CSRD-Datenanalyse

1.400 Berichte zeigen: Jedes Unternehmen kann Vorreiter werden


Serienelemente
Containerstapel im Hafen mit Flugzeug im Hintergrund

„Unsere Branche kann gar nicht anders” ist einer der häufigsten Sätze im Nachhaltigkeitsgespräch. Die Auswertung von rund 1.400 europäischen CSRD-Berichten zeigt: Das ist nur die halbe Wahrheit. Bei den Kennzahlen, die ein Unternehmen wirklich steuern kann, ist die Branche fast nebensächlich, im selben Sektor liegen zwischen Vorreiter und Nachzügler Welten.

Strukturell trennen die Sektoren Welten

Auf den ersten Blick scheint alles eine Frage der Branche zu sein. Bei der CO₂-Intensität, also den direkten und eingekauften Emissionen (Scope 1 und 2) je Mitarbeiter, liegen Rohstoffe und Bergbau im Median bei gut 100 Tonnen, Finanz- und Dienstleistungsunternehmen bei rund 1. Dazwischen Infrastruktur (16), Transport und Lebensmittel (je rund 12).

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Das ist real und erklärbar: Rohstoffgewinnung und Schwerindustrie haben prozessbedingte Emissionen, die sich kurzfristig kaum vermeiden lassen. Eine Bank ist bilanzleicht, zumindest ohne die finanzierten Emissionen, ihr direkter Fußabdruck ist naturgemäß klein. Hier setzt das Geschäftsmodell tatsächlich die Grundlinie, und genau das wird gern zur Aussage: „Wir sind nun mal eine schwierige Branche.”

Aber das ist nur die halbe Wahrheit

Sobald man auf die Kennzahlen schaut, die ein Unternehmen selbst in der Hand hat, kippt das Bild. Beim Erneuerbaren-Mix, dem Anteil grünen Stroms, liegen nur 12 Prozent der Unterschiede zwischen den Sektoren. Die übrigen 88 Prozent liegen innerhalb der Branchen, zwischen Unternehmen, die dasselbe Geschäft betreiben.

In jedem einzelnen Sektor trennen Vorreiter und Nachzügler 80 Prozentpunkte und mehr. Selbst in Rohstoffen und Bergbau reicht die Spanne von praktisch null bis 80 Prozent grünem Strom. Das obere Zehntel der Bergbaukonzerne ist grüner versorgt als das untere Zehntel der Banken.

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Wo ein Unternehmen beim Energiemix steht, sagt also mehr über seine Entscheidungen als über seine Branche.

Struktur oder Gestaltung, das ist die Trennlinie

Der Widerspruch zwischen beiden Bildern ist kein Zufall, er trennt zwei Arten von Kennzahlen. Die einen sind strukturell ans Geschäftsmodell gebunden: prozessbedingte Emissionen, der direkte Energiebedarf einer Schwerindustrie. Da bindet die Branche tatsächlich, und ein Vergleich über Sektoren hinweg führt in die Irre.

Die anderen sind Gestaltungsgrößen: woher der Strom kommt, wie viel in Weiterbildung fließt, wie divers ein Unternehmen aufgestellt ist. Hier entscheidet nicht der Sektor, sondern die Führung. Und es sind gerade diese Gestaltungsgrößen, an denen sich ein Unternehmen vom Branchendurchschnitt absetzt, nach oben wie nach unten.

Was das für Benchmarks und für die Praxis heißt

Daraus folgt zweierlei. Erstens müssen Benchmarks sektorspezifisch sein: Ein nationaler oder gar globaler Durchschnitt vermischt bilanzleichte und prozessintensive Geschäftsmodelle und sagt am Ende wenig aus. Wer eine Zahl einordnen will, braucht die Vergleichsgruppe aus derselben Branche.

Zweitens, und das ist die eigentliche Botschaft: Der Sektor-Median ist keine Ausrede, sondern eine Messlatte. Bei den steuerbaren Kennzahlen wartet niemand auf die Politik oder den Wettbewerb, die Vorreiter im eigenen Sektor führen längst vor, was möglich ist. Vorreiter werden kann damit jedes Unternehmen von sich aus, unabhängig von der Branche.

Zur Methodik und ihren Grenzen

Die Sektoren sind nach dem SASB-Schema klassifiziert, in die Vergleiche fließen nur die zehn Sektoren mit mindestens 50 Berichten ein. Ich rechne durchgängig mit Medianen und Perzentilen statt Mittelwerten, damit einzelne Ausreißer das Bild nicht verzerren; die Spannweiten in Grafik 2 zeigen das 10. bis 90. Perzentil, also die Bandbreite ohne die Extreme. Den Anteil der Streuung innerhalb gegenüber zwischen den Sektoren schätze ich über eine einfache Varianzzerlegung. Und es gilt dieselbe Einschränkung wie im ersten Teil: Absolute Niveaus sind mit Vorsicht zu lesen, belastbar sind die relativen Muster.

Was im dritten Teil folgt

Bisher ging es um eine Momentaufnahme. Der dritte Teil verfolgt, wie sich die Offenlegung von 2024 zu 2025 entwickelt, firmenintern über die Unternehmen, die in beiden Jahren berichten.

 

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