Ein ERP-System, das alle neuen Technologien abdeckt, könnte die Immobilienbranche überfordern. Mehr zu Entscheidungszyklen, First Movern und PropTechs.

Wie, Herr Dr. Westphal, stellen Sie denn sicher, dass Sie heute nichts anbieten, was erst in zehn Jahren am Markt trägt?

Westphal: Jede Entwicklung braucht ihre richtige Zeit. Ein schönes Beispiel ist die Künstliche Intelligenz, erfunden vor mehr als 50 Jahren. Aber erst jetzt gibt es die notwendigen Rechenkapazitäten und Datenmengen, um sie zu nutzen. Hätten wir heute ein neues ERP-System, das sämtliche neuen Technologien abdeckt, würde man die Branche sicher überfordern. In fünf bis zehn Jahren ist das anders. Dann muss jeder ein System bieten, an das alle Kunden und Partner andocken können.

Haben Sie, Herr Schulmann, denn überhaupt keinen First-Mover-Impetus?

Schulmann: Klar haben wir den! Wir wissen leider alle nicht, wann genau die Zeit für eine bestimmte Sache gekommen sein wird. Wir wollen es uns natürlich auch erlauben können, mit manchen Sachen zu früh da zu sein. Das haben wir im ERP-Markt in den letzten Jahren gut belegen können.

Westphal: Gerade damit haben viele PropTechs mit ihren tollen Technologien ihre Probleme. Denn die Entscheidungszyklen in der Immobilienbranche sind oft länger als die Lebenszeit eines PropTechs.

"Setzen auf Partnerschaft mit überlebensfähigen PropTechs"

Überstehen die PropTechs die beginnende wirtschaftliche Abkühlung?

Schulmann: Fakt ist, dass angesichts des Kursverfalls bei Tech-Aktien seit einigen Monaten auch die Investoren vorsichtiger werden. Wer bei Startups übrig bleibt, wird der Markt entscheiden.

Ist jetzt also die Zeit, selbst Technologie-Unternehmen aufzukaufen?

Vieker: Aufkaufen eher weniger. Wir setzen lieber auf Partnerschaft mit den überlebensfähigen PropTechs.

Westphal: PropTechs kommen und gehen. Was wir dagegen am Markt ausstrahlen, ist Sicherheit. Nicht zuletzt aus Kundeninteresse verhalten wir uns am Markt besonnen.

Vieker: Es ist gerade jetzt sinnvoll, nicht jedes Rad selbst neu zu erfinden, sondern auch Kooperationen zu nutzen.

Also, Herr Schulmann, kooperieren?

Schulmann: Wir sind sowohl an Kooperationen als auch an Beteiligungen interessiert. Entscheidend ist, was am Ende für den Kunden am meisten Sinn macht.

Kundenvorteil First Mover?

Und wie erklären Sie Ihren Kunden, dass es gut ist, ein First Mover zu sein?

Westphal: Mit Problemverständnis, modernen IT-Lösungen und der Sicherheit, auch noch in zehn Jahren am Markt zu sein. Das hilft den Kunden, in das neue Zeitalter einzusteigen.

Gilt das auch für Interessenten?

Dr. Westphal: Das gilt insbesondere für Interessenten. Denn unsere langjährigen Bestandskunden können bereits mit dem bestehenden System erste Digitalisierungsschritte gehen.