Serie: Herausforderung Wertpapierbuchhaltung

Vorabpauschalen bei Fonds und ETFs im Betriebsvermögen richtig erfassen

Die Vorabpauschale ist rein steuerlich: Handelsrechtlich entsteht kein Ertrag. Im Betriebsvermögen kommt es außerdem auf Fondstyp, Rechtsform und Depotbank an. Besonders bei Auslandsdepots muss die Vorabpauschale häufig selbst ermittelt und dokumentiert werden.

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Warum die Vorabpauschale im Betriebsvermögen besonders anspruchsvoll ist

Thesaurierende und ausschüttungsarme Fonds stellen die Wertpapierbuchhaltung vor eine Besonderheit: Obwohl dem Anleger tatsächlich kein entsprechender Betrag zufließt, kann steuerlich ein Investmentertrag entstehen.

Genau hierfür dient die Vorabpauschale nach § 18 InvStG. Sie soll verhindern, dass Erträge innerhalb eines Fonds über lange Zeit steuerlich vollständig aufgeschoben werden. Die Vorabpauschale gilt jeweils am ersten Werktag des Folgejahres als zugeflossen.

Für betriebliche Anleger reicht es allerdings nicht, einfach die von der Depotbank ausgewiesenen Beträge zu übernehmen. Handels- und Steuerbilanz unterscheiden sich erheblich, Teilfreistellungen hängen von Fonds- und Anlegertyp ab und bei Auslandsbanken muss die Vorabpauschale häufig vollständig selbst ermittelt werden.

Wie wird die Vorabpauschale berechnet?

Ausgangspunkt ist der sogenannte Basisertrag. Vereinfacht gilt:

Basisertrag = Rücknahmepreis des Fondsanteils zu Jahresbeginn × 70 % des Basiszinses

Die Vorabpauschale entspricht grundsätzlich dem niedrigeren Betrag aus Basisertrag und tatsächlicher Wertsteigerung des Fonds im Kalenderjahr, vermindert um tatsächlich erfolgte Ausschüttungen.

Bei negativer oder fehlender Wertentwicklung entsteht keine Vorabpauschale. Bei einem unterjährigen Erwerb wird sie für jeden vollen Monat vor dem Erwerb um ein Zwölftel gekürzt. Der Basiszins wird jährlich festgelegt und veröffentlicht. Für das Jahr 2026 beträgt er 3,20 %.

Der entscheidende Unterschied: Handelsrechtlich kein Ertrag

Gerade hier liegt eine häufige Fehlerquelle.

Die Vorabpauschale ist eine rein steuerliche Fiktion. Handelsrechtlich besteht weder ein Ausschüttungsanspruch gegen den Fonds noch ein tatsächlicher Zufluss. Deshalb wird in der Handelsbilanz kein Ertrag aus der Vorabpauschale gebucht.

Das gilt auch bei thesaurierenden Fonds. Die innerhalb des Fonds erwirtschafteten und wiederangelegten Erträge führen beim Anleger handelsrechtlich nicht zu einer eigenständigen Forderung. Sie wirken sich lediglich mittelbar über den Börsenkurs beziehungsweise Rücknahmepreis des Fondsanteils aus.

Die Fonds- oder ETF-Anteile selbst werden weiterhin nach den allgemeinen HGB-Grundsätzen bewertet. Maßgeblich ist der Investmentanteil als Ganzes, nicht die einzelnen Aktien, Anleihen oder sonstigen Anlagen innerhalb des Fonds.

Kapitalertragsteuer wird trotzdem handelsrechtlich gebucht

Dass die Vorabpauschale handelsrechtlich keinen Ertrag auslöst, bedeutet jedoch nicht, dass überhaupt keine Buchung erfolgt.

Bei einem inländischen Depot kann die Bank auf die Vorabpauschale Kapitalertragsteuer und Solidaritätszuschlag einbehalten. Diese tatsächliche Belastung ist handelsrechtlich abzubilden.

Die einbehaltene Kapitalertragsteuer und der Solidaritätszuschlag werden grundsätzlich als Steueraufwand erfasst oder bei sicherer Anrechnung beziehungsweise Erstattung als Forderung gegenüber dem Finanzamt ausgewiesen. Damit kann in der Handelsbilanz ein Steueraufwand entstehen, ohne dass ihm ein handelsrechtlicher Ertrag aus der Vorabpauschale gegenübersteht.

Steuerbilanz: Ertrag und aktiver Ausgleichsposten

Steuerrechtlich ist die Behandlung genau anders.

Die Vorabpauschale gilt nach § 18 Abs. 3 InvStG am ersten Werktag des Folgejahres als zugeflossen und ist bei bilanzierenden betrieblichen Anlegern als Investmentertrag zu erfassen.

In der Steuerbilanz wird hierfür ein aktiver Ausgleichsposten gebildet. Die Buchung lautet vereinfacht:

Aktiver Ausgleichsposten an Ertrag

Der Ausgleichsposten ist ein rein steuerlicher Bilanzposten. Er wird während der Haltedauer fortgeführt und bei der späteren Veräußerung der Fondsanteile wieder aufgelöst.

Praxisbeispiel

Eine GmbH hält 5.000 Anteile eines Investmentfonds. Für das betreffende Jahr beträgt die steuerlich ermittelte Vorabpauschale 0,90 Euro je Anteil.

Damit ergibt sich:

5.000 × 0,90 Euro = 4.500 Euro Vorabpauschale

Handelsrechtlich wird aus der Vorabpauschale kein Ertrag erfasst.

In der Steuerbilanz lautet die Buchung dagegen:

Aktiver Ausgleichsposten 4.500 Euro an Ertrag 4.500 Euro

Veräußert die GmbH die Fondsanteile später, wird der Ausgleichsposten gewinnmindernd aufgelöst. Dadurch wird verhindert, dass derselbe wirtschaftliche Ertrag zunächst über die Vorabpauschale und später nochmals vollständig über den Veräußerungsgewinn besteuert wird.

Teilfreistellung: Fondsart und Anleger entscheiden

Auf die Vorabpauschale ist die Teilfreistellung nach § 20 InvStG anzuwenden. Diese gilt nicht nur für Vorabpauschalen, sondern grundsätzlich auch für Ausschüttungen und Veräußerungsgewinne aus Investmentfonds.

Die Höhe hängt sowohl vom Fondstyp als auch vom Anleger ab.

FondsartBetriebliche Anleger mit ESt, z. B. natürliche MitunternehmerKörperschaften, z. B. GmbH
Aktienfonds60 %80 %
Mischfonds30 %40 %
Immobilienfonds60 %60 %
Auslandsimmobilienfonds80 %80 %
Sonstige Investmentfonds0 %0 %

Bei einer gewerblichen Personengesellschaft kann der anzuwendende Teilfreistellungssatz von der steuerlichen Einordnung des jeweiligen Gesellschafters abhängen. Bei körperschaftsteuerpflichtigen Familienstiftungen gelten grundsätzlich die für Körperschaften vorgesehenen Teilfreistellungen.

Für die Gewerbesteuer ist außerdem zu beachten, dass die Teilfreistellung grundsätzlich nur zur Hälfte berücksichtigt wird. Bei einem Aktienfonds einer GmbH bedeutet dies beispielsweise: körperschaftsteuerlich 80 % Teilfreistellung, gewerbesteuerlich grundsätzlich nur 40 %.

Bankbeleg ist nicht automatisch die richtige steuerliche Lösung

Ein weiteres praktisches Problem: Depotbanken arbeiten beim Steuerabzug zunächst mit den für sie hinterlegten steuerlichen Merkmalen.

Gerade bei betrieblichen Depots sollte deshalb geprüft werden, ob der ausgewiesene Teilfreistellungssatz tatsächlich zum Anleger passt. Die für Privatanleger geltenden Sätze unterscheiden sich teilweise erheblich von den Teilfreistellungen im Betriebsvermögen.

Eine Übernahme des Bankbelegs ohne fachliche Prüfung kann daher zu einer unzutreffenden steuerlichen Behandlung führen.

Inlandsbank: Die Bank übernimmt einen großen Teil der Arbeit

Bei einer inländischen Depotbank wird die Vorabpauschale regelmäßig automatisch ermittelt.

Die Bank berücksichtigt beim Kapitalertragsteuerabzug die hinterlegte Fondsklassifikation und zieht Kapitalertragsteuer sowie Solidaritätszuschlag ein. Bei einem betrieblichen Anleger hat dieser Steuerabzug allerdings keine Abgeltungswirkung. Die einbehaltenen Beträge stellen vielmehr Vorauszahlungen dar, die im Rahmen der Veranlagung berücksichtigt werden.

Für die Wertpapierbuchhaltung stehen damit zumindest regelmäßig ein Bankbeleg und später eine Steuerbescheinigung zur Verfügung.

Das entbindet die Kanzlei jedoch nicht von der Prüfung, ob Fondsart, Anlegerkategorie und Teilfreistellung für den betrieblichen Sachverhalt zutreffend sind.

Auslandsbank: Die Kanzlei muss selbst rechnen

Deutlich aufwendiger wird die Behandlung bei Auslandsdepots.

Ausländische Depotbanken sind regelmäßig keine deutschen Steuerabzugsverpflichteten. Entsprechend wird häufig weder Kapitalertragsteuer einbehalten noch eine Vorabpauschale auf den Bankunterlagen ausgewiesen.

Die steuerliche Verpflichtung entfällt dadurch jedoch nicht.

Die Vorabpauschale muss dann eigenständig ermittelt werden. Benötigt werden insbesondere der Rücknahmepreis zu Jahresbeginn, der amtliche Basiszins, die tatsächlichen Ausschüttungen sowie die Wertentwicklung des Fonds. Anschließend ist die zutreffende Teilfreistellung anhand von Fondsart und Anlegerkategorie zu bestimmen.

Gerade bei Auslandsdepots ist eine nachvollziehbare Dokumentation deshalb besonders wichtig. Die Berechnungsgrundlagen sollten so festgehalten werden, dass sich die angesetzten Vorabpauschalen auch Jahre später noch nachvollziehen lassen.

Die Dokumentation wird spätestens bei der Veräußerung wichtig

Die Vorabpauschale ist keine endgültige Zusatzbesteuerung.

Bei der späteren Veräußerung des Fondsanteils ist der steuerliche Veräußerungsgewinn um die während der Besitzzeit bereits angesetzten Vorabpauschalen zu vermindern. Die während der Haltedauer gebildeten aktiven Ausgleichsposten werden entsprechend aufgelöst.

Dadurch wird eine Doppelbesteuerung vermieden.

Gerade bei langer Haltedauer können sich über viele Jahre erhebliche Beträge ansammeln. Eine lückenlose Fortschreibung der Vorabpauschalen je Fondsposition ist daher für die spätere Veräußerungsgewinnermittlung unverzichtbar.

Empfehlung für die Praxis

Bei Vorabpauschalen sollten drei Ebenen konsequent voneinander getrennt werden:

Erstens: Handelsrechtlich entsteht aus der Vorabpauschale kein Ertrag.

Zweitens: Steuerlich muss die Vorabpauschale als Investmentertrag erfasst und bei bilanzierenden Anlegern über einen aktiven Ausgleichsposten fortgeschrieben werden.

Drittens: Die von der Bank einbehaltene Kapitalertragsteuer und der Solidaritätszuschlag sind ein eigenständiger Vorgang und handelsrechtlich abzubilden.

Zusätzlich sollte bei jedem Fonds geprüft werden, welche Teilfreistellung aufgrund von Fondsart und Rechtsform tatsächlich anzuwenden ist.

Bei Auslandsbanken kommt noch ein weiterer Arbeitsschritt hinzu: Fehlt eine bankseitige Ermittlung, muss die Vorabpauschale selbst berechnet und belastbar dokumentiert werden.

Fazit

Die Vorabpauschale zeigt besonders deutlich, warum sich die Buchhaltung betrieblicher Wertpapierdepots nicht allein aus Bankabrechnungen ableiten lässt.

Handelsrechtlich existiert kein Ertrag aus der Vorabpauschale, steuerrechtlich dagegen sehr wohl. Gleichzeitig müssen Teilfreistellungen, Kapitalertragsteuer und der steuerliche Ausgleichsposten korrekt berücksichtigt und über die gesamte Haltedauer fortgeschrieben werden.

Bei Inlandsbanken liefern die Bankunterlagen dafür zumindest einen wichtigen Ausgangspunkt. Bei Auslandsbanken liegt die Ermittlung dagegen häufig vollständig bei Unternehmen und Kanzlei. Gerade deshalb gehören Vorabpauschalen zu den Sachverhalten, bei denen eine systematische und nachvollziehbare Wertpapierbuchhaltung besonders wichtig ist.

Autor: Dr. Rolf Müller ist Rechtsanwalt, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Gründer der fintegra-Unternehmensgruppe. fintegra ist spezialisiert auf die handels- und steuerrechtliche Verarbeitung von Vermögenssachverhalten. Weitere Informationen zu fintegra und WAVE (Wertpapiere Automatisiert VErarbeiten) finden Sie unter www.fintegra.de

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