Der Kuchen ist verteilt. Was ich nehme, fehlt dir. Im Fußball ist es dasselbe: Einer verliert, damit der andere gewinnt.
Manchmal stimmt dieses Bild. Öl, Wasser, Boden, die Zeit eines Tages – echte Knappheit. Was der eine verbraucht, steht dem anderen nicht mehr zur Verfügung. Hier ist das Denken angemessen.
Das Problem beginnt, wenn wir dieses Muster auf Bereiche übertragen, in denen es nicht gilt. Und das tun wir ständig.
Wo Nullsummendenken schadet: Geld, Liebe, Anerkennung
Nehmen wir Geld. Wer lernt, klüger wird, gute Ideen hat und ein Unternehmen nach vorne bringt, zieht Geld in seine Richtung. Er nimmt es niemandem weg – er erschafft neuen Wert. Der Kuchen wird größer. Wer auf Nullsumme trainiert ist, sieht das nicht. Er glaubt, der Erfolgreiche habe ihm etwas gestohlen. Und wird neidisch statt schöpferisch.
Noch deutlicher wird es im Emotionalen. "Es gibt nicht genug Liebe." "Es gibt nicht genug Anerkennung." "Es gibt nicht genug Wertschätzung." Drei Sätze, drei Irrtümer. Liebe wird nicht weniger, wenn ich sie gebe – sie wächst. Wer ein zweites Kind bekommt, halbiert seine Liebe nicht. Anerkennung, die ich einem anderen schenke, fehlt mir danach nicht. Im Gegenteil: Sie vermehrt sich genau dadurch, dass ich sie gebe. Dasselbe gilt für Respekt, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Wissen. Geteiltes Wissen verdoppelt sich – es halbiert sich nicht.
Neid, Kleinmachen, Spaltung: die Folgen im Alltag
Und jetzt der unbequeme Teil. Wann immer du einen anderen angreifst, abwertest oder ihm seinen Erfolg neidest, handelst du aus Nullsummendenken. Du glaubst unbewusst: Sein Glück, seine Anerkennung, sein Erfolg nimmt dir etwas weg. Also musst du ihn kleinmachen, um selbst größer zu wirken. Ein Trugschluss. Sein Gewinn ist nicht dein Verlust. Wer das begreift, hört auf anzugreifen. Er kann dem Erfolg des anderen sogar die Tür aufhalten.
Im Unternehmen wird die Folge sichtbar: Abteilungen kämpfen um Budget, Status und Aufmerksamkeit, als gäbe es davon eine feste, kleine Menge. Sie verteilen einen Kuchen, statt ihn gemeinsam größer zu machen. Kultur entsteht nicht durchs Verteilen. Sie entsteht durchs Schöpfen.
Und gesellschaftlich? Ein großer Teil von Neid, Empörung und Spaltung speist sich aus derselben Quelle: der Überzeugung, das Gute sei knapp – und wenn es bei den anderen ist, bleibe für mich nichts. Ein Denkfehler mit gewaltiger Wirkung.
Den Denkfehler erkennen – und den Kuchen vergrößern
Die Regel ist einfach. Immer wenn du denkst "Davon gibt es nicht genug", halte kurz inne und prüfe: Stimmt das wirklich? Bei Öl und Wasser – ja. Bei Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Geld, Ideen und Chancen – fast nie. Das Gefühl des Mangels ist meist eine Projektion, kein Fakt.
Das enge Nullsummendenken ist eines der größten Hindernisse unserer Zeit. Es macht neidisch, es macht klein, es lässt uns verteidigen statt gestalten. Wer es durchschaut, hört auf, den Kuchen zu bewachen – und fängt an, ihn größer zu machen.
Und jetzt meine Frage an dich: Wo in deinem Leben kämpfst du gerade um etwas, von dem es in Wahrheit mehr als genug gibt?
Über den Kolumnisten: Boris Grundl ist Führungskräftetrainer und gilt bei Managern und Managerinnen sowie Medien als "Der Menschenentwickler" (Süddeutsche Zeitung). Er ist Inhaber des Grundl Leadership Instituts , das Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Dafür erforscht, testet und lehrt das Institut hochwertige, praxisrelevante Unterscheidungen – als Voraussetzung für Wahrnehmung und Erkenntnis.