Experteninterview Teil 2

Was tun, wenn die körperlichen Beschwerden am Arbeitsplatz zunehmen

Carina Weber ist seit 2012 examinierte Physiotherapeutin und seit 2013 selbstständige Unternehmerin. Im Dezember 2022 gründete sie gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner das Gesundheitsunternehmen therathletic in Staufen. Nach dem Leitgedanken “bewegt leben” werden innovative Gesundheitsansätze unter der Idee der Salutogenese mit Therapie und Athletiktraining zu einem ganzheitlichen Gesundheits- und Präventionskonzept verbunden. 

Geschäftsfrau arbeitet im Stehen

Frau Weber, im vorherigen Interview haben wir uns über muskuloskelettale Beschwerden, deren Ursache und Entwicklung am Arbeitsplatz unterhalten. Nun wollen wir darüber sprechen, welche Maßnahmen bei Beschwerden zur Linderung selbstständig durchgeführt werden können. Außerdem wollen wir darüber sprechen, wie mithilfe der Führungsebene diesen Beschwerden am besten entgegengewirkt und vorgebeugt werden kann.

Welche Maßnahmen oder Übungen können Mitarbeitende sofort umsetzen, um grundsätzliche Beschwerden zu reduzieren?

Grundsätzlich geht es darum, dass der Mensch eine Grundidee davon erhält, warum Beschwerden entstehen können. Wer die physiologischen Zusammenhänge des eigenen Körpers versteht, ist eher bereit, entsprechende Maßnahmen aktiv umzusetzen. Edukation ist dabei der entscheidende Schlüssel.

Wie wichtig sind kurze Bewegungs- und Mikropausen im Arbeitsalltag?

Sie sind elementar wichtig und die Basis, um sich am Arbeitsplatz gesund zu erhalten! Machen Sie sich an dieser Stelle bewusst, wie viele Stunden des Tages Sie allein in der sitzenden Position verbringen! Unsere Körper sind nicht für statische, starr eingenommene Dauerpositionen ausgerichtet, sondern für Bewegungsvielfalt und -variation! Hierzu empfehle ich beispielsweise, mit einem Timer zu arbeiten, der einmal stündlich daran erinnert, sich aus der aktuell eingenommenen Arbeitsposition herauszubewegen, und zwar genau in die Gegenrichtung. Wer sitzt, steht also kurz auf und streckt sich. Wer steht, geht kurz in die Hocke. Wer konzentriert auf einen Bildschirm schaut und eine Excel-Tabelle bearbeitet, schließt für 3 Minuten die Augen und bewegt dabei den Kopf nach links und rechts. Diese kurzen Impulse helfen bereits sehr stark, Beschwerden vorzubeugen, noch bevor sie sich als Schmerzen manifestieren.

Wie kann ein ergonomisch sinnvoller Arbeitsplatz aussehen – sowohl im Büro als auch im Homeoffice?

Ich schätze, wir müssen hier nicht mehr über adäquat große Bildschirme, Tastaturen und gute Lichtquellen sprechen. Diese Maßnahmen sind klar erforderlich, auch zu Hause. Die Nutzung des höhenverstellbaren Schreibtischs sollte aktiv in den Tag eingeplant werden. Eine passende Arbeitsplatzbrille und ein Headset für Telefonate ergänzen die Liste. Außerdem sind Bewegungsmaßnahmen wie der Gang zum Drucker oder ins benachbarte Büro sinnvoll.

Welche Rolle spielen Präventionsprogramme oder das BGM?

Leider eine geringere Rolle als zumeist angenommen, da Angebote oft gar nicht richtig genutzt werden. Deutschland belegt außerdem den vorletzten Platz in Sachen Prävention. Ein Grund dafür könnte sein, dass diese Maßnahmen zu unspezifisch für den Einzelnen sind und unser ganzes Gesundheitssystem auf Kuration aufbaut. Oft kann es zielgerichteter sein, in einem Gespräch mit dem Mitarbeitenden herauszufinden, welche Maßnahme er aktuell wirklich bräuchte, um sich individuell gesund zu halten.

Wie können die Führungskräfte die Mitarbeitenden im Arbeitsalltag unterstützen?

Ganz klar: durch Vorbildfunktion. Die Unternehmen, die wir in diesen Themen beraten, starten ihr wöchentliches Führungskräfte-Meeting beispielsweise mit einer 5-minütigen Bewegungseinheit. Einfach, unaufgeregt und für alle sinnvoll. Interessant sind auch Gedanken wie, „Walk-and-Talk“ Besprechungen abzuhalten, anstatt nur am Konferenztisch zu sitzen.

Wie kann es gelingen, dass die Beschäftigten selbst Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen?

Durch Edukation. Wer Zusammenhänge versteht, begreift, warum er Dinge tun oder lassen sollte.

Was sind aus Ihrer Sicht die effektivsten Strategien, um langfristig beschwerdefrei zu bleiben?

Eine gewisse Achtsamkeit sich und seinem Körper gegenüber zuzulassen. Unser Körper äußert sich in der Regel, wenn sich Beschwerden aufbauen. Damit kann man direkt ins Tun kommen.

Welche Botschaft möchten Sie den Mitarbeitenden mitgeben, die bereits körperliche Beschwerden verspüren? 

Nicht aufschieben, sondern loslegen und das zielgerichtet und mit einem Plan. Unterstützen können Sie dabei Menschen, die sich auf das Thema Gesundheit und Bewegung spezialisiert haben. 

 

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