CSRD-Datenanalyse

Scope 3 ist nicht die Leerstelle: Was in 1.400 CSRD-Berichten wirklich fehlt


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Gut drei Viertel der Unternehmen weisen ihre Scope-3-Emissionen aus, deutlich mehr, als die Debatte vermuten lässt. Die echten Leerstellen liegen woanders: bei Energie- und Sozialkennzahlen. Eine Auswertung von rund 1.400 europäischen Nachhaltigkeitsberichten zeigt, wo Anspruch und Praxis auseinanderfallen.

Die Datengrundlage

Für diese Auswertung habe ich 1.401 europäische Nachhaltigkeitsberichte der Berichtsjahre 2024 und 2025 strukturiert ausgewertet, aus 36 Ländern und über alle Sektoren hinweg. Grundlage ist eine eigens entwickelte Software-Pipeline: Sie liest die Originalberichte aus den Quellen ein, parst PDF- und HTML-Dokumente und extrahiert Kennzahlen seitengenau. So entsteht eine aggregierte Sicht auf Scope 1, 2 und 3, Energieverbrauch, erneuerbare Energien sowie Diversitäts- und Sozialkennzahlen, die es in dieser Form öffentlich nicht gibt.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Es handelt sich um die erste große verpflichtende CSRD-Welle. Durch die angehobenen Schwellenwerte der Omnibus-Gesetzgebung wird der Kreis der direkt berichtspflichtigen Unternehmen künftig deutlich kleiner. Dieser Datensatz ist damit auch eine Momentaufnahme einer Berichtsbreite, die so absehbar nicht wiederkehrt.

Scope 3 ist nicht die große Leerstelle

Der Befund, der dem Bauchgefühl der Branche am deutlichsten widerspricht, betrifft Scope 3. Diese Kategorie gilt als die schwierige, oft unvollständige. In den Daten weisen sie jedoch rund 76 Prozent der Berichte aus, nur wenige Prozentpunkte unter Scope 1 (83 Prozent) und Scope 2 (77 Prozent). Mindestens eine Scope-Angabe machen rund 87 Prozent der Berichte.

Scope 3 ist damit zwar erwartungsgemäß die am seltensten ausgewiesene der drei Kategorien, aber längst keine Leerstelle. Der Abstand zu den vermeintlich einfachen Scope-1- und Scope-2-Angaben beträgt nur rund sieben Prozentpunkte. Wo Emissionen offengelegt werden, gehört Scope 3 in aller Regel dazu.

Fiegenbaum CSRD Scope 3

Wo die Lücken wirklich liegen

Die echten Leerstellen sitzen woanders, und sie sind unauffälliger. Den Energieverbrauch, eine vermeintlich einfache Angabe, weisen nur 56 Prozent der Berichte aus. Bei der Weiterbildung, einer sozialen Kennzahl, sind es 60 Prozent. Energie- und Sozialkennzahlen hinken den Klimazahlen also hinterher.

Dabei lohnt der genaue Blick, denn „sozial” ist nicht pauschal schwach: Den Frauenanteil in der Belegschaft berichten 87 Prozent der Unternehmen, die Weiterbildung dagegen nur 60 Prozent. Es fehlt nicht die soziale Dimension als Ganzes, es fehlen bestimmte, weniger etablierte Kennzahlen innerhalb davon.

So zeichnet sich eine Lücke zwischen Annahme und Realität ab: Was als schwer zu berichten gilt, wird häufiger offengelegt als manche Angabe, die als unkompliziert durchgeht.

Warum diese Lücke zählt

Für alle, die auf diese Daten angewiesen sind, Investor:innen, Einkauf und Regulierung, ist gerade die energie- und sozialbezogene Lücke relevant. Eine fehlende Scope-3-Zahl lässt sich oft noch über Schätzmodelle annähern. Eine fehlende, uneinheitlich erhobene Sozial- oder Energiekennzahl ist schwerer zu rekonstruieren und beim Vergleich zwischen Unternehmen entsprechend tückischer. Die Daten zeigen damit weniger, wo guter Wille fehlt, als vielmehr, wo standardisierte, vergleichbare Angaben noch dünn sind.

Eine Ehrlichkeitsnote zur Methodik

Eine Einschränkung gehört offen dazu: Die absoluten Offenlegungsquoten sind nach unten verzerrt. Die hier genannten Zahlen beruhen auf einer konservativen Konfidenzschwelle, und maschinelle Extraktion erkennt harte Finanz- und Klimazahlen zuverlässiger als „weiche”, uneinheitlich formulierte Umwelt- und Sozialangaben. Die tatsächlichen Quoten dürften also etwas höher liegen als hier gemessen. Für die Interpretation heißt das: Absolute Niveaus mit Vorsicht lesen. Belastbar sind vor allem die relativen Vergleiche, zwischen Kennzahlen, zwischen Sektoren und zwischen Berichtsjahren, weil der methodische Effekt dort weitgehend konstant bleibt.

Was in den nächsten Teilen folgt

Diese erste Auswertung beschreibt das Gesamtbild. Der zweite Teil nimmt die Unterschiede zwischen den Branchen in den Blick und stellt eine verbreitete Annahme über die Rolle des Sektors auf den Prüfstand. Der dritte Teil verfolgt die Entwicklung von 2024 zu 2025 über die Unternehmen, die in beiden Jahren berichten.

 

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