Stadtplanung: Höchste Zeit für multifunktionale Innenstädte

Die Innenstädte wurden über Jahre monofunktional überformt, der Einzelhandel dominiert – und leidet nicht erst seit der Krise. Die Fußgängerzonen drohen zu veröden, die Angebote aus dem Netz haben die Nase vorn. Höchste Zeit für neue Ansätze in der Stadtplanung, mahnen jetzt sogar Onlinehändler an.

Die Frage, wie die Innenstädte aussehen müssten oder könnten, um überlebensfähig zu sein, steht nicht erst seit Corona und den Lockdowns im Raum. Die Problematik der uniformen Ausrichtung vieler Einkaufsstraßen und Stadtzentren ist seit Jahren Thema, schon lange bevor der Onlinehandel boomte. Das Internet hat längst die Nase vorn.

Erst wurden kleinere Geschäfte aus den Innenstädten verdrängt, weil sie gegenüber großen Filialisten und dem Onlinehandel nicht mehr wettbewerbsfähig waren, mit dem Sterben großer Warenhäuser ging es weiter. Der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof ist wohl das prominenteste Beispiel aus jüngster Zeit. Die Otto Group – Deutschlands zweitgrößter Onlinehändler – setzt auf grundsätzliche strukturelle Veränderungen. 

Otto Group: Innenstädte neu denken

"Innenstädte werden keine Orte bleiben können, wo man vor allem einkaufen kann", sagt Marcus Ackermann, Multichannel-Distanzhandel-Vorstand bei der Otto Group. Er sieht die Lösung in neuen Ansätzen bei der Stadtplanung, um zum Beispiel mehr Wohnungen, Kinos, mehr Kulturangebote und mehr Restaurants anzusiedeln. Michael Otto, Aufsichtsratschef des Konzerns, hatte zuletzt von einer italienischen Piazza für das Beispiel Hamburg gesprochen, "weil es eigentlich das ist, was wir alle toll finden. Da trifft man Menschen, redet, trinkt Cappuccino."

Ackermann spricht von interessanten, spannenden Innenstädten, "wo man etwas erleben kann und es eben nicht überall gleich aussieht." Dies sei früher gerade die Stärke von Warenhäusern gewesen: An einem Ort ein großes Sortiment anzubieten. Doch das können Onlinehändler mittlerweile genauso. "Ich käme schon lange nicht mehr auf die Idee, in die Stadt zu fahren, um mir beispielsweise einen Kochlöffel zu kaufen", so Ackermann. Das erledige er in maximal 30 Sekunden über das Handy.

Für reine Bedarfskäufe sei der Onlinehandel dem stationären Handel weit überlegen. Für die Geschäfte in den Innenstädten komme es daher auch darauf an, den Kunden nicht nur Ware, sondern auch Unterhaltung zu bieten. Man müsse sich auch die Frage stellen, wie die nun leerstehenden Verkaufsflächen – wegen der Corona-Pandemie dürften weitere Geschäfte schließen – in Zukunft genutzt werden. Der Handel war nicht immer in den Innenstädten. Ackermann geht davon aus, dass künftig viele Flächen anders genutzt werden, etwa auch als Wohnraum, "und dort wahrscheinlich kein Einzelhandel mehr stattfindet."

Altmeier: "Kultur und Wirtschaft in den Innenstädten digital verzahnen"

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will den Handel und die Kommunen mit einem Hilfsprogramm zu unterstützen, damit die Innenstädte trotz Online-Boom wieder attraktiver werden: "Das wird dann auch bedeuten, dass die Geschäfte stärker an der Digitalisierung teilhaben und wir Kultur und Wirtschaft noch mehr miteinander verzahnen", so Altmeier. Wolle man interessante Angebote jenseits vom Shopping in die Innenstädte holen, sei das ohne öffentliche Unterstützung nicht machbar.

Gerade kleine und mittelständische Einzelhändler sind zuletzt noch einmal enorm unter Druck geraten. "Da sind zum einen die Einkaufszentren auf der grünen Wiese, zum anderen die Digitalisierung und die großen Internetplattformen, die jetzt durch den Lockdown noch einmal die Chance haben, ihr Geschäftsmodell auszuweiten", sagt Altmeier.

Auch nach der Corona-Krise: Der Onlinehandel wird weiter florieren

Mit dem boomenden Onlinehandel boomt die Lieferlogistik – das werde auch nach der Corona-Krise noch so sein, prognostiziert der Immobilienberater Arcadis. Anbieter und Marktplätze profilieren sich bereits jetzt durch eine immer schnellere und punktgenauere Zustellung. Es wird jetzt schon eng mit den Lagerkapazitäten in den Städten und im Umland. Auch damit werden sich Stadtplaner und Immobilienentwickler in Zukunft vermehrt auseinandersetzen müssen.

"Wenn die Metropolen ihre innerstädtische Logistik jetzt nicht regulieren, hat das langfristige Folgen für ihre Klimabilanz", warnt Marcus Herrmann, CEO Europe Central bei Arcadis. Dann könnten sie auch die Chance verpassen, die gesamte City-Mobilität nachhaltig und zukunftsfähig aufzustellen. Am effektivsten für eine klimaschonende Städtelogistik ist aus Sicht des Arcadis-Experten eine urbane Logistik, die von einer eigens gegründeten städtischen Logistikgesellschaft gesteuert wird. "Die Paketdienste liefern die Waren nur noch an zentrale Abholungsstationen an den Stadtgrenzen."

Erste Ansätze zur Konsolidierung der Paketfluten gibt es Arcadis zufolge bereits in einigen Städten. So sammelt die Logistikgesellschaft Incharge in Düsseldorf Warenströme der verschiedenen Paketdienstleister an einem zentralen Lager im Gewerbegebiet "Düsseldorf-Hafen" und transportiert sie auf der "letzten Meile" in der City aus. In Stuttgart sind zentrale Anlieferungshubs im neu entwickelten "Rosensteinviertel" geplant, die in Randzeiten von den Logistikdienstleistern angefahren werden sollen. Und Köln hat eine "geräuscharme Logistik" mit Elektrofahrzeugen in den Abendstunden ausprobiert. Aus Sicht von Arcadis müssen die Städte auch aus Klimaschutzgründen grundsätzliche Logistikkonzepte entwickeln, die den Paketdienstdschungel aus den Innenstädten verbannt.


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dpa
Schlagworte zum Thema:  Stadtplanung, Kommunen