Zu viele Bauvorschriften kosten Wohnraum

DIN-Normen reformieren: Weniger Regeln, mehr Wirkung


Labyrinth mit Treppe

Komplexe Normen verteuern den Wohnungsneubau um bis zu 1.000 Euro pro Quadratmeter. Wissenschaftler und Baurechtsexperten schlagen jetzt eine Reform vor – das Potenzial: ein Drittel mehr Wohnungen. Ein Überblick.  

Normen sollen für klare und einheitliche Prozesse sorgen und Dinge vereinfachen. Doch am Bau gibt es aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) und dem Institut für Bauforschung (IFB) inzwischen  eine wahre Normenflut im Bau.

Normen müssten wirtschaftliche Lösungen bieten. Um das zu garantieren, solle eine unabhängige Stelle jede Änderung bei der Normung künftig intensiv prüfen, bevor diese verbindlich werde. Die Forschungsinstitute machen konkrete Vorschläge.

Ist eine Norm rechtlich bindend?

ARGE und IFB kommen in einem wissenschaftlichen Papier zu dem Schluss: Deutschland könnte ein Drittel mehr Wohnungen bauen. Dass das nicht klappt, liege an zu vielen und zu komplexen Normen, die den Neubau bremsen. Die Normung sei mit verantwortlich für Wohnungsnot, rasant steigende Kaufpreise und explodierende Mieten.

In Deutschland würden kontinuierlich immer neue, komplexere und schärfere Normen entwickelt. Rund ein Fünftel des seit 2020 verzeichneten starken Kostenanstiegs im Bau gehe auf neue oder sich geänderte Normen zurück. "Die Folge: Es wird weniger gebaut", sagte ARGE-Institutsleiter Dietmar Walberg. Die Institute bemängeln überbordende Normen bei der Energieeffizienz von Gebäuden oder dem Schallschutz.

"Fatal ist, dass die Qualität der Gebäude durch immer komplexere Normen nicht steigt", wie IFB-Direktorin Heike Böhmer erklärte. "Die Anzahl und vor allem die Kosten der Bauschäden haben stark zugenommen." Komplexere Bauprozesse führten zu Baufehlern.

Normen sind laut dem Deutschen Institut für Normung (DIN) zunächst grundsätzlich freiwillig in der Anwendung. Rechtsverbindlich werden sie, wenn nationale Gesetze oder eine EU-Verordnung auf sie verweisen. Im Baubereich sei das etwa bei 20 Prozent aller Normen der Fall, heißt es vom Institut. 

Normen-Reform: Was schlagen ARGE und IFB vor?

Mit weniger und vor allem besseren Normen hätte Deutschland erheblich mehr Wohnungen. Denn dadurch könnten die Gesamtkosten im Neubau um rund 1.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche gesenkt werden, heißt es in der Mitteilung.

Die Experten rechnen vor: Beim Neubau von Wohnungen habe es seit 2000 bundesweit eine Kostenexplosion um rund 245 Prozent gegeben. 20 Prozent des Kostenanstiegs gingen dabei auf das Konto "des ständigen Nach-oben-Schraubens von Normenstandards". Normen hätten in den vergangenen 25 Jahren die Gesamtkosten beim Neubau um rund 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche teurer gemacht.

ARGE und IFB fordern einen Fokus auf den Gebäudetyp E – ein Planungsansatz im Bauwesen, der auf nicht notwendige Ausstattungsmerkmale verzichtet und weniger Bürokratie erfordert. "Es gibt keine kostspieligen Extras: Auf komplexe und wartungsintensive Technik kann vielfach verzichtet werden", betonte Walberg. "Die Zahl der Steckdosen im Kinderzimmer oder Bad lässt sich in den meisten Fällen reduzieren."

Bund und Länder sollten verstärkt einen "Basis-Standard-Wohnungsbau" fördern. Es dürfe nicht länger einen "Nur-High-End-Standard" geben, sind sich Böhmer und Walberg einig.

Wissenschaftliches Hintergrundpapier von ARGE und IFB "Normung zwischen Ermöglichung und Überregulierung"

Wohnungseigentümer: Überflüssige Normen streichen

Das DIN hatte im vergangenen Jahr mit Plänen für eine neue Norm Eigentümerverbände und Politik aufgemischt: Der sogenannte Gebäude-TÜV wurde als Orientierungshilfe für Eigentümer und Betreiber von Wohngebäuden präsentiert. Im Mai 2025 zog der zuständige Ausschuss den Entwurf zurück.

Unter anderem der Landesverband Haus & Grund Rheinland Westfalen hatte das Institut im März 2025 aufgefordert, die Pläne zu verwerfen. Das DIN solle im Gegenteil seine Verantwortung für bezahlbares Wohnen ernst nehmen und darüber nachdenken, welche überflüssigen Normen gestrichen werden könnten, damit in Deutschland wieder bezahlbar gebaut und gewohnt werden könne.

In dem Entwurf einer "Verkehrssicherheitsüberprüfung für Wohngebäude" ging es etwa um die Befestigung von Dachrinnen, die Sicherheit von Balkongeländern und die Frage, ob Feuerlöscher alle zwei Jahre geprüft wurden.

 

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Schlagworte zum Thema:  Gesetz , Wohnungsbau , Wohnungspolitik
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