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Eine Urkunde für die besten Arbeitgeber ist inzwischen nicht mehr viel wert - dafür gibt es zu viele Arbeitgebersiegel, meint Kolumnist Henner Knabenreich. Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Wissen Sie noch, welche Arbeitgebersiegel es alles gibt und welche Ihr eigenes Unternehmen trägt? Der Trend zu den Auszeichnungen ist wohl langsam ausgereizt. Unser Kolumnist Henner Knabenreich empfiehlt jedenfalls, stark über die nötige Investition in ein Siegel nachzudenken.

Wer gute Personalarbeit macht, sollte darüber reden. Wobei das heute nicht mehr Personalarbeit heißt, sondern "People & Culture". Wie wir wissen, tut sich HR im Allgemeinen damit schwer, über sich zu sprechen, lieber pflegt man das Image der ungeliebten grauen Maus, anstatt aufzubegehren und für Sichtbarkeit zu sorgen. Klar, es gibt Ausnahmen, die finden sich dann beispielsweise als "Employer Brand Manager of the Year" wieder oder schreiben Blogs.

Arbeitgebersiegel: Für alles eine Auszeichnung

Insofern ist es doch gut, dass es findige Anbieter gibt, die das den Damen und Herren in den People & Culture Departments abnehmen. Indem sie Auszeichnungen kreieren, wie beispielsweise „Top Employer“, „Great Place to Work“, „Top Arbeitgeber“, „Arbeitgeber mit Herz“ oder auch „fahrradfreundlichster Arbeitgeber“. Von Absolventen- und sonstigen Barometern ganz zu schweigen. Allein der „zert-o-mat“, eine Plattform, die eine Übersicht der wichtigsten Arbeitgebersiegel darstellt, listet aktuell 56 dieser blumigen Auszeichnungen auf.

Während man für einige dieser Siegel wirklich was tun und jede Menge Daten für den Audit zusammentragen muss, reicht es bei anderen aus, den Geldbeutel möglichst weit aufzumachen, um sich mit einer bunten Plakette zu schmücken. Weiterer Anstrengungen braucht es nicht. Damit profitieren dann auch Unternehmen davon, die sonst nie in den Genuss einer solchen Auszeichnung kämen. Sei es aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen oder weil sie einfach niemand wahrnimmt. 

Urkunden über Urkunden für Arbeitgeber

Und so überbieten sich die Unternehmen derzeit beim Aussenden von Pressemitteilungen, dass sie „Deutschlands bester Arbeitgeber“ seien. Über 1.400 gibt es, die "Focus" identifiziert hat. Wie sich die Daten zusammensetzen, ist nicht nachvollziehbar. Und spätestens wenn man einen Blick auf das Kleingedruckte der Urkunde wirft, weiß man über die Qualität dieser Auszeichnung Bescheid: „Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ.“, heißt es da. Trotzdem werben die Unternehmen mit dieser fragwürdigen Auszeichnung.  Ob sie sich letzten Endes vielleicht sogar damit schaden, das fragt sich keiner.

Neues Arbeitgebersiegel von "Zeit"

Wer nun dachte, das würde dem Arbeitgeber-Ranking-Wahnsinn die Krone aufsetzen, irrt. Denn seit Kurzem geistert eine weitere Auszeichnung durch die E-Mail-Postfächer der Unternehmen. Geworben wird da für „die umfassendste Beleuchtung von Arbeitgeberqualitäten in Deutschland“ – quasi eine Meta-Auszeichnung für erhaltene Arbeitgebersiegel. Ausgerechnet die "Zeit", die sich vor einigen Jahren selber kritisch zu diesen Siegeln äußerte, ist Medienpartner dieses Vorhabens.

„Leading Employers 2018“, so heißt es, werde „exklusiv an die oberen 1 Prozent aller Arbeitgeber in Deutschland vergeben“. Um zu den Ergebnissen zu gelangen, „fließen neben der Berücksichtigung von Mitarbeiterangeboten und Mitarbeiterzufriedenheit weitere bedeutende Ebenen ein, welche deutlich über die gängigen Standards von Employer-Branding-Maßnahmen hinausgehen“, so das blumige Versprechen. Über fünf Millionen Datensätze werden laut Anbieterangaben für dieses Ranking ausgewertet. 

Kosten für das Werben mit dem Siegel

Dass es mit der Qualität nicht weit her sein dürfte, liegt auf der Hand: Wie sollen Daten, deren Herkunft fragwürdig und nicht repräsentativ ist, auf einmal aussagekräftig sein? Gegen die Auszeichnung als „Mega-Arbeitgeber“ kann man sich analog dem Focus-Siegel nicht wehren, wer jemals in irgendeinem Ranking aufgetaucht ist, landet im Topf. 125 Unternehmen haben es aufs Siegertreppchen geschafft. Ganz schön eng da oben. Werben dürfen die Unternehmen mit der Auszeichnung natürlich nur, wenn sie bereit sind, für eine Jahreslizenz tief in die Tasche zu greifen. 

Bewerber überzeugen: Mehr Fakten, weniger bunte Siegel

Unternehmen tun gut daran, diesen Siegelwahnsinn zu ignorieren. Der Betrag lässt sich definitiv besser investieren. Und wer meint, ein guter Arbeitgeber zu sein, sollte es einfach mal da kommunizieren, wo die Zielgruppe erreicht wird: In Stellenanzeigen und auf Karriere-Websites. Das aber nicht mit bunten Siegeln, sondern mit nachvollziehbaren Fakten und Einblicken in den prallen Unternehmensalltag. Während so ein Siegel schnell gekauft ist, tun sich viele Arbeitgeber hier hingegen schwer. Womit wir wieder am Anfang der Geschichte wären.


Henner Knabenreich ist Geschäftsführer der Knabenreich Consult GmbH. Er berät Unternehmen bei der Optimierung ihres Arbeitgeberauftritts. Zudem ist er Initiator von www.personalblogger.net und betreibt den Blog personalmarketing2null.de.

Schlagworte zum Thema:  Recruiting, Employer Branding, Arbeitgeberattraktivität, Rekrutierung, Personalmarketing

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