt. Experten üben Kritik an der Bundesregierung.

Der Wohnungsbau in Deutschland hat 2020 trotz Corona-Pandemie den höchsten Stand seit 2001 erreicht, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt. 306.376 Wohnungen wurden fertiggestellt, das ist ein Plus von 4,6 Prozent zum Vorjahr. Eine höhere Zahl an gebauten Wohnungen gab es zuletzt vor 20 Jahren (2011: 326.187). Doch es reicht trotzdem nicht.

Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen liegt nach wie vor deutlich unter der Zielvorgabe der noch amtierenden Bundesregierung: 375.000 neue Wohnungen pro Jahr sollten es werden. Die schwarz-rote Koalition hat sich eineinhalb Millionen neue Wohnungen in der laufenden Legislaturperiode vorgenommen. Nach Einschätzung von Politik und Bauwirtschaft müssten jährlich 350.000 bis 400.000 Wohnungen fertig werden, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden.

Baubranche fordert Masterplan "Sozialer Wohnungsbau"

Robert Feigert, der Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) bezeichnete nach Vorstellung der aktuellen Destatis-Zahlen die Wohnraumoffensive der Bundesregierung als gescheitert. "Die neue Bundesregierung wird im Herbst da anfangen müssen, wo diese Bundesregierung ihre Wohnungsbaupolitik abgebrochen hat: Bis 2025 müssen in Deutschland 1,5 Millionen neue Wohnungen gebaut werden – vor allem Sozialwohnungen und bezahlbare Wohnungen." Feiger forderte einen Masterplan "Sozialer Wohnungsbau".

Das größte Plus (7,2 Prozent) gegenüber dem Vorjahr gab es 2020 laut Destatis bei den fertiggestellten Wohnungen in Mehrfamilienhäusern – 153.377 an der Zahl. Außerdem wurden 87.275 neue Einfamilienhäuser (plus 4,1 Prozent) gebaut; und bei Zweifamilienhäusern gab es einen Zuwachs von sechs Prozent auf 20.472 Fertigstellungen.

Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der genehmigten Baugenehmigungen um 2,2 Prozent auf 368.589 Wohneinheiten gestiegen: Insgesamt sind es mittlerweile 779.432 genehmigte Wohnungen, die noch nicht fertig sind. Damit erreicht der sogenannte Bauüberhang den höchsten Stand seit 1998, so die Statistik. Dass im vergangenen Jahr nicht noch mehr gebaut wurde, lag nach Angaben von Destatis unter anderem daran, dass Handwerker und Baufirmen im Immobilienboom überlastet waren.

GdW: "Wohnungsbauprogramm für mittlere und niedrige Einkommen"

Der Bauüberhang von genehmigten, aber noch nicht fertiggestellten Wohnungen wächst trotz der steigenden Fertigstellungszahlen seit Jahren. "Das macht unmissverständlich deutlich, dass jetzt endlich alle Regler am Mischpult für bezahlbares Bauen und Wohnen richtig eingestellt werden müssen", kommentierte Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW, die aktuellen Destatis-Zahlen.

Neben der zunehmenden Konkurrenz um Handwerker-Kapazitäten und Baustoffe sieht der GdW-Chef auch andere Hürden für den Wohnungsbau: etwa die "extrem steigenden Grundstückskosten" und die Baukosten. Die Kommunen sollten Bauland verbilligt und vor allem für preisgünstiges Bauen und Wohnen vergeben. Die Schaffung von Baurecht müsse beschleunigt, die Bauordnungen harmonisiert und vereinfacht werden. Die Prozesse rund um Planung, Genehmigung und Bauausführung sollten digitalisiert und damit schlanker und schneller werden. "Die Länder sind am Zug, die Typenbaugenehmigung in ihre Bauordnungen aufzunehmen, damit serielle und modulare Bauweisen verstärkt eingesetzt werden können."

Was das bezahlbare Wohnen angeht, erneuerte der Verbandspräsident alte GdW-Forderungen: Es sei ein echtes Wohnungsbauprogramm für Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen notwendig, um auf das Wohnen als "die soziale Frage des 21. Jahrhunderts" zu reagieren – deshalb brauche Deutschland nach der Bundestagswahl im Herbst 2021 ein eigenständiges Bundesministerium für Wohnen, Bauen, Heimat und Infrastruktur.


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dpa
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