Serie: Herausforderung Wertpapierbuchhaltung

Zinsabgrenzung bei Anleihen: Stückzinsen richtig erfassen

Beim Kauf oder Verkauf von Anleihen zwischen zwei Zinsterminen spielen Stückzinsen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig sind sie eine häufige Fehlerquelle in der Buchhaltung. Der Beitrag zeigt, wie Stückzinsen handels- und steuerrechtlich zu behandeln sind und warum sie nicht zu den Anschaffungskosten einer Anleihe gehören.

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Warum Stückzinsen häufig falsch verbucht werden

Anleihen werden in der Praxis häufig nicht genau am Kupontermin gekauft oder verkauft. Erfolgt der Erwerb zwischen zwei Zinsterminen, erhält der Verkäufer für den bereits aufgelaufenen Zins einen Ausgleich vom Käufer. Diese sogenannten Stückzinsen gehören wirtschaftlich dem Verkäufer, obwohl die nächste Zinszahlung erst später durch den Emittenten erfolgt.

Gerade an dieser Stelle entstehen in der Praxis regelmäßig Fehler. Häufig werden Stückzinsen den Anschaffungskosten der Anleihe zugerechnet oder beim Verkauf als Bestandteil des Veräußerungserlöses behandelt. Beides entspricht jedoch weder dem Handels- noch dem Steuerrecht.

Kauf einer Anleihe: Kurswert und Stückzinsen sind getrennt zu betrachten

Beim Erwerb einer Anleihe setzt sich der tatsächlich gezahlte Kaufpreis regelmäßig aus zwei Bestandteilen zusammen:

Kaufpreis = Kurswert der Anleihe + Stückzinsen

Der Kurswert stellt die Gegenleistung für das Wertpapier selbst dar. Die Stückzinsen vergüten dagegen den bereits entstandenen, aber noch nicht fälligen Zinsanspruch des Verkäufers.

Damit werden beim Kauf wirtschaftlich zwei unterschiedliche Vermögensgegenstände erworben:

  • die Anleihe selbst und
  • der bereits aufgelaufene Zinsanspruch. 

Diese Unterscheidung ist für die spätere Bilanzierung von entscheidender Bedeutung.

Handelsrecht: Stückzinsen gehören nicht zu den Anschaffungskosten

Nach den handelsrechtlichen Vorschriften (§§ 253, 255 HGB) gehören Stückzinsen nicht zu den Anschaffungskosten der Anleihe.

Sie stellen keine Gegenleistung für den Vermögensgegenstand "Anleihe" dar, sondern betreffen einen bereits entstandenen Zinsanspruch. Deshalb sind sie als eigenständige Forderung zu aktivieren.

Die Buchung beim Erwerb lautet deshalb:

Konto

Soll

Haben

Wertpapiere (Kurswert)X 
Zinsabgrenzung / sonstige ForderungX 
an Bank X

Die Anschaffungskosten der Anleihe umfassen somit ausschließlich den Kurswert einschließlich etwaiger Anschaffungsnebenkosten.

Steuerrecht folgt grundsätzlich dem Handelsrecht

Für Wertpapiere im Betriebsvermögen übernimmt das Steuerrecht diese handelsrechtliche Behandlung grundsätzlich über die Maßgeblichkeit des § 5 Abs. 1 EStG.

Das bedeutet:

  • gezahlte Stückzinsen beim Kauf sind als Forderung zu aktivieren,
  • erhaltene Stückzinsen beim Verkauf stellen Zinserträge dar,
  • sie gehören weder zu den Anschaffungskosten noch zum steuerlichen Veräußerungsgewinn. 

Zwischen Handels- und Steuerbilanz ergeben sich insoweit regelmäßig keine Unterschiede.

Laufende Zinsabgrenzung zum Bilanzstichtag

Neben den beim Kauf gezahlten Stückzinsen ist eine zweite Form der Zinsabgrenzung zu beachten.

Zwischen zwei Kuponterminen entsteht der Zinsanspruch Tag für Tag. Auch wenn die Auszahlung erst später erfolgt, ist der bis zum Bilanzstichtag bereits wirtschaftlich entstandene Zinsertrag periodengerecht zu erfassen.

Handelsrechtlich folgt dies aus dem Periodenabgrenzungsgrundsatz (§ 252 Abs. 1 Nr. 5 HGB). Steuerrechtlich gilt dieselbe Behandlung aufgrund der Maßgeblichkeit nach § 5 Abs. 1 EStG.

Zum Bilanzstichtag wird deshalb der bis dahin aufgelaufene Zins als Forderung aktiviert und gleichzeitig als Zinsertrag erfasst.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung:

Die beim Kauf aktivierte Stückzinsenforderung und die laufende Zinsabgrenzung zum Bilanzstichtag betreffen unterschiedliche Sachverhalte.

Während die Stückzinsen beim nächsten Kupontermin lediglich wieder aufgelöst werden, bildet die laufende Zinsabgrenzung den tatsächlich im laufenden Geschäftsjahr entstandenen Zinsertrag ab.

Beispiel:

Eine GmbH erwirbt am 1. April eine Anleihe mit einem Nominalwert von 100.000 EUR. Der jährliche Kupon beträgt 4 %. Zinstermin ist jeweils der 1. Juli. Der Börsenkurs liegt bei 101 %.

Schritt 1: Erwerb der Anleihe

Seit dem letzten Kupontermin sind neun Monate vergangen. Die Stückzinsen betragen daher:

100.000 EUR × 4 % × 9/12 = 3.000 EUR

Der gesamte Kaufpreis setzt sich wie folgt zusammen:

Position

Betrag

Kurswert der Anleihe101.000 EUR
Stückzinsen3.000 EUR
Gesamtzahlung104.000 EUR

Die Buchung lautet:

Konto

Betrag

Wertpapiere101.000 EUR
Zinsabgrenzung3.000 EUR
an Bank104.000 EUR

Schritt 2: Kuponzahlung am 1. Juli

Zum Zinstermin erhält die GmbH den gesamten Jahreszins in Höhe von 4.000 EUR. Davon entfallen:

  • 3.000 EUR auf die beim Kauf aktivierte Stückzinsenforderung,
  • 1.000 EUR auf den eigenen Zinsertrag für die Besitzzeit von April bis Juli. 

Nur dieser Betrag von 1.000 EUR stellt einen Ertrag des laufenden Geschäftsjahres dar.

Schritt 3: Bilanzstichtag 31. Dezember

Nach dem Kupontermin beginnt eine neue Zinsperiode. Bis zum Bilanzstichtag sind bereits 6 Monate vergangen. Die periodengerecht abzugrenzenden Zinsen betragen deshalb:

100.000 EUR × 4 % × 6/12 = 2.000 EUR

Die Buchung lautet:

Konto

Betrag

Zinsabgrenzung2.000 EUR
an Zinserträge2.000 EUR

Im Geschäftsjahr ergibt sich damit insgesamt ein Zinsertrag von:

  • 1.000 EUR aus der Besitzzeit April bis Juli sowie
  • 2.000 EUR aus der Zinsabgrenzung zum Bilanzstichtag. 

Der handels- und steuerrechtlich zutreffende Zinsertrag beträgt somit 3.000 EUR.

Empfehlung für die Praxis

Bei der Verbuchung von Anleihen sollten Kurswert und Stückzinsen stets getrennt betrachtet werden. Stückzinsen gehören weder handels- noch steuerrechtlich zu den Anschaffungskosten der Anleihe. Ebenso wenig sind sie Bestandteil eines späteren Veräußerungsgewinns.

Darüber hinaus sollte zum Bilanzstichtag geprüft werden, ob noch nicht fällige Zinsen periodengerecht abzugrenzen sind. Gerade diese laufende Zinsabgrenzung wird in der Praxis häufig übersehen und führt zu einer unzutreffenden Erfolgsermittlung.

Fazit

Die Bilanzierung von Stückzinsen folgt einem einfachen Grundgedanken: Der Erwerber einer Anleihe kauft nicht nur das Wertpapier, sondern vergütet zugleich den bereits entstandenen Zinsanspruch des Verkäufers. Deshalb sind Stückzinsen als eigenständige Forderung zu behandeln und nicht Bestandteil der Anschaffungskosten.

Zusammen mit der laufenden Zinsabgrenzung zum Bilanzstichtag sorgt diese Vorgehensweise dafür, dass Zinserträge sowohl handels- als auch steuerrechtlich periodengerecht erfasst werden. Gerade bei betrieblichen Wertpapierdepots gehört die zutreffende Behandlung von Stückzinsen deshalb zu den grundlegenden Anforderungen einer ordnungsgemäßen Wertpapierbuchhaltung.

Autor: Dr. Rolf Müller ist Rechtsanwalt, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Gründer der fintegra-Unternehmensgruppe. fintegra ist spezialisiert auf die handels- und steuerrechtliche Verarbeitung von Vermögenssachverhalten. Weitere Informationen zu fintegra und WAVE (Wertpapiere Automatisiert VErarbeiten) finden Sie unter www.fintegra.de

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