"Mit Angabe Ihrer Gehaltsvorstellung" heißt es oft in Jobanzeigen. Sprich: Der Bewerber soll in der Gehaltsverhandlung in Vorlage gehen. Das scheint jedoch nicht zeitgemäß, wenn man bedenkt, wie händeringend Fachkräfte gesucht sind. Unser Kolumnist plädiert für mehr Gehaltstransparenz im Recruiting.

Als ich heute Morgen auf dem Weg ins Büro an einem Kiosk vorbei ging, nahm ich aus den Augenwinkeln die aktuelle Titelseite der Bild-Zeitung wahr: "Was die Deutschen wirklich verdienen!" schrie es mir entgegen. Spannend, dachte ich mir, schafft es das neue Entgelttransparenzgesetz also sogar auf die Titelseite der meistgelesenen Zeitung Deutschlands. 

Wobei es in dem Artikel gar nicht darum ging. Obwohl man sich eigentlich schon fragen kann, warum es eigentlich eines Gesetzes bedarf, um Gehaltstransparenz sicherzustellen, wenn dieses Gesetz gar nicht dazu führt.

Bewerber muss Gehaltsfrage beantworten

Warum wird aus dem Thema Gehalt hier in Deutschland so ein Bohei gemacht? Warum ist die Angabe von Gehältern immer noch ein Tabu-Thema in Stellenanzeigen? Der Bewerber ist es, der den Striptease vollführen und sich gegenüber dem Personaler offenbaren muss. Entweder er fliegt aufgrund seiner Gehaltsvorstellung gleich aus dem Rennen oder aber der Personaler lacht sich ins Fäustchen, weil sich ein Dummbatz wieder unter Wert verkauft hat. Welche Folgen das auf die Arbeitsmoral und in Konsequenz für den Betriebsfrieden hat, muss ich an dieser Stelle nicht ausführen.

Vergütung ist essenzielles Personalmarketing-Thema

Vielmehr möchte ich darauf eingehen, welchen Einfluss die Gehaltsangabe aufs Personalmarketing hat - beziehungsweise auf das, was gerne als "Fachkräftemangel" deklariert wird. Letztlich beruht dieser so genannte Fachkräftemangel ja auch auf mangelhafter Arbeitsplatz-Bewerbung (ja, nicht nur Produkte müssen beworben werden, auch der Arbeitsplatz oder das Unternehmen als Arbeitgeber selbst) sowie mangelnder Bewerber- respektive Mitarbeiterwertschätzung und damit eingeschlossenen intransparenten (oder unzureichend gezahlten) Gehältern. 

Klar, Geld ist nicht alles. Zum Glück. Aber schaut man sich so diverse Umfragen und Studien an – egal unter welcher Zielgruppe auch erhoben – fragt man Mitarbeiter oder Bewerber, was für sie bei einem neuen Job oder der Ausbildung wichtig ist, taucht da ziemlich weit vorne immer wieder das Gehalt auf. Ein Bedürfnis also, dem man in der Arbeitgeber-Kommunikation unbedingt Rechnung tragen sollte.

Nun ist es in Deutschland so, dass man über Gehalt nicht spricht. Wie oben schon erwähnt, hängt die Höhe des Gehalts davon ab, wie gut man sich verkauft oder wie gut man verhandeln kann. Die wenigsten Arbeitgeber zahlen das, was die Mitarbeiter wirklich verdienen wollen. Klar, der Gewinn und die eigenen Pfründe gehen vor. So ist das nun mal in unserem System. Dennoch: Wer hier mit Transparenz glänzt, kann bei den Kandidaten punkten und sammelt auf einmal Bewerbungen ein, wo es vorher keine gab.

Beispiel: Vorwerker Diakonie und Lidl werben mit Gehalt 

So freute sich zum Beispiel die Vorwerker Diakonie, die monatelang über klassische Stellenausschreibungen keine einzige Bewerbung generieren konnte, nach Offenlegung des Gehalts und entsprechenden Personalmarketing-Maßnahmen in kürzester Zeit über besetzte Stellen. Lidl Schweiz konnte mehr als doppelt so viele Bewerbungen verzeichnen, als es mit der freiwilligen Einführung des damals gesetzlich geforderten Mindestlohns von 4.000 Franken warb.

Mehr Bewerbungen durch Gehaltstransparenz

Logisch, denn hier wird wunderbar auf die Bewerberbedürfnisse eingegangen. Und das ist nun mal der Wunsch nach Gehaltstransparenz. Gemäß einer Umfrage sagen sogar 79 Prozent der Befragten, dass eine Angabe der Gehaltshöhe in Stellenanzeigen verpflichtend sein sollte. Und Hand aufs Herz, wollen Sie nicht auch wissen, was Sie in Ihrem zukünftigen Job verdienen? Dass sich diese Gehaltstransparenz auszahlt, bestätigt auch Marius Luther von Hey Jobs: Bis zu 40 Prozent mehr Bewerbungen entfallen auf der Job-App auf die Stellenanzeigen mit Gehaltsangabe. Selbst Unternehmen, die nur Mindestlohn zahlen, generieren mehr Bewerbungen. 

Logisch, die Angabe alleine ist ein Vertrauensbeweis und offenbart Transparenz. Und so was kommt an beim Bewerber. Wer will schon die Katze im Sack kaufen? Sagte sich auch Google und so werden bei Google Jobs (der Jobsuchmaschine in der Suchmaschine) die Stellenanzeigen bevorzugt ausgespielt, die über eine Gehaltsangabe verfügen.

Fazit: Wer mit Gehaltstransparenz glänzt, punktet beim Bewerber und hat dem Wettbewerb gegenüber die Nase vorn. Und wenn Frauen und Männer für die gleiche Tätigkeit auch gleich entlohnt würden, bräuchten wir auch kein solches Gesetz.


Henner Knabenreich ist Geschäftsführer der Knabenreich Consult GmbH. Er berät Unternehmen bei der Optimierung ihres Arbeitgeberauftritts. Zudem ist er Initiator von www.personalblogger.net und betreibt den Blog personalmarketing2null.de.

Schlagworte zum Thema:  Personalmarketing, Recruiting, Vergütung