Fondsanleger schwenken um: Wohnen statt Büro

News 14.07.2020 Immobilientrendstudie
Fondsanleger schwenken um: Wohnen statt Büro

Jahrelang war das Büro Anlegers Liebling. Jetzt schwenken Fondsinvestoren um auf (vor allem deutsche) Wohnimmobilien. Sie gelten als besonders krisensicher und nachhaltig. Immer häufer sind ESG-Kriterien entscheidend für ein Investment. Wealthcap hat die Trends identifiziert.

Erstmals seit acht Jahren, seitdem Wealthcap die jährliche Immobilientrendstudie erhebt, erobern Wohnimmobilien bei Anlegern in Publikumsfonds mit rund 76 Prozent die Spitzenposition der attraktivsten Nutzungsarten. Im Vorjahr waren es noch 64 Prozent. Massiv an Bedeutung verloren haben die bislang beliebten Büroinvestments: Das Interesse der Anleger ging um etwa ein Drittel (30 Prozent) zurück. Die Zustimmung liegt in der aktuellen Umfrage nur noch bei knapp 60 Prozent.

"Vor dem Hintergrund von Covid-19 und ihrer grundsätzlichen Resilienz in Krisenzeiten gewinnen Wohnimmobilien stark an Beliebtheit." Sebastian Zehrer, Leiter Research bei Wealthcap

Der Assetklasse Wohnen wird auch die größte Zukunftsfähigkeit zugesprochen. 85 Prozent der Studienteilnehmer stimmten dem zu. Bei den Büros waren es lediglich 31 Prozent. Befragt hat das Emissionshaus für die Ausgabe 2020 zwischen Mitte April bis Ende Mai 58 Vermögensverwalter, Finanzvertriebsexperten, Sparkassen, Genossenschafts- und Privatbanken zu ihren Anforderungen an Immobilien-Publikumsfonds.

Value-add mit Wertsteigerungspotenzial im Kommen

Dabei setzen immer mehr der Investoren auf deutsche Immobilien, heißt es in der Studie. Es werde deutlich, dass Anleger langfristig nachhaltige Investments suchen – dafür stünden in Deutschland die Chancen besonders gut. 94 Prozent der Investoren sehen das so. In der Umfrage 2019 waren es 90 Prozent. Die Immobilienlage wird dabei am häufigsten als sehr wichtig bezeichnet.

Deutlich mehr Investoren als früher – mittlerweile ist es exakt die Hälfte der Befragten – erwärmen sich für Value-add-Immobilien mit Wertsteigerungspotenzial. Das entspricht laut Wealthcap einer Steigerung um zehn Prozent seit 2017. Wie im Vorjahr liegen auch 2020 Core-Objekte klar auf Platz eins mit knapp 74 Prozent Zustimmung, aber nicht mehr so unangefochten wie in den Vorjahren. 2018 gaben das noch 80 Prozent der Experten an.

Auch Projektentwicklungen stellen für eine zunehmende Zahl von Investoren eine Option für Immobilienanlagen dar. Knapp jeder Dritte kann sich vorstellen bereits in der Projektphase zu investieren, 2018 war es nur jeder vierte Investor.

ESG-Kriterien gewinnen stark an Bedeutung

Das Thema "ESG", also ökologische und soziale Aspekte sowie Aspekte der Unternehmensführung, hat sich längst als Standard für nachhaltige Immobilienanlagen etabliert. Wealthcap hat für die aktuelle Trendstudie erstmals nach der Bedeutung von ESG-Faktoren für die Investitionsentscheidungen der Studienteilnehmer gefragt. Mehr als die Hälfte der Experten erachtet ESG-Kriterien als sehr wichtig. Knapp ein Drittel bezeichnet ESG-Compliance als wichtigstes Investitionskriterium auf Produktebene. Nur jeder zehnte Befragte stuft ESG-Kriterien als unwichtig ein.

"Neben der wirtschaftlichen und finanziellen Nachhaltigkeit spielt auch die ökologisch-soziale Komponente eine zunehmend wichtige Rolle in der Beurteilung von Produkten und Anbietern." Werner Harteis, Head of ESG Corporate bei Wealthcap

Auf Nachhaltigkeit setzt auch der Immobilienfondsspezialist BVT mit seinem im Januar aufgelegten geschlossenen Dachfonds "BVT Concentio Energie & Infrastruktur". Dabei will das Fondsmanagement unter anderem auf die 17 Ziele der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und damit auf ESG-Kriterien setzen. Geldanlagen würden nicht mehr ausschließlich nach Risiko und Rendite beurteilt, begründet die BVT Unternehmensgruppe das Engagement.

Green-Bond-Fonds und ESG-Mindeststandards

"Grüne" Anleihen (Green Bonds) werden einer Studie der Scope Analysis GmbH (Berlin) zufolge insgesamt immer beliebter. Weltweit seien etwa im ersten Halbjahr 2019 solche Green Bonds mit einem Volumen von 118 Milliarden US-Dollar emittiert worden. Das entspricht laut Scope im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2018 einem Wachstum um 48 Prozent. Und das Investoreninteresse sei ungebrochen: Häufig seien Neuemissionen stark überzeichnet. Gemessen am Emissionsvolumen im internationalen Vergleich lag Deutschland im Scope-Rating auf Rang fünf.

Stand Ende Oktober 2019 waren in Deutschland Scope zufolge 29 Green Bond Fonds zum Vertrieb zugelassen; das aggregierte Fondsvolumen der 29 Fonds lag bei knapp 5,8 Milliarden Euro – ein Zuwachs um rund 150 Prozent im Vergleich zur Vorjahresstudie. Alle Fonds haben Scope zufolge ESG-Mindeststandards definiert. Neben den grünen Anleihen erwartet Scope auch vermehrt Emissionen von sozialen und nachhaltigen Anleihen.

Zur Wealthcap-Immobilientrendstudie 2020 – Anforderungen an Immobilienfonds und institutionelle Zielfonds


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