EU-Taxonomie: Welche Investitionen dürfen als nachhaltig gelten?

Die Europäische Kommission will die Nachhaltigkeit auch von Immobilieninvestments transparenter machen. Welche Geldanlage klimafreundlich ist, war bisher unklar. Nach langer Debatte wurde nun der finale delegierte Rechtsakt veröffentlicht, der Details für die sogenannte EU-Taxonomie regelt.

Mit der Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft (Sustainable Finance) wird es konkreter. Die Europäische Kommission hat am 21.4.2021 den lange erwarteten finalen sogenannten delegierten Rechtsakt mit den technischen Evaluierungskriterien für die Klimaschutzziele der seit 2020 geltenden EU-Taxonomie-Verordnung veröffentlicht. Auf dieser Grundlage wird, sollten Europaparlament und Rat zustimmen, ab dem 1.1.2022 bemessen werden, wann etwa ein Investment als nachhaltig im Sinne der Taxonomie gilt.

Das Paket der Kommission setzt an verschiedenen Stellen an, um Finanzierungen in die gewünschten Bahnen zu lenken – und definiert, welche wirtschaftlichen Aktivitäten "substanzielle positive Auswirkungen auf das Klima und die Umwelt" haben. Dies bezieht sich unter anderem auf erneuerbare Energien und den Gebäudebereich. Ziel ist ein EU-weites Klassifizierungssystem. "Der Markt will Klarheit", sagte EU-Finanzkommissarin Mairead McGuinness.

ESG-Offenlegungspflicht: Wie transparent soll es sein?

Am 10.3.2021 ist im ersten großen Schritt die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) – auch "Offenlegungsverordnung" genannt – in wesentlichen Teilen (Level 1) im Rahmen der ESG-Regulierung der Europäischen Union (EU) in Kraft getreten. Das Reporting von Nachhaltigkeitskriterien ist mit diesem Tag verpflichtend geworden; auch für Player der Immobilienbranche. Die Ausführungsbestimungen, die sogenannten ESG-Kriterien "Environmental" (Umwelt), "Social" (Soziales), "Governance" (Unternehmensführung) – orientieren sich an einem nachhaltigen Handeln und berücksichtigen dabei Aspekte wie den Klimawandel oder die Umweltverschmutzung ebenso wie soziales Engagement, Compliance und den Anlegerschutz.

Umgesetzt werden muss die Verordnung auch von Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVG), damit wird das ESG-Reporting unter anderem für Immobilienfondsmanager verpflichtend. Sie müssen offenlegen, inwiefern sie ESG-Merkmale oder ESG-Ziele erfüllen oder nachhaltige Risiken berücksichtigen.

Die Finanzmarktteilnehmer müssen die Vorgaben aus der Offenlegungsverordnung selbst erfüllen. Bei Immobilienfonds zum Beispiel sind grundsätzlich an drei Stellen Angaben zur Nachhaltigkeit zu machen: In Verkaufsprospekten, in Jahresberichten und auf der Homepage der KVG. Anleger sollen sich so schon vor der Anlageentscheidung ein Bild machen können, welche Folgen die Investition für Klima, Soziales und Unternehmensführung hat.

Delegierter Rechtsakt zur Taxonomie-Verordnung

Ursprünglich sollte die gesamte EU-Verordnung über die Offenlegung von Informationen über nachhaltige Investitionen und Nachhaltigkeitsrisiken ab dem 10. März gelten, doch es hakte bei den Kriterien (Level 2), die nun vorgelegt wurden. Der delegierte Rechtsakt zur Taxonomie soll Ende Mai verabschiedet werden.

Mit Level 2 der Offenlegungsverordnung können weitreichende Anforderungen der EU-Taxonomie in Kraft treten. Die Taxonomie, das Herzstück der ESG-Regulierung, trat am 12.7.2020 in Kraft. Kern ist ein 600 Seiten starker Bericht der technischen Expertengruppe (TEG), der für verschiedene Branchen – unter anderem für die Bau- und Immobilienbranche – strenge Vorgaben macht. Der Richtlinienvorschlag muss aber erst noch durch das Gesetzgebungsverfahren und dürfte erst in einigen Monaten konkreter werden.

"Die ersten Pflichten aus der Taxonomie sollen ab 1.1.2022 anwendbar sein; weitere Pflichten spätestens ab dem 31.12.2022", erläuterte Iris Hagdorn, Head of Sustainability der Warburg-HIH Invest. Angesichts der komplexen Fragestellungen bleibe den Immobilienunternehmen wenig Zeit zur Vorbereitung.

EU-Kommission bessert beim Gebäudesektor nach

Die technischen Evaluierungskriterien für Nachhaltigkeit im Sinne der Taxonomie-Verordnung legte die EU-Kommission bereits am 20.11.2020 vor. Weil es viel Kritik von Wissenschaftlern aus mehreren EU-Ländern gab, musste nachgebessert werden. Darauf weist der Immobilien-Investmentmanager Warburg-HIH Invest hin. Der Kern war: Die von der TEG vorgeschlagenen Kriterien basierten auf einer CO2-Obergrenze für wirtschaftliche Aktivitäten, die bis 2050 – dem geplanten Erreichen der Klimaneutralität – kontinuierlich bis auf Null reduziert werden sollen. Dieser Ansatz fand sich in den Level-2-Verordnungen bisher nicht wieder.

"Es gibt immer noch viele offene Fragen bei der praktischen Umsetzung. Aber für den Gebäudesektor haben sich noch wichtige Änderungen ergeben", sagte Jochen Schenk, Vizepräsident beim Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA). Verbesserungen gab es laut Schenk im Bereich der Kriterien für Bestandsgebäude. Künftig kommen als Alternative zu einem ausgewiesenen Energy Performance Rating (EPC) der Klasse A auch Gebäude in Frage, die im Hinblick auf ihren Primärenergiebedarf zu den "Top 15 Prozent" des nationalen oder regionalen Gebäudebestands zählen.

Die Kriterien für den Neubau wurden entschärft: "Hier hat die Kommission den ursprünglich geforderten Primärenergiebedarf von 20 Prozent unterhalb der nationalen Vorgaben für Niedrigenergiegebäude auf zehn Prozent abgesenkt", so Schenk.


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