Experteninterview

Muskuloskelettale Erkrankungen: Hauptursache für Fehlzeiten


Frau Rückenschmerzen

Muskuloskelettale Erkrankungen waren 2024 mit 19,8 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Fehlzeiten. Körperliche Fehlbelastung, Bewegungsmangel und wachsender Arbeitsdruck – im Pflegeberuf ebenso wie am Bildschirmarbeitsplatz – schaffen ein Umfeld, in dem Beschwerden des Bewegungsapparates kaum ausbleiben. Wer dem entgegenwirken will, kommt um ein ganzheitliches betriebliches Gesundheitsmanagement nicht herum.

Carina Weber begegnet den Folgen muskuloskelettaler Beschwerden täglich in ihrer Physiotherapeutischen Praxis. Ein großer Teil ihrer Patienten kommt mit Beschwerden, die auf Fehlhaltungen und einseitige Belastungen am Arbeitsplatz zurückzuführen sind. Diese Erfahrung macht sie zur Expertin für genau jene Beschwerdebilder, die im betrieblichen Kontext besonders häufig auftreten.

Frau Weber, im Jahr 2024 lag der Prozentsatz von AU-Tagen aufgrund von muskuloskelettalen Erkrankungen bei 19,8 Prozent und waren somit die häufigste Ursache für die Fehlzeiten von Arbeitnehmenden. Können Sie sich erklären, warum dieser Prozentsatz so hoch ist?

Viele Arbeitsplätze erzeugen eine hohe körperliche Beanspruchung, wie das z. B. in der Pflege, dem Handwerk und logistischen Arbeitsbereichen der Fall ist oder andererseits starke statische Belastung wie langes Sitzen am Bildschirm bei Bürotätigkeiten. Hinzu kommt, dass Erholungszeiten zunehmend eingeschränkt werden, weil beispielsweise kranke Teamkollegen kompensiert werden müssen oder Stellen langfristig unbesetzt bleiben. 


Welche Hauptursachen führen aus Ihrer Sicht zu diesen Beschwerden und wie stark beeinflussen Bewegungsmangel und lange Sitzzeiten die Entstehung von Beschwerden?

Der moderne Arbeitsalltag ist häufig durch Bewegungsmangel und monotone Haltungen mit einem gleichzeitig zu hohen Arbeitsaufkommen geprägt. Immer wieder treffen wir außerdem auf schlecht eingerichtete Arbeitsplätze oder vorhandene, jedoch nicht genutzte ergonomische Büromöbel. So manches Homeoffice bedürfte mit Sicherheit auch einer Anpassung. Zu oft wird hier am kleinen Laptop gearbeitet, was alles andere als hilfreich ist, sich am Arbeitsplatz gesund zu halten. Hinzu kommt eine beständige Zunahme der Geschwindigkeit, was die Abläufe einzelner Prozesse angeht. Pausen werden gekürzt oder gar vor dem Bildschirm verbracht. Die Mitarbeitenden fühlen sich zunehmend gestresst. Diese Faktoren begünstigen die Zunahme von körperlichen Beschwerden und Schmerzen. 


Welche Bedeutung haben psychische Belastungen oder Stressfaktoren für körperliche Symptome? 

Stress ist primär einmal eine lebensnotwendige Anpassungsreaktion des vegetativen Nervensystems auf eine Situation, in der gehandelt werden muss, um in seiner Urform erst einmal das Überleben des Individuums zu sichern. Über Hormone und das vegetative Nervensystem wird eine schnelle Anpassung verschiedenster Bereiche des Körpers veranlasst, um schnell handlungsfähig zu werden. Der Ursprung hierfür liegt in unserem Instinkt, Flucht oder Kampf. Findet dieser Mechanismus täglich statt, weil wir uns z. B. dauerhaft in einer Überlastungssituation befinden, finden langfristig weitreichende Umstellungen innerhalb des Körpers statt. Diese können sich in verschiedenen körperlichen Symptomen zeigen, die mitunter sehr weitreichend sein können. 


Welche Rolle spielt die digitale Arbeitswelt bei der Entwicklung körperlicher Beschwerden?

Wie bereits erwähnt, spielt die zunehmende Geschwindigkeit durch die Digitalisierung eine erhebliche Rolle hinsichtlich der Stressbelastung des Menschen an seinem Arbeitsplatz. Prozesse, die vor einigen Jahren noch Zeitpuffer mit sich gebracht haben, sind heute nicht mehr vorhanden. Gleichzeitig übernimmt Technik heute auch Aufgaben, die noch vor wenigen Jahren einzelne Arbeitsabläufe deutlich erschwert haben, wodurch neue Gestaltungsräume entstehen. Spannend wird sein, wie diese genutzt werden.


Erleben Sie Unterschiede zwischen verschiedenen Berufsgruppen oder Tätigkeitsbereichen? 

Das kann man so nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten, da Kontextfaktoren definitiv eine erhebliche Rolle spielen. Natürlich hat ein Handwerker in der Regel eine deutlich höhere Belastung auf der rein körperlichen Ebene schon in seinem beruflichen Alltag und dementsprechend abends wenig Energie, noch ausgleichende Kräftigungsübungen zu absolvieren, um sich langfristig gesund zu halten. Im mittleren Management sind die Mitarbeitenden anderen Anforderungen ausgesetzt. Hier spielt oft die nicht einfache Sandwichposition zwischen Geschäftsführung und Team, die Stress verursachen kann und die es zu händeln gilt, eine Rolle. Insgesamt verzeichnen wir in verschiedenen Arbeitsbereichen ein Umdenken dahin, dass die Menschen ihren Arbeitsweg mit Bewegung verbinden und z. B. mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren. 


Konnten Sie in Ihrer Arbeit beobachten ob und wie sich die körperlichen Beschwerden von Mitarbeitenden in den letzten Jahren verändert hat?

In den letzten Jahren verschieben sich die Gründe, warum Menschen außerhalb der Orthopädie zu uns kommen. Vom Rückenschmerz hin zu chronischen Spannungskopfschmerzen oder dem immer häufigeren Fatigue-Syndrom. Auch internistische Themenfelder, wie dem Zustand nach Herzinfarkt oder Bluthochdruck schon in recht jungen Jahren, treffen wir immer wieder in unserem Arbeitskontext an. 


Spüren Sie, dass Beschäftigte heute sensibler oder bewusster mit ihrem Körper umgehen als früher?

Es ist grundsätzlich ein Umdenken zu spüren hinsichtlich der Eigenverantwortung gegenüber dem eigenen Körper. Viele junge Arbeitnehmer arbeiten nicht in Vollzeitverträgen, sondern in Teilzeit, weil sie mehr Wert auf ihre Work-Life-Balance legen. Die Akzeptanz von Angeboten aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement ist jedoch noch immer sehr verhalten.


Wo sehen Sie Ihre Verantwortung als Arbeitgeberin?

Durch ausführliche Edukation und ein aktives, beispielhaftes Vorangehen durch Vorgesetzte und innerbetriebliches Gesamtkonzept für Gesundheit, das Raum für individuelle Lösungen bietet, kann dies so implementiert werden, dass der einzelne Mitarbeitende auch wirklich profitiert. 


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