Die "Duz-Kultur" ist in den Unternehmen angesagt. Entsprechend zieht sich das "Du" auch durch Stellenanzeigen und Karriereseiten. Allerdings herrscht oft ein Gap zwischen nettem Werbeslogan und der Recruiting- sowie Unternehmenskultur, hat unser Kolumnist Henner Knabenreich beobachtet.

Kennen Sie das? Sie informieren sich über aktuelle Jobs und plötzlich werden Sie per „Du“ angesprochen: „Willkommen, Du passt zu uns“, heißt es etwa bei der Deutschen Bahn. Auch Unternehmen wie McDonalds, Sky oder Payback biedern sich auf diese Weise beim Bewerber an. 

Duz-Kultur ist in deutscher Arbeitswelt angekommen

Aber warum auch nicht? Schließlich ist laut einer Studie das bedingungslose „Sie“ nur noch in drei Prozent der Unternehmen an der Tagesordnung. 63 Prozent der Befragten sind mit einigen Kollegen per "Du", während in der Führungsetage das „Sie“ zum guten Ton gehört. Der Rest duzt sich ungeniert. Und das hierarchieübergreifend. „Das Du“, so einer der Studienmacher, sei „ein Ausdruck der Revolution, die gerade in der deutschen Wirtschaft stattfindet“.

Ansprache in Stellenanzeigen und Karriereseiten jetzt per Du

Da ist es also nur konsequent, dass in Stellenanzeigen und auf Karriereseiten jetzt geduzt wird und die Bahn in bester Gesellschaft. Geduzt wird dann auch jeder. Vom Azubi bis zur gehobenen Führungskraft. Allerdings zieht sich diese Ansprache bei der Bahn nicht bis zu den Bewerbungsgesprächen durch.

Die Bahn ist bei Weitem kein Einzelfall. Auch bei anderen Unternehmen wird der Bewerber gnadenlos geduzt – ob ihm das gefällt, oder nicht. Ob ihm die Inkonsequenz gefällt, die da an den Tag gelegt wird, ist allerdings eine andere Sache. Denn während es in der Stellenanzeige dann beispielsweis „Bist du bereit für eine Zukunft, die dank neuer, digitaler Technologien so aufregend sein wird wie nie?“ heißt, wird man bei der Bewerbung durch den Satz „Willkommen. Sie sind nicht angemeldet.“ nebst Instruktionen in „Sie“-Form gleich in die graue Unternehmensrealität zurückgeholt.

Recruiter doch nur halbherzig bei der Duz-Kultur

Während man auf der Karriere-Startseite noch „per Du“ und launigen Botschaften wie „Für dich ist ein Trojaner auch kein Pferd“ oder „Für dich ist Citrix auch keine Zitrone“ angelockt wird, geben einem spätestens die Stellenanzeigen zu verstehen, dass man es mit dem „Du“ doch nicht so ernst meint. „Ihr Herz schlägt digital?“ wird dann auf einmal doch auf die förmliche Ansprache umgeschwenkt. Bei McDonalds heißt es zwar „Mach Deinen Weg“ und „Arbeiten wie Du bist“, aber auch hier schafft es dieser kumpelhafte Ton dann doch nicht bis in den Bewerbungsprozess.

Das mag an sich ja so schlimm gar nicht sein, schließlich findet es nämlich mehr als ein Drittel der Jobsuchenden überhaupt nicht prickelnd, wenn sie mir nichts, dir nichts geduzt werden. Lediglich 26,2 Prozent der Befragten in einer Umfrage von Careerbuilder finden das gut und empfinden das sogar als Zeichen für eine positive Unternehmenskultur. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: 38,6 Prozent ist die Art der Ansprache nämlich egal und sie bewerben sich so oder so.

Das Du muss zur Unternehmenskultur passen

Man kann davon halten, was man will. Letztendlich sollte die Ansprache aber immer zum Unternehmen und dessen Kultur passen. Ist das „Du“ im Unternehmen gang und gäbe, spricht nichts dagegen, das auch nach außen zu kommunizieren. Wer sich damit schwer tut, passt eben nicht. Basta. Bewerber aber mit einem „Du“ zu ködern und diese Ansprache im weiteren Bewerbungsprozess nicht fortzusetzen, indes wirkt wenig glaubwürdig. 

Ergo: Wer seinen Bewerber auf Karriere-Website und in Stellenanzeigen duzt, sollte das auch konsequent durchziehen: Das beginnt also bei Ihrer E-Recruiting-Software – es ist in der Regel (und bei kooperierenden Anbietern) ein Leichtes, die hinterlegten Texte anzupassen und aus dem „Sie“ ein „Du“ zu machen, geht über die Bewerberkorrespondenz und bis hin zum persönlichen (Vorstellungs-)Gespräch. 

Siez-Kultur im Unternehmen nach Außen nicht verschleiern

Nichtsdestotrotz: Wenn im Unternehmen eine eindeutige „Siez-Kultur“ vorherrscht, sollte die Bewerberansprache auch beim „Sie“ bleiben.“ Alles andere dürfte eher verwirren: Sowohl die Bewerber, als auch die eigenen Mitarbeiter, die sich über die lockere Ansprache auf der Karriere-Website oder in den Stellenanzeigen wundern. Insbesondere dann, wenn diese Ansprache irgendwie so gar nicht dem üblichen Umgangston entspricht. Und frisch eingestellte Bewerber oder auch Kandidaten im Vorstellungsgespräch erleben möglicherweise einen Praxisschock, wenn sich das „Du“ in der Stellenanzeige plötzlich in ein „Sie“ verwandelt.


Henner Knabenreich ist Geschäftsführer der Knabenreich Consult GmbH. Er berät Unternehmen bei der Optimierung ihres Arbeitgeberauftritts. Zudem ist er Initiator von www.personalblogger.net und betreibt den Blog personalmarketing2null.de.