Nach Spekulation: Hamburg prüft Vorkaufsrecht für Holsten-Areal

Das Projekt "Holsten-Quartier" im Hamburger Bezirk Altona stockt seit Jahren. Das Areal wird immer weiterverkauft. Aktueller Investor ist die finanziell stark angeschlagene Adler Group. Um weitere Spekulationen zu verhindern, will die Stadt nun die Flächen kaufen und Wohnungen bauen.

Eigentlich sollen auf dem 86.000 Quadratmeter großen Holsten-Areal in Hamburg mehr als 1.200 Wohnungen entstehen: Darunter rund 365 geförderte Mietwohnungen mit einer Mietpreis- und Belegungsbindung von 30 Jahren, 335 frei finanzierte Mietwohnungen, plus zirka 370 Eigentumswohnungen. Tatsächlich passiert ist bislang jedoch wenig bis nichts.

Statt dort Wohnungen zu bauen, wurden die Flächen immer weiterverkauft. Der Preis vervielfachte sich. Nun erwägt die Stadt selbst einzusteigen und prüft ihr Vorkaufsrecht – auch, weil es Zweifel am jetzigen Eigentümer gibt. Der angeschlagene Immobilienkonzern Adler soll eine sichere Finanzierungszusage abgeben.

Stadt Hamburg: Zweifel an Holsten-Quartier-Investor

"Wir haben großes Interesse daran, dass auf dem Holsten-Areal endlich die versprochenen Wohnungen gebaut werden", sagte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) am 5. Mai der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Daher würden nun behördenübergreifend alle Optionen geprüft. Dazu gehöre auch ein Erwerb der Flächen durch die Stadt.

Ob die Adler Group mit ihrem Projektentwickler Consus Real Estate das für Hamburg wichtige Projekt umsetzen kann, "muss bezweifelt werden", sagte Dressel. Der Immobilienkonzern hat erhebliche finanziellen Schwierigkeiten, zuletzt musste Adler einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro ausweisen. Diese Summe gilt nicht als gesichert, da die Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG dem SDax-Unternehmen das Testat für die Geschäftszahlen 2021 verweigert hat. Die Adler Group hat den rechtlichen Sitz in Luxemburg, den operativen Hauptsitz in Berlin.

Der Wohnungsbestand ist bereits drastisch geschrumpft, weil der Konzern Immobilien verkaufen muss, um die Verschuldung in Schach zu halten. Und der Kaufpreis für die unlängst übernommene Tochter Consus muss nahezu ganz abgeschrieben werden.

Preis für Holsten-Areal: Seit 2016 mehr als verfünffacht

Das Gelände war im Jahr 2016 von der Carlsberg-Brauerei zunächst an die Düsseldorfer Gerchgroup verkauft worden. Anschließend wurde es mehrfach weiterveräußert, ohne dass auf dem Areal gebaut wurde. Durch die Bodenspekulationen vervielfachte sich der Preis des Grundstücks. Nach Angaben der Linken-Bürgerschaftsfraktion hätte die Stadt das Areal 2016 für rund 65 Millionen Euro kaufen können. Stattdessen stehe es nun mit 364 Millionen Euro in den Adler-Bilanzen.

Entsprechend forderte die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Heike Sudmann, der Maßstab für einen möglichen Kauf durch die Stadt müsse der ursprüngliche Grundstückswert des Industriegebiets sein. Die Adler Group dürfe nicht für Spekulationen belohnt werden. Ähnlich reagierte der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW). "Das Holsten-Quartier zeigt, die Spekulation mit Grund und Boden führt in die Unbebaubarkeit", sagte Verbandsdirektor Andreas Breitner.

Eine Meinung, die Finanzsenator Dressel grundsätzlich teilt – es sei klar, dass ein Kauf nur zu einem angemessenen Preis erfolgen könne, betonte er. Wie hoch dieser tatsächlich sein könnte, ist völlig unklar.

Vorkaufsrecht: Premiere 2018 in St. Pauli

Im November 2018 hatte die Stadt Hamburg im Bezirk St. Pauli erstmals ihr Vorkaufsrecht ausgeübt. Es ging um 32 Wohnungen in der Hein-Hoyer-Straße. Der potenzielle Käufer des Grundstücks, ein Privatinvestor, wollte sich nicht verpflichten, die im Bezirk geltende Soziale Erhaltungsverordnung einzuhalten, teilten die teilten Finanz- und Stadtentwicklungsbehörde mit. Daher habe der Hamburger Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) vom Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht. Zum Kaufpreis wurden keine Angaben gemacht.

VNW-Direktor Breitner wertete die Entscheidung damals als "eine gute Entscheidung der Stadt". Anders als die Mietpreisbremse helfe die Ausübung des Vorkaufsrechts, die Situation auf dem Hamburger Wohnungsmarkt zu entspannen. So werde unmittelbar bezahlbarer Wohnraum gesichert. Das sei ein starkes Signal an alle Spekulanten, die Maximalprofite mit Wohnungen erwirtschaften wollen. "Die Botschaft 'Verhaltet Euch anständig, sonst greifen wir ein' ist richtig und wird sicher verstanden. Wer nicht hören will, muss fühlen", so Breitner.

Soziale Erhaltungsverordnung in 16 Gebieten

In Hamburg gibt es derzeit 16 Gebiete mit rund 316.800 Bewohnern, in denen die Soziale Erhaltungsverordnung gilt. Neben St- Pauli im Bezirk Hamburg-Mitte befinden sich allein sechs der Gebiete in Altona, wo auch das Holsten-Areal bebaut werden soll. Das Ziel der Verordnung ist es den Behörden zufolge, die Wohnbevölkerung vor Verdrängung durch Luxusmodernisierungen und durch die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen zu schützen. Bei jedem Verkauf wird geprüft, ob durch spekulative Absichten des neuen Eigentümers die Ziele der Verordnung gefährdet werden.

Gerade in stark nachgefragten zentralen Quartieren wie in St. Pauli oder der Sternschanze (Altona) besteht den Behörden zufolge ein hoher Aufwertungs- und Verdrängungsdruck.

Wie es aussieht, ist auch der Adler-Konzern nicht an einem Verkauf des zentral gelegenen Filetstücks auf dem früheren Areal der Holsten-Brauerei interessiert. Es sei vielmehr geplant, die Mietwohnungen nach Fertigstellung in den eigenen Bestand zu übernehmen und die Eigentumswohnungen an private Käufer zu veräußern, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage der dpa. "Wir wissen um den dringenden Bedarf für zusätzlichen Wohnraum in Hamburg und werden daher alles uns Mögliche tun, das Projekt so zügig wie möglich fertigzustellen. Selbstverständlich sei man jederzeit bereit, hierzu in den Dialog mit der Stadt und dem Bezirk zu treten.


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Schlagworte zum Thema:  Vorkaufsrecht, Miete