Personalentwicklung

Warum sich L&D mehr auf Midlife Professionals konzentrieren sollte


Kollegen reden über ein Projekt

Erfahren, leistungsstark und trotzdem übersehen: Mitarbeitende zwischen 40 und 60 Jahren tragen einen Großteil der Wertschöpfung in Unternehmen – werden in der Personalentwicklung aber systematisch vernachlässigt. Ein Blick auf eine längst überfällige Entwicklungszielgruppe.

Wer in Unternehmen über Entwicklung spricht, meint oft nicht alle. Gemeint sind High Potentials, Nachwuchsführungskräfte, Future Leaders. Die Gruppe der 40- bis 60-Jährigen bleibt dagegen in vielen Unternehmen erstaunlich unsichtbar – obwohl sie einen großen Teil der Wertschöpfung trägt: fachlich stark, sozial kompetent, oft führungsverantwortlich und in mehreren Rollen gleichzeitig gefordert. Das ist nicht nur wenig wertschätzend. Es ist ein strategischer Fehler.

Weiterbildungsquote bei Jüngeren höher

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Fast ein Viertel der Erwerbstätigen war 2024 Destatis zufolge zwischen 55 und 64 Jahre alt. Die Weiterbildungsquote lag 2024 bei Erwerbstätigen insgesamt bei nur 5,8 Prozent. Laut Adult Education Survey (AES) nahm 2022 unter den 55- bis 64-Jährigen jede oder jeder Zweite an einer Weiterbildung teil – in jüngeren Altersgruppen lagen die Quoten höher. Dennoch ist die Beteiligung Älterer langfristig gestiegen. Das spricht nicht gegen Lernbereitschaft, sondern dafür, dass Angebot und Lebensrealität oft nicht zusammenpassen. 44 Prozent der Erwachsenen äußerten im AES den Wunsch nach mehr Information und Beratung zu Weiterbildungsangeboten.

Laut Gallup Engagement Index Deutschland 2025 sind nur zehn Prozent der Beschäftigten emotional stark ans Unternehmen gebunden, 77 Prozent wenig gebunden und 13 Prozent ohne emotionale Bindung. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt zudem: Multigenerationale Belegschaften steigern die Produktivität, senken Rekrutierungs- und Abwesenheitskosten und profitieren von sich ergänzenden Perspektiven. In Unternehmen mit höherem Anteil älterer Beschäftigter ist die Fluktuation nachweislich geringer.

Wer die tragende Mitte der Belegschaft nicht entwickelt, riskiert also nicht nur Stillstand, sondern auch, dass erfahrene Beschäftigte innerlich auf Abstand gehen. Diese Zielgruppe zu fördern ist kein Sozialthema – sondern Fachkräftesicherung, Retention und Wissenstransfer zugleich.

Der unterschätzte KI-Vorteil erfahrener Mitarbeitender

Auch beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) lohnt sich ein zweiter Blick. Viele Unternehmen sehen erfahrene Mitarbeitende vor allem als Gruppe, die bei digitalen Tools hinterherhinkt. Das ist nicht falsch – aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Forschung zu algorithmusgestützter Arbeit, wie etwa von Choudhury et al. von der Harvard Business School, zeigt: Langjährige berufliche Erfahrung hilft, Vorschläge von KI besser einzuordnen, Fehler zu erkennen und Kontextwissen einzubringen. KI ist stark in Mustererkennung und Geschwindigkeit – nicht jedoch in implizitem Erfahrungswissen, organisationalem Kontext oder normativen Abwägungen. Genau dort liegt die Stärke von Midlife Professionals. Auch Lu et al. zeigen im Harvard Business Review (2026): KI entfaltet ihren größten Kreativitäts- und Produktivitätsboost dort, wo sie auf kritisches Denken und gewachsene Urteilskraft trifft.

Die eigentliche Zukunftsfrage lautet daher nicht nur: Sind Midlife Professionals fit genug für KI? Sondern: Verstehen Unternehmen, dass KI ihren größten Nutzen dort entfaltet, wo sie auf Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein trifft? Was das für die Praxis bedeutet und wie L&D Midlife Professionals gezielt weiterentwickeln kann, lässt sich anhand von fünf konkreten Maßnahmen zeigen.

Fünf Maßnahmen, um Midlife Professionals zu entwickeln

  1. Midlife als Entwicklungsphase verstehen – nicht als Altersgruppe: Die Lebensmitte ist kein homogener Block, aber eine Phase mit typischen Verdichtungen. Unternehmen sollten sie als legitimen Anlass für strukturierte Entwicklungsgespräche anerkennen – ähnlich wie den Berufsstart, eine Führungsübernahme oder den Wiedereinstieg.
  2. Midlife Reviews fest verankern: Ein Midlife Review ist kein Kuschelgespräch, sondern ein strategisches Format. Es verbindet Karriere, Gesundheit, Lernbedarf, private Belastung, Perspektivklärung und mögliche Rollenwechsel. Nicht jeder Entwicklungsschritt muss nach oben führen – manchmal führt er in eine Expertenbahn, einen lateralen Wechsel oder eine Mentoring-Rolle, die dem Unternehmen mehr bringt, als an alten Laufbahnen festzuhalten.
  3. Lernangebote an reale Barrieren anpassen: Wenn Befragte im Adult Education Survey angeben, warum sie nicht an Weiterbildungen teilnehmen, dominieren situative Gründe: berufliche Termine, familiäre Verpflichtungen, fehlende Passung. Wenn Zeitmangel die Hauptbarriere ist, hilft es nicht, an die Eigenverantwortung zu appellieren. Gefragt sind kürzere Formate, modulare Lernreisen und Angebote, die sich in den Arbeitsalltag integrieren lassen.
  4. KI-Lernen mit Erfahrung koppeln: AI-Upskilling für Midlife Professionals sollte nicht wie Nachhilfeunterricht aussehen. Wirksamer sind Formate, die Erfahrung systematisch nutzen: entlang realer Business Cases zu prompten, Risiken und Verantwortlichkeit zu reflektieren und KI gezielt dort einzusetzen, wo sie Routinearbeit abnimmt.
  5. Wissenstransfer und interne Mobilität zusammendenken: Erfahrungswissen wandert nicht automatisch von Alt zu Jung. Dafür braucht es Tandems, Reverse Mentoring, generationsübergreifende Projektarbeit und sichtbare Perspektiven für Menschen, die sich fachlich oder lateral weiterentwickeln wollen.

Midlife Professionals: Wie ein wirksames Weiterbildungsprogramm aussehen kann

Ein gutes Midlife-Programm muss weder riesig noch teuer sein – aber es sollte anders gebaut sein als ein klassisches Standardprogramm. Bewährt haben sich drei Bausteine: ein Standortgespräch oder Self-Assessment zu Rolle, Energie, Gesundheit, Lernbedarf, KI-Kompetenz und Zukunftsperspektive; eine modulare Lernreise über mehrere Wochen mit Themen zu Selbstführung, AI- und Future Skills, Gesundheit, interner Mobilität und Wissenstransfer; sowie ein Peer-Format für ehrlichen Austausch über reale Spannungen – Verantwortung und Erschöpfung, Wirksamkeit und Grenzen, Loyalität und Veränderungswunsch.

Solche Formate dürfen nicht als weiches Zusatzangebot laufen. Sie müssen an strategische Fragen angeschlossen sein: Führungspipeline, Fachkräftesicherung, Nachfolge, interne Mobilität, Wissenserhalt, gesundes Arbeiten. Dann werden sie nicht zum Nice-to-have, sondern zu einem Instrument unternehmerischer Resilienz.

Midlife Professionals sind nicht die Belegschaft von gestern. Sie sind ein wesentlicher Teil der Leistungsfähigkeit von heute und der Übergangskompetenz von morgen. Die unbequeme Wahrheit lautet: Viele Unternehmen investieren lieber in neues Potenzial als in die Substanz, die sie längst haben. Wer sie nur verwaltet, verliert. Wer sie entwickelt, gewinnt Erfahrung, Stabilität, Urteilskraft und Wirksamkeit.

 

Das könnte Sie zum Thema Personalentwicklung auch interessieren:

Kolumne Wirtschaftspsychologie: Altersdiskriminierung im Berufsalltag – zu jung, zu alt, zu Unrecht

Wie ältere Beschäftigte leistungsfähig und motiviert bleiben

Gender AI Gap: Männer nutzen KI häufiger als Frauen

 


0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion